Der indische Kapitän Smit Machchhar blutete aus mehreren Stichwunden, als er die Cockpittür öffnete. Der Pilot des Flydubai von Dubai nach Tel Aviv war kurz zuvor von seinem eigenen Co-Piloten mit einem Messer angegriffen worden, während die Boeing mit 174 Passagieren rund 4000 Meter absackte. Durch die offene Tür stürmten Passagiere ins Cockpit, überwältigten den Angreifer und fesselten ihn. So schildern es Mitreisende den Flug israelischen Medien. Eine zusätzliche Crew landete die Maschine anschließend im saudischen Tabuk.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte am Abend, der indische Pilot und die Israelis, die das Cockpit stürmten, hätten ein zweites 9/11 verhindert. Ob der Co-Pilot die Maschine über einer israelischen Stadt abstürzen lassen wollte, ist bislang offen. Israelische Ermittler prüfen laut Jerusalem Post, ob er es allein auf die Passagiere abgesehen hatte oder möglichst viele weitere Opfer am Boden treffen wollte.
Zu den Passagieren, die den Co-Piloten überwältigten, gehörten nach Berichten israelischer Medien Assaf Rajwan, Tzvika Manes und Yaniv Hayun. Ein Mitreisender mit medizinischer Ausbildung stillte die Blutungen des Kapitäns. Machchhar ist inzwischen stabil. Indiens Premierminister Narendra Modi feierte ihn auf X als Helden. Machchhar selbst blieb bescheiden. „Als Pilot habe ich einfach meine Pflicht getan“, schrieb er daraufhin.
In sozialen Netzwerken kursiert inzwischen ein älterer Clip, in dem Machchhar über die Rolle der Crew bei Notfällen an Bord spricht. Besatzungsmitglieder könnten Leben retten, wenn etwas schiefgehe, sagt er darin.
Holte ein Klempner die Maschine aus dem Sinkflug?
Wer die Maschine aus dem Sinkflug holte, ist noch nicht geklärt. US-Präsident Donald Trump erzählte im Weißen Haus, ein israelischer Klempner ohne Flugerfahrung habe den Co-Piloten aus dem Sitz gezogen, den Steuerknüppel gegriffen und das Flugzeug abgefangen. Das nötige Wissen habe er aus der US-Fernsehserie „Air Disasters“. Israelische Medien gehen davon aus, dass Trump Yaniv Hayun meinte. Die Geschichte habe er von Netanjahu gehört, sagte Trump und schränkte ein: „Ich weiß nicht, ob das stimmt.“ Flydubai erklärte, mitreisende Crewmitglieder hätten die Kontrolle übernommen.
Ermittlungen zu den Motiven des Tätern laufen an
Israels Sicherheitsbehörden gehen nach Medienberichten von einem Einzeltäter aus, der nicht im Auftrag Irans oder einer Terrorgruppe handelte. Der Mann ist demnach omanischer Staatsbürger. Netanjahu sagte dem US-Sender Fox News, er kenne den genauen Hintergrund nicht, „aber er hat Israelis offensichtlich gehasst“. Für eine Aussage über eine iranische Beteiligung sei es zu früh. Trump nannte den Co-Piloten nach einem Telefonat mit Netanjahu „vielleicht einen Terroristen oder einen Spinner“.
Erst wenige Tage zuvor hatte Netanjahu, es gebe Hinweise, dass Israels Feinde vor der Parlamentswahl Ende Oktober angreifen wollten. Ob der Angriff im Cockpit damit in Verbindung steht, ist bisher noch nicht bekannt.
Harel Chorev, Nahost-Experte an der Tel Aviv University, hält zwei Varianten für denkbar. Der Co-Pilot könne als Einzeltäter aus dschihadistischen Motiven gehandelt haben. Ebenso möglich sei ein Täter, den vor allem persönliche Gründe antrieben und zusätzlich dschihadistische Überzeugungen. „Einzeltäter leiden oft unter Depressionen, persönlichen Problemen oder Krankheiten. Sie wollen sterben“, erklärt Chorev dieser Zeitung. „Kommt dann der dschihadistische Glaube hinzu, dass man ins Paradies kommt, wenn man viele Juden tötet, ist das der entscheidende Punkt, den man derzeit verstehen muss.“
Unklar ist zunächst noch, ob der Mann allein gehandelt habe oder ob staatlich gesteuerter Terror dahinterstehe, etwa aus Iran. „Oft finden sie die richtige Person für ihre Zwecke und schicken sie los. Ob das hier der Fall war, wissen wir noch nicht.“
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Die verstärkten Cockpittüren, die nach den Anschlägen vom 11. September eingeführt wurden, sollen Angreifer aus der Kabine fernhalten. Gegen einen Piloten, der schon im Cockpit sitzt, helfen sie wenig. Beim Germanwings-Absturz 2015 in den französischen Alpen nutzte der Co-Pilot die Tür, um den Kapitän auszusperren. Auf Flug FZ1073 war es umgekehrt. Der verletzte Kapitän öffnete sie für die Retter.
Ein gemeinsames israelisches Sicherheitsteam untersucht nun, wie der Co-Pilot ein Messer ins Cockpit bringen konnte. Geprüft werde zudem, warum ein omanischer Pilot einen Flug nach Israel steuern durfte, obwohl Absprachen mit den Emiraten das ausschließen. Schin-Bet-Chef David Zini drängte laut Jerusalem Post auf einen vorübergehenden Stopp der Flüge zwischen den Emiraten und Israel, Verkehrsministerin Miri Regev schloss sich an.
Saudi-Arabien hält Abstand
Die Ermittlungen führt Saudi-Arabien. Riad verhört den Co-Piloten, Israel erhält Informationen nur aus zweiter Hand oder von Passagieren. Auch die Heimreise zeigte die Grenzen der Annäherung. Nach Informationen der Jerusalem Post lehnte Saudi-Arabien ab, dass eine Maschine der israelischen Luftwaffe oder von El Al die Passagiere abholt. „Israel muss verstehen, dass sich eine Normalisierung nicht erzwingen lässt“, zitiert die Zeitung eine Quelle aus dem Umfeld des Königshauses. Nach rund sechs Stunden brachte eine zweite Flydubai-Maschine mit vom Mossad überprüfter Crew die Passagiere nach Israel. Viele hatten sich zunächst geweigert einzusteigen.
Mit den Emiraten scheint der Draht dagegen zu halten. Präsident Mohammed bin Zayed telefonierte nach dem Vorfall mit Netanjahu, Präsident Isaac Herzog kündigte eine gemeinsame Untersuchung an. Chorev sieht darin eher eine Chance für die Beziehungen. Der Fall könne beide Seiten ermutigen, ihre Sicherheitszusammenarbeit und den Austausch von Geheimdienstinformationen auszubauen.
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