Bildungskrise

Frankreich: Schülerproteste weiten sich massiv aus – Minister verteidigt Granaten und Gummigeschosse

Schüler, Studenten, Lehrer und Eltern gehen in ganz Frankreich auf die Straße. Hunderte Schulen und Hochschulen sind betroffen, während das Vorgehen der Polizei für Kritik sorgt.

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Rennes: Die Bereitschaftspolizei setzt Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.

Rennes: Die Bereitschaftspolizei setzt Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.

© Jeremias Gonzalez/dpa

Die Schülerproteste in Frankreich haben am Dienstag ihren bislang größten Aktionstag erreicht. In Paris, Marseille, Lyon, Nantes und zahlreichen weiteren Städten zogen Schüler, Studenten, Lehrer und Eltern auf die Straße. Erstmals beteiligte sich auch ein breites Bündnis französischer Bildungsgewerkschaften an den Protesten.

Die Union syndicale lycéenne (USL) sprach am Vormittag von 1800 Gymnasien, die blockiert, von Protestaktionen betroffen oder vorsorglich geschlossen worden seien. Das französische Bildungsministerium kam in seiner eigenen Zählung auf 891 Schulen, an denen der Unterricht ganz oder teilweise beeinträchtigt war. Reuters bezeichnete den Dienstag als bislang größten Aktionstag der Bewegung.

Auch an den Hochschulen weitete sich der Protest aus. Die Union Étudiante erklärte, 90 Prozent der französischen Universitäten seien an der Mobilisierung beteiligt. Bis 9.40 Uhr führte die Organisation mehr als 57 blockierte Hochschulstandorte auf, darunter Einrichtungen in Paris, Straßburg, Montpellier, Angers und Nizza.

Polizisten schieben während eines Schülerprotests im südwestfranzösischen Anglet einen brennenden Müllcontainer beiseite.

Polizisten schieben während eines Schülerprotests im südwestfranzösischen Anglet einen brennenden Müllcontainer beiseite.

© Jules Buon/imago

6100 Festnahmen seit Beginn der Proteste

Die Bewegung hatte Mitte September in benachteiligten Vororten von Paris begonnen und sich innerhalb von zwei Wochen über das gesamte Land ausgebreitet. Die Schüler beklagen ausgefallenen Unterricht, fehlende Vertretungslehrer, überfüllte Klassen und teilweise stark sanierungsbedürftige Schulgebäude. Hinzu kommen Forderungen nach Änderungen beim Hochschulzugang über das zentrale französische Vergabeportal Parcoursup.

Das Ausmaß der Auseinandersetzungen ist inzwischen erheblich. Nach Angaben des französischen Innenministeriums wurden seit Beginn der Proteste rund 6100 Menschen festgenommen, die große Mehrheit davon minderjährig. Mehr als 1800 Personen werden strafrechtlich verfolgt, darunter 1483 Minderjährige. Das Büro von Premierminister Sébastien Lecornu bezifferte die Zahl verletzter Jugendlicher auf mindestens 215, zudem seien 715 Polizisten verletzt worden.

Die meisten Kundgebungen verliefen nach Angaben französischer Medien friedlich. An mehreren Orten kam es jedoch zu schweren Auseinandersetzungen. Demonstranten warfen Gegenstände und Feuerwerkskörper auf Einsatzkräfte, die Polizei setzte unter anderem Tränengas, Wasserwerfer, Gummigeschosse und sogenannte Distanzierungsgranaten ein.

15-Jähriger verliert Hand – zehn Ermittlungen gegen Polizisten

Besonders heftige Kritik löste ein Vorfall am Montag in Lens aus. Ein 15 Jahre alter Schüler verlor während einer Auseinandersetzung vor seinem Gymnasium eine Hand. Nach Angaben der Polizei könnte er eine von Einsatzkräften abgefeuerte Distanzierungsgranate aufgehoben haben. Die Staatsanwaltschaft betont allerdings, dass der genaue Ablauf bisher nicht geklärt ist. Die französische Polizeiaufsicht IGPN ermittelt.

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Auch in anderen Städten wurden Jugendliche schwer verletzt. In Tours erlitt ein 16-Jähriger eine schwere Augenverletzung, die nach Angaben seiner Familie auf einen Treffer eines Gummigeschosses zurückzuführen sei. Ein 14-Jähriger in Saint-Ouen-l’Aumône erlitt schwere Verletzungen am Kiefer. Innenminister Laurent Nuñez sprach am Dienstag von inzwischen zehn Ermittlungen der IGPN im Zusammenhang mit den Protesten, berichtet Le Monde.

Hunderte Studenten demonstrieren im westfranzösischen Rennes gegen unterfinanzierte Schulen. Auf einem Transparent steht: „Polizisten, Feinde des Volkes“.

Hunderte Studenten demonstrieren im westfranzösischen Rennes gegen unterfinanzierte Schulen. Auf einem Transparent steht: „Polizisten, Feinde des Volkes“.

© Jeremias Gonzalez/dpa

Nuñez verteidigte am Dienstag den Einsatz von Gummigeschossen und sogenannten Distanzierungsgranaten. Bei Ausschreitungen und Sachbeschädigungen sei deren Einsatz „in größtmöglicher Verhältnismäßigkeit“ erfolgt, sagte der Innenminister bei France Inter. Gegenüber Schülern gingen die Einsatzkräfte nach seinen Worten mit „noch mehr Fingerspitzengefühl“ vor.

Auf zahlreichen Demonstrationen wird genau das bestritten. In Marseille trug eine Teilnehmerin nach Angaben der dpa ein Schild mit der Aufschrift: „Setzt Tränengas gegen Vergewaltiger ein, nicht gegen Minderjährige.“ In Paris, Rennes und anderen Städten begleiteten inzwischen auch Eltern die Demonstrationszüge.

Regierung verspricht erste Entscheidungen bis Ende Oktober

Premierminister Lecornu versucht unterdessen, auf die inhaltlichen Forderungen zu reagieren. Seine Regierung will unter anderem dafür sorgen, dass ausgefallene Lehrerstunden schneller ersetzt werden, den langen Schultag überprüfen und gemeinsam mit den Regionen marode Schulgebäude sanieren. Auch Parcoursup soll transparenter werden. Erste Entscheidungen samt Kosten und Zeitplan sollen bis Ende Oktober vorliegen.

Das Bildungsministerium hat zudem eine landesweite Online-Konsultation eröffnet. Bis zum 23. Oktober können Schüler anonym schildern, welche Probleme sie an ihren Schulen erleben und welche Änderungen sie verlangen. Die Ergebnisse sollen ebenfalls Ende Oktober veröffentlicht werden.

Die Schüler- und Studentenorganisationen gehen deutlich weiter. Sie verlangen unter anderem einen milliardenschweren Investitionsplan für Schulgebäude, mehr Personal, zusätzliche Studienplätze und tiefgreifende Änderungen am Zulassungssystem für Hochschulen. Für sie reichen die bisherigen Zusagen der Regierung nicht aus.

Die Proteste treffen Frankreich rund sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl. Le Monde beschreibt die Bewegung inzwischen als in ihrem Umfang seit Jahrzehnten außergewöhnlich. Für die Regierung besteht zusätzlich das Risiko, dass sich der Protest mit anderen sozialen Konflikten verbindet. Gewerkschaften, Beschäftigte und Studenten haben sich der Schülerbewegung inzwischen angeschlossen.

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