Schülerproteste

Barrikaden und Tränengas in Paris: Frankreichs Schüler setzen Protestwelle fort

Zum vierten Mal in drei Wochen gehen Schüler und Studenten gegen marode Schulen und Lehrermangel auf die Straße. Die Regierung verspricht einen Notfallplan.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
4 Min
In Frankreichs Hauptstadt demonstrieren Schüler im Rahmen der landesweiten Proteste gegen Lehrermangel und schlechte Lernbedingungen.

In Frankreichs Hauptstadt demonstrieren Schüler im Rahmen der landesweiten Proteste gegen Lehrermangel und schlechte Lernbedingungen.

© Simon Wohlfahrt/AFP

In Frankreich haben Schüler, Studenten und Lehrer am Donnerstag ihre landesweiten Proteste gegen Lehrermangel, überfüllte Klassen und marode Schulgebäude fortgesetzt. In Paris errichteten Demonstranten vor einem Gymnasium im Nordosten der Stadt Barrikaden aus Mülltonnen, bevor die Polizei mit Tränengas gegen sie vorging, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete.

In mehreren Städten von Lille über Rennes und Nantes bis Toulon und Marseille zogen Demonstrationszüge durch die Innenstädte. Auch im benachbarten Belgien hatte es in den vergangenen Tagen unter anderem in Brüssel und Lüttich Schülerproteste gegeben.

Hunderte Schulen blockiert

Nach Angaben des französischen Bildungsministeriums waren am Donnerstagmittag 157 der rund 3700 Gymnasien geschlossen – rund 96 Prozent der Einrichtungen seien im Betrieb. In der Region um Paris waren laut Regionalverwaltung 145 Oberschulen betroffen, an etwa 20 davon kam es zu Gewalt oder Sachbeschädigungen.

Wie unzulänglich die Lage an vielen Schulen ist, schilderte eine demonstrierende Lehrerin aus Marseille der Nachrichtenagentur Reuters: In ihrer Klasse säßen in diesem Schuljahr 37 Schüler, zu Beginn jeder Stunde müssten die Jugendlichen in Nachbarräumen nach freien Stühlen und Tischen suchen.

Minister verspricht Notfallplan

Für die gesamte Schullandschaft kündigte Bildungsminister Édouard Geffray bei einem Besuch an einer berufsbildenden Oberschule im ostfranzösischen Reims an, binnen weniger Stunden oder Tage einen Notfallplan zur Vertretung abwesender Lehrer vorzulegen.

Auch das zentrale Zulassungsverfahren für die Hochschulen, Parcoursup, das Schüler als undurchsichtig und belastend kritisieren, werde überarbeitet, sagte er laut Reuters. Am Nachmittag empfing Geffray gemeinsam mit Hochschulminister Philippe Baptiste die drei wichtigsten Schülerverbände im Ministerium.

Premierminister Sébastien Lecornu hatte sich bereits am Mittwochabend in einer Fernsehansprache an die Jugendlichen gewandt. Niemand könne gegenüber ihren Sorgen gleichgültig bleiben, sagte er. Erste Entscheidungen werde die Regierung Ende Oktober vorlegen, konkrete Maßnahmen nannte er nicht. Zugleich verurteilte Lecornu Gewalt gegen Lehrer und Polizisten sowie Brandanschläge auf Schulen.

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Nach Angaben von Bildungsminister Geffray wurden im Zuge der Proteste 24 Gymnasien durch Brandstiftung oder Verwüstungen so schwer beschädigt, dass sie wochenlang geschlossen bleiben müssen. Rund 30.000 Schüler können deshalb vorerst nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, erklärte Geffray am Mittwoch vor einem Ausschuss der Nationalversammlung. Zu Brandanschlägen kam es laut Reuters unter anderem in Straßburg, Nantes und Le Havre.

Hand abgerissen, Augen verletzt

Seit Beginn der Bewegung Mitte September gab es nach Angaben des Innenministeriums mehr als 6600 Festnahmen, der Großteil der Betroffenen sei minderjährig. Bis zum Mittwoch wurden demnach 761 Polizisten und 215 Schüler verletzt. Beamte wurden unter anderem mit Steinen beworfen und tätlich angegriffen.

Bei Polizeieinsätzen erlitten mehrere Jugendliche schwere Verletzungen: Ein 15-Jähriger verlor durch eine Blendgranate eine Hand, zwei weitere Jugendliche trugen schwere Augen- beziehungsweise Gesichtsverletzungen davon. Wegen mutmaßlich rechtswidriger Polizeigewalt laufen 18 Ermittlungsverfahren. Die Regierung setzte am Mittwoch den Einsatz von Blendgranaten bei den Protesten aus.

Innenminister Laurent Nuñez kündigte nach Berichten der Zeitung Le Monde eine disziplinarische Untersuchung an, nachdem Videos einen Polizeiwagen zeigten, der in der Nähe zweier blockierter Schulen mit hoher Geschwindigkeit auf mehrere Menschen zufuhr.

Umfrage: Mehrheit will Ende der Proteste

Nach einer Umfrage des Instituts Elabe für den Sender BFM TV halten 72 Prozent der Franzosen die Forderungen der Schüler für berechtigt, 55 Prozent sprechen sich jedoch für ein Ende der Proteste aus. Die linke Partei La France insoumise und Jean-Luc Mélenchon unterstützen die Bewegung und werfen der Polizei übermäßige Härte vor.

Marine Le Pen vom rechten Rassemblement National verurteilte Sachbeschädigungen an Schulen und forderte, Demonstranten oder deren Eltern an den Reparaturkosten zu beteiligen.

Spontane Protestbewegung gegen Bildungsmisere

Die Proteste gingen Mitte September von rund 200 Schülern eines Gymnasiums in Créteil bei Paris aus, die sich mit streikenden Lehrern solidarisierten. Daraus entstand eine zunächst weitgehend spontane landesweite Bewegung, wie die Sender TF1 und die Zeitung Le Monde berichten.

Schüler- und Studentenverbände fordern mehr Geld und Personal für das Bildungswesen, bessere Lernbedingungen und die Abschaffung des Hochschulzulassungssystems Parcoursup. Die Gewerkschaft CGT unterstützt die Proteste mit eigenen Aufrufen zur Mobilisierung, der Elternverband FCPE hat sich den Forderungen angeschlossen.

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