Das Bild zeigt einen kahlen Raum. Betonfußboden, grob verputzte Wände, das Bild der Mutter Maria über der Tür und auf dem Tisch ein gehäkeltes Stirnband in den Farben der deutschen Fahne, in dessen Mitte eine kleine Vase steht. Die Blumen darin sind vertrocknet. Es ist ein Bild, das wenigstens für den europäischen Betrachter von Armut spricht, vielleicht auch von Nostalgie nach Schwarz-Rot-Gold.
Madgermanes heißen die einstigen DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik in ihrer Heimat
Malte Wandel hat dieses Bild, das derzeit in der Galerie Kehrer zu sehen ist, 2009 in Maputo gemacht, der Hauptstadt Mosambiks. Es ist Teil der Serie „Einheit, Arbeit, Wachsamkeit“ (2009 bis 2017). Sie beschäftigt sich mit den Madgermanes. So heißen die Mosambikaner, die einst in der DDR gearbeitet haben, in ihrer Heimat: eine Verbindung aus „Verrückte Deutsche“ und „Made in Germany“. Rund 16.000 kamen auf der Grundlage des 1979 geschlossenen Vertrags über Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Sie trugen zur DDR-Wirtschaft bei und sollten später mit ihrer Berufserfahrung beim Aufbau ihres eigenen Landes helfen.
Spätestens nach der Wiedervereinigung mussten sie in ihr vom Bürgerkrieg zerstörtes Land zurückkehren, in dem es für sie oft keine Verwendung gab. In einer Videoinstallation erzählt etwa Nelson Munhequete von dem Tag, an dem er nach drei Jahren in Oschatz, Sachsen, wo er im VEB Glasseidenwerk arbeitete, in Maputo landet, die Türen aufgehen und die heiße Luft spürbar wird: „Es fühlt sich so fremd an, aber das ist mein Land, mit einer Hitze, die mir die Nase verbrennt.“
Zufällige Begegnung in Maputo
Malte Wandel ist den Madgermanes zufällig begegnet. 2007 studierte der 1982 in München Geborene Fotografie an der Fachhochschule in Dortmund, als er bei einer Reise durch Mosambik in Maputo auf der Straße angesprochen wurde, auf Deutsch. Es war das erste Mal, dass er von dieser Fußnote der deutsch-afrikanischen Geschichte hörte, und sie ist zu einem Thema geworden, von dem er sagt, dass es ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Er widmete den Madgermanes schon seine Abschlussarbeit, die 2012 als Buch erschien.
Dieses Jahr hat er den oben beschriebenen Raum, in dem Nelson Munhequete wohnt, zum zweiten Mal fotografiert. Der Tisch ist weg, im Boden sind tiefe Risse. Es gibt keine Erholung, sondern Niedergang, auch wenn es dem Land besser geht. Malte Wandels Bilder sind nicht dokumentarisch, und man spürt aus ihnen, wie involviert er ist. Er hat den Führer der Madgermanes interviewt, der seit 26 Jahren dafür kämpft, dass sie das Geld ausgezahlt bekommen, das die DDR von ihrem Lohn abzog und nach Mosambik überwies, damit es ihnen nach ihrer Rückkehr zugute kommen sollte.
Und es war viel, erst 25 Prozent, später 60, zuletzt 40 Prozent. Sie haben das Geld nie bekommen. Seit 1991 gehen die Madgermanes in Maputo auf die Straße. „Resistir – Widerstehen“ ist der Titel einer Fotografie aus der Serie „Einheit, Arbeit, Wachsamkeit“, die eine Demonstration in Maputo zeigt. In ihrem Mittelpunkt steht ein Mann, der die DDR-Fahne an einer langen Stange trägt, seine Shorts ist zerrissen, sein ärmelloses Hemd wirkt, als sei es aus einem alten Sack geschneidert. Das Bild ist ein Symbol dafür, dass viele Madgermanes nach ihrer Rückkehr nicht mehr Fuß gefasst haben.
Malte Wandel sagt, dass er durch die Madgermanes die DDR aus einer für ihn ungewohnten Perspektive erlebt hat: als Schlaraffenland, mit Kühlschränken, Fernseher und guten Matratzen in den Wohnheimbetten. Seit einiger Zeit fotografiert er auch in Deutschland. Sein „Halle-Silberhöhe II“ ist in dem gleichnamigen Plattenbaugebiet entstanden, und das Picknickmotiv wie der Aufbau der Fotografie erinnern einen an Edouard Manets „Das Frühstück im Grünen“. Die drei aus Mosambik stammenden Picknicker auf dieser grünen Wiese im Wohngebiet haben aber kein Obst dabei, sondern Bier und Zigaretten, herbeigeschafft in einer gelben Plastiktüte, die im braunen Gras liegt.
Wandel hat auch den Jorge-Gomondai-Platz in Dresden fotografiert, der nach dem ersten Todesopfer rechter Gewalt im wiedervereinigten Deutschland benannt wurde. Jorge Gomondai war mit 18 aus Mosambik nach Dresden gekommen, er arbeitete auf einem Schlachthof. Am Ostersonntag 1991 stießen ihn rechte Jugendliche aus einer fahrenden Straßenbahn. Malte Wandel zeigt den Platz im Herbst, menschenleer. Die Blätter sind braun, im Hintergrund Plattenbau, die zwei Straßenbahnen, die einander hier kreuzen, sind kaum als Lichtspuren erkennbar.
Im November wird eine neue Arbeit von Wandel im Folkwang-Museum gezeigt. Sie handelt von einem der zwei- bis dreitausend Kinder in Deutschland, die ihre Väter nicht kennen, weil diese zurück nach Mosambik mussten. Malte Wandel hat einen von ihnen begleitet, der mit 30 auf der Suche nach seiner Familie nach Mosambik fuhr und nicht nur den Vater, sondern auch seine 15 Geschwister zum ersten Mal trifft. Die Geschichte der Madgermanes ist noch nicht zu Ende.
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