Forscher rätseln darüber, welcher Erreger die nächste weltweite Grippewelle auslösen wird

Warten auf das Supervirus

Susan Schädlich
5 Min

Im Wettlauf mit dem Grippevirus haben die US-amerikanischen Gesundheitswächter alles auf eine Karte gesetzt. Sie rechnen damit, dass das Virus H5N1 eine weltweite Grippewelle auslösen wird und arbeiten seit Monaten an einem Impfstoff, der bei Ausbruch einer aggressiven Grippe Millionen Menschen gegen den Erreger schützen soll. Bislang grassiert H5N1 vor allem in Vögeln. Mit den Tieren hat sich das Virus von Südostasien aus inzwischen nach Russland und Kasachstan ausgebreitet. Dabei ist es durch kleine Erbgutveränderungen zwar zum Teil gefährlicher geworden. Noch aber stecken sich Menschen nur vereinzelt bei Tieren an, das Virus springt nicht von Mensch zu Mensch.Falls das Virus diese Fähigkeit erlangt, sind die Amerikaner nun wenigstens ein bisschen vorbereitet. Wie Anthony Fauci, Leiter des National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Atlanta der New York Times sagte, sei der erste Schritt bei der Entwicklung eines H5N1-Impfstoffs für Menschen geschafft. In Tests an 113 Freiwilligen habe die Schutzimpfung deren Immunsystem dazu angeregt, schützende Antikörper zu produzieren. Nun will die US-Regierung den Impfstoff vom französischen Pharmakonzern Sanofi-Pasteur in großen Mengen herstellen lassen.Es ist jedoch möglich, dass dieser Impfstoff nie benötigt wird. Zwar sind sich die Experten einig, dass der Welt eine schwere Grippewelle bevorsteht, eine Pandemie. Doch ob H5N1 der Auslöser sein wird, ist noch unklar. Auch andere Viren aus der Familie der so genannten Influenzaviren kommen dafür in Frage.Die Wandlung der VirenEin Grippevirus kann eine Pandemie auslösen, wenn es neu ist für das menschliche Immunsystem und stark krankmacht. Bei jenen Grippeviren, die sich jedes Jahr im Winter ausbreiten, ist dies gewöhnlich nicht der Fall. Denn für das Immunsystem sind diese Influenza-A-Viren der Subtypen H1N1 und H3N2 sowie Influenza-B-Viren alte Bekannte. Zwar wandeln auch diese Erreger mittels minimaler Erbgut-Veränderungen jedes Jahr ihre äußere Gestalt. Die vorhandenen Antikörper des Menschen passen dann nicht mehr perfekt zu den Viren und töten nicht alle Erreger ab. Das Immunsystem ist ihnen jedoch nicht ganz schutzlos ausgeliefert. Um mit dieser Wandlungsfreudigkeit Schritt zu halten, produzieren Pharmakonzerne außerdem jedes Jahr aktuelle Impfcocktails. Geimpften bieten sie einen 60- bis 80-prozentigen Schutz vor den aktuellen Grippeerregern.Eine Pandemie hingegen droht, wenn die Viren ihr Erbgut in einem Schritt gravierend ändern. Möglich ist dies, weil die Erreger problemlos Gene miteinander austauschen können. Alle acht Gene des Erregers liegen nämlich nebeneinander auf separaten Strängen (siehe Grafik). Zwei Grippeviren können so 256 verschiedene Mischviren mit deutlich veränderten Eigenschaften zeugen.Auf diese Weise könnten sich auch menschliche Grippeviren mit denen von Vögeln mischen. Häufig geschieht dies in Schweinen, denn die Tiere sind empfänglich für beide Virustypen. Weil infizierte Schweine selten selbst erkranken, kann der neue Erreger so lange unbemerkt bleiben, bis er auf den Menschen übergegangen ist. Besonders gefährlich wird es, wenn bei dem Viren-Rendezvous jene zwei Gene ausgetauscht werden, welche die Oberflächeneiweiße mit den Kürzeln H und N verschlüsseln. Mit einem neuen H-Protein etwa (die Abkürzung steht für das Eiweiß Hämagglutinin, mit dem sich die Viren an Zellen