BERLIN, 13. Januar. Natürlich will man einen Darsteller immer wieder in seiner Pararderolle sehen, jener Aufführung, in der er voll und ganz erstrahlt, sie beherrscht, mit allerlei Varianten bereichert. Auch für Franziska van Almsick, Deutschlands begabtetste Darstellerin im Fach Schwimmsport, gibt es eben nur diese eine Rolle, in der sie wirken kann wie keine Zweite. 200 Meter Freistil heißt ihr Stück mit wechselnden Nebendarstellern alias Konkurrentinnen, ein Klassiker gewissermaßen seit ihrem 14. Lebensjahr. Am kommenden Wochenende beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin hätte sich für die Berlinerin eine treffliche Gelegenheit ergeben, sich dem heimischen Publikum über ihre Lieblingsdistanz zu zeigen. Doch Franziska van Almsick verzichtet, schwimmt stattdessen über 100 Meter Schmetterling und 100 Rücken. Ausweichstrecken für diese elegante Interpretin des freien Stils, Distanzen, auf denen sie mithalten, aber nicht brillieren kann. So verliert der Wettbewerb in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee mit ihrem Verzicht aus freien Stücken vielleicht seine ästhetisch wertvollste Protagonistin. Es sei keineswegs eine Verknappung des Angebots, um die Spannung auf die Olympischen Spiele zu lenken, um die Athletin vor ihrem großen Auftritt in Athen noch exklusiver wirken zu lassen, sagt die Managerin Regine Eichhorn. "Sie ordnet in ihrer Planung alles den Olympischen Spielen unter. Außerdem ist der Marktwert von Franziska nicht unbedingt abhängig von sportlichen Erfolgen." Trainer Norbert Warnatzsch schließt sich der Einschätzung an: "Eigentlich