BERLIN, 4. Oktober. Dass er nicht nur intellektuell Spitze ist, sondern auch über emotionale Intelligenz verfügt, bewies der frisch gekürte Nobelpreisträger Theodor Hänsch gleich nach dem Anruf aus Stockholm: Die Auszeichnung zeige, sagte der Münchner Physikprofessor vor Journalisten, dass man auch in Deutschland sehr gut wissenschaftlich arbeiten könne. So ein Satz lässt nicht nur die Politiker jauchzen, er ist auch Balsam für das lädierte Ego der Nation: Endlich wieder ein deutscher Laureat, der nach seinen Gesellenjahren in Amerika heimkehrte und hier seine preisgekrönte Leistung vollbrachte!Zwar gab es auch in den vergangenen Jahren immer wieder deutschstämmige Nobelphysiker, aber alle waren sie in den USA geblieben. Einer von ihnen ist Wolfgang Ketterle, der Mitte der 80er-Jahre ein paar Türen neben Hänschs Labor am Max-Planck-Institut (MPI) für Quantenoptik in Garching geforscht hatte. Ketterle ging nach Boston und erhielt 2001 den Nobelpreis - zusammen mit Hänschs ehemaligem Doktoranden Carl Wieman.Damals sei Hänsch nur knapp am Nobelpreis vorbeigeschrammt, sagen Fachkollegen. Es war nicht das erste Mal: Auch 1997, als die Auszeichnung ebenfalls für eine lasertechnische Entdeckung vergeben wurde, kursierte der Name des Münchner Wissenschaftlers. In Expertenkreisen gilt er als einer der fähigsten Physiker weltweit - als jemand, der auch für manche seiner früheren Entdeckungen den Nobelpreis verdient hätte.Theodor Hänsch kam am 30. Oktober 1941 in Heidelberg zur Welt. Nach dem Physikstudium in Heidelberg ging er nach Stanford in Kalifornien. Mitte der Achtzigerjahre kehrte er zurück und arbeitet seither in München: Dort ist er sowohl Direktor am MPI in Garching als auch Lehrstuhlinhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität. Geheiratet hat der hochgewachsene Mann nie. Das hat bei einem wie ihm vielleicht auch mit dem Mangel an Gelegenheit zu tun: Die Laserphysik ist eine fast frauenfreie Zone.Von seinen Mitarbeitern wird Hänsch als großer Motivationskünstler und überaus kreativer Chef gelobt. "Wenn man mit einer Frage in sein Büro geht und eigentlich nur ein Ja oder Nein will, kommt nach einer Stunde Diskussion mit einem Kopf voll neuer Ideen wieder heraus", sagt etwa Jochen Walz, der bei Hänsch promovierte und jetzt an der Universität Mainz forscht. Hänsch sei der geborene Erfinder - einer, der alle an seiner Kreativität teilhaben lasse. Dabei sei er bescheiden und zurückhaltend geblieben: "Er kann einen Raum betreten, ohne ihn gleich zu dominieren", sagt Walz.Eberhard Riedle, Experimentalphysiker an der Münchner Universität, freut sich, dass mit Theodor Hänsch ein Kollege den Preis bekommen habe, der sich wirklich für die physikalischen Grundlagen und ihre technische Umsetzung interessiere. "Er ist ein Physiker mit Herzblut, der im Labor die Ärmel aufkrempelt." Hänsch habe die Forschung über optische Messmethoden, also einen der wichtigsten Bereiche der heutigen Physik, stark vorangetrieben, sagt Riedle. Jetzt träume er davon, die Naturkonstanten noch genauer zu vermessen (siehe Beitrag unten).Auch wenn Theodor Hänsch in Vielem den prototypischen Professor verkörpert: Weltfremd ist er nicht. Ein Indiz dafür ist etwa die Firma Menlo Systems in Martinsried, die er mit Kollegen gegründet hat. Dort produziert man, wofür Hänsch jetzt den Nobelpreis erhält: Frequenzkamm-Generatoren, die als hochgenaue Uhrwerke in der Wissenschaft Verwendung finden.Hänsch ist jetzt 63 Jahre alt. In zwei Jahren muss er nach deutschem Brauch in den Ruhestand gehen. Dass er darauf keine Lust hat, sagt der Starphysiker schon seit Jahren. Vielleicht verhilft ihm der Nobelpreis nun zu einer guten Stelle - nicht in Amerika, das deutsche Seniorforscher mit Kusshand nimmt, sondern in Deutschland.------------------------------Foto: Roy J. Glauber ist Professor für Physik an der Universität Harvard in den USA. Der 80 Jahre alte Wissenschaftler erhält in diesem Jahr die Hälfte des mit 1,1 Millionen Euro dotierten Nobelpreises für Physik.Der Forscher unternahm wichtige Experimente zur Natur des Lichts. Glauber klärte 1963 die grundlegenden Unterschiede zwischen althergebrachten Lichtquellen wie einer Glühbirne und den viel moderneren Lasern auf. Er legte damit die Grundlagen für das neue Forschungsgebiet der Quantenoptik.------------------------------Foto: John L. Hall forscht an der Universität von Colorado in Boulder/USA.Der 71-jährige Physiker teilt sich die Hälfte des Nobelpreises mit seinem deutschen Kollegen Theodor W. Hänsch.Die Forschungsarbeiten der beiden Wissenschaftler führten zu äußerst genauen Lasergeräten, so genannten Präzisionsspektrometern. Durch sie lassen sich unter anderem kleinste Zeitabstände messen. Damit können weitaus exaktere Navigationssysteme als das herkömmliche Satellitensystem GPS geschaffen werden.------------------------------Foto: Theodor W. Hänsch gestern in seinem Büro, erfreut von der Nobel-Nachricht
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