Frank Castorf ist im Juli 75 Jahre alt geworden, hatte aber wie alle Theaterleute in der Spielzeitpause besseres zu tun. Zumal er schon ungefähr seit fünfzig Jahren das fortschreitende Alter ignoriert und nichts an seiner jugendlichen Lese-, Spiel-, Denk- und Widerspruchsfreude eingebüßt hat.
Braucht er vielleicht inzwischen ein bisschen länger, um in Schwung zu kommen? Wenn man den Schauspielern glaubt, war das schon immer so bei ihm. Die Proben, die nie vor 13 Uhr beginnen, sollen meistens mit einem hergenuschelten „Na, wie jehts, wat machn wa heute?“ und einem oft mehrstündigen Austausch über Befindlichkeiten und Alltagserlebnisse begonnen haben.
Drei Dokus und ein Livegespräch
Dann aber fährt die Maschine hoch. Castorf am Pult oft mit einem dicken Roman, die Schauspieler („Castorfs Band“, sagt Alexander Scheer oder gleich „eine Gang der Superhelden“, so Daniel Zillmann) auf der Bühne, Licht, Ton, Nebel, Musik, Gänge, Text, Text, Text – danke, das reicht für heute, die Szene ist im Kasten. Das heißt, alle Parameter sind ins Regiebuch eingeflossen und werden manchmal erst wieder bei der Premiere, wenn die Inszenierung zum ersten Mal durchläuft, von den Spielern und den Gewerken rekapituliert und abgeleistet.
An diesem Nachsommer-Sonntag, Castorfs „Mephisto“-Premiere war noch abzuwarten, wurde also mit einem kleinen Filmfestival nachgefeiert, im Babylon in unmittelbarer Nachbarschaft zur Volksbühne. Die Gemeinde kam, der Saal war voll. Gezeigt wurden drei Dokumentararbeiten von Lutz Pehnert, der Castorfs letzte Volksbühnenspielzeit 2016/17 und die Proben zu seinem historischen All-Stars-„Faust“ mit der Kamera begleitet hat.
Frank Castorf (Mitte) 2017 bei der „Faust“-Premiere, seiner letzten Volksbühneninszenierung. Mit Martin Wuttke, Aleksandar Denić (Bühne), Valery Tscheplanowa und Adriana Braga Peretzki (Kostüme, v.l.)
© imago
Dazu gab es ein Gespräch mit dem Jubilar. Und es war angesichts der Arbeitsweise eine wirklich schöne Einstiegsfrage, die ihm das Volksbühnengewächs Jürgen Kuttner stellte: „Frank, hast du eigentlich jemals eine von deinen Inszenierungen gesehen?“
Die Antwort bestand in einem langen Seufzer und mehreren Anläufen, die wiederum als Seufzer endeten. „Mir reicht es dann ja auch“, sagt Castorf irgendwann, und das Publikum – einige, unter anderem der hier Schreibende, hatten die zweite „Mephisto“-Vorstellung in der Nacht zuvor noch in den Knochen – applaudierte.
Castorf aus drei Perspektiven
Drei Castorf-Folien schoben sich an diesem Wochenende also übereinander: Erstens neue sechsstündige, sich konzentriert und fröhlich selbstzerfleischende Inszenierung am Berliner Ensemble, ausschließlich mit Schauspielern, die erstmalig mit Castorf zusammenarbeiteten – darunter Jens Harzer, Annabelle Lengronne, Sebastian Zimmler und Kathleen Morgeneyer. Zweitens die kaum weniger frischen Bilder von der vor fast zehn Jahren abgespielten „Faust“-Inszenierung mit den eingefleischten Castorf-Recken Sophie Rois, Alexander Scheer, Martin Wuttke, Lilith Stangenberg oder Valery Tscheplanowa, die allesamt scharfe, leidenschaftliche und pointierte Gedanken in Interviews beisteuern.
Und drittens Castorf selbst und live, später mit dem Schauspieler Henry Hübchen als Sidekick, wie er ganz langsam in Fahrt kommt, die Anklamer Legenden pflegt sowie seine gesellschaftskritischen Spitzen und Breitseiten setzt, ohne sich auch nur eine Sekunde lang für die aktuellen Wahlergebnisse zu interessieren – zumal sich für ihn und seine persönliche Freiheit als Künstler seit seinen Anfängen ohnehin nichts geändert habe.
Wie bitte? War da kein Systemwechsel? Was ist mit den verbotenen Inszenierungen, der Zensur, mit seiner Verbannung in die Provinz? Was ist mit dem Haftbefehl, von dem er selbst erzählt – und der dann, dank seines guten Kontakts zu dem Bruder seiner damaligen Freundin, zu dem Rechtsanwalt Gregor Gysi, abgewendet werden konnte? Er habe die Spießer der Macht eigentlich ausgelacht. Es sei manchmal unangenehm gewesen, „aber warum soll ich die an meinen Körper oder an meine Fröhlichkeit heranlassen?“ Tabus und Bevormundungen gebe es auch heute, sie sind vielleicht sogar effektiver, weil sie nicht ausgesprochen werden.
So ein inspirierender Angeber!
Castorfs Ton bleibt schnurrig, wenn er von der Vergangenheit spricht, und abfällig der Gegenwart gegenüber, manchmal aber, wenn er die Zusammenhänge der Geschichte und der Kunst aufblättert, kommt er ins Menetekeln und ins Schwärmen, dann entwirft er Schuld-, Leid- und Schaffenszusammenhänge über die Jahrhunderte hinweg, um sie mit seinem Dialekt und seiner Wurschtigkeit schnell wieder zu erden. Was für ein gekonnter und inspirierender Angeber!
Als Kuttner an den Rauswurf der Castorf-Truppe durch die demokratisch legitimierte Kulturpolitik erinnert und ihn fragt, wie er sich in der Nähe der Volksbühne heute fühle, macht Castorf wieder „Och“ und zieht den Fokus ganz weit auf. Erzählt von seiner „Medea“-Inszenierung im Theater von Epidaurus, von seinem Respekt vor der Geburtsstätte der Tragödie.
Er sei an einem Novembertag in dem leeren griechischen Amphitheater gewesen. „Da war es düster, da war Nebel, es regnete. Es herrschte eine große Einsamkeit. Da habe ich mich hingelegt und bin eingeschlafen – und entdeckte die Anwesenheit der Vergangenheit.“ Wie groß und kühn ist die innere Unabhängigkeit von den bedeutungslosen Zumutungen der Gegenwart, wenn man im Regen schlafen kann. Ob es stimmt? Egal. Es wäre schön.
Frank Castorf: „Die AfD ist die Rache des Ostens“
Ein Besuch bei Frank Castorfs „Mephisto“-Proben im Berliner Ensemble
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