binden) kann das Virus dem Immunsystem wie mit einer Tarnkappe entwischen. Die Abwehrzellen erkennen den Erreger schlichtweg nicht. Im schlimmsten Fall breitet er sich rasant aus.Das Vogelvirus H5N1 scheint für eine solch verheerende Liaison im Augenblick der wahrscheinlichste Kandidat. Bislang fielen ihm mehr als 100 Millionen Hühner und andere Vögel zum Opfer. Und der Erreger breitet sich weiter aus. Vereinzelt ging er bereits auf den Menschen über. Mindestens 57 Infizierte tötete er auch.Doch nicht alle Experten glauben, dass ein Mixvirus die Hauptgefahr darstellt. So etwa der emeritierte Gießener Forscher Christoph Scholtissek. "Die heutigen menschlichen Viren unterscheiden sich mittlerweile stark von den Vogelviren", sagt der Virologe, der den Erreger-Mix im Labor simuliert hat. Scholtissek infizierte Hundenierenzellen gleichzeitig mit einem menschlichen H3N2-Influenzavirus von 1995 und mit verschiedenen Vogelgrippeviren. Das Ergebnis sei erstaunlich gewesen, berichtet der Grippeexperte. "Wir bekamen nur Krüppel, die nicht in der Lage wären, eine Pandemie auszulösen." In den Zellen in der Petrischale vermehrten sich die erzeugten Mischviren nur schlecht.Gefährliche KombinationenErfolgreich hingegen verlief der Versuch des Forschers, den Weg zur Pandemie von 1968 im Labor nachzustellen. Scholtissek infizierte Hundenierenzellen mit einem menschlichen H2N2- und einem H3-Vogelvirus. Dabei entstand ein Mischvirus, das sich explosionsartig in den Zellen in der Petrischale ausbreitete. "Offenbar waren sich die Viren damals noch ähnlicher", sagt der Forscher.Heute jedoch, knapp vierzig Jahre später, fürchtet der Virologe einen anderen Pandemie-Auslöser. "Es ist möglich, dass ein Vogelvirus allein die Speziesbarriere überschreitet und nicht nur Vögel angreift, sondern auch Menschen", sagt Scholtissek.Experten sehen nicht nur H5N1 als Kandidaten für ein solches Einzelgänger-Szenario. Der renommierte Grippeforscher Robert Webster vom St. Jude Children's Research Hospital im amerikanischen Memphis zum Beispiel platziert auch die Vogelviren der Subtypen H6, H7 und H9 oben auf der Liste der Pandemie-Anwärter. Zumindest gelang auch ihnen bereits der Sprung in den Menschen. 2003 etwa tötete H7 einen holländischen Tierarzt.Während die USA nun einen Impfstoffvorrat anlegen, um wenigstens gegen H5N1 gewappnet zu sein, arbeiten andere Labors bereits an einer weiter reichenden Methode. Die Pharmafirma Acambis im britischen Cambridge etwa forscht an neuartigen Impfstoffen, die gegen sämtliche Subtypen der Influenzaviren schützen sollen. Sie richten sich nicht gegen die stark veränderlichen Oberflächenproteine H und N, sondern gegen das Eiweiß M2, das in allen Grippeerregern enthalten ist und sich kaum wandelt. Noch allerdings ist diese Methode Zukunftsmusik. Dem an der Entwicklung beteiligten Infektionsmediziner Karl Nicholson von der University of Leicester zufolge können noch zehn Jahre vergehen, bis ein solcher Universalimpfstoff für die Anwendung bereit ist.------------------------------Grafik: Ein Grippevirus hat acht Gene, die festlegen, welche Varianten der Eiweiße Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N) es auf seiner Oberfläche trägt. In der Hülle der Viren befindet sich das Eiweiß M2.------------------------------Foto: Grippeviren unter dem Elektronenmikroskop: Die abgebildeten Erreger gehören zu den Typen, die den Menschen regelmäßig befallen und die so genannte saisonale Grippe auslösen.

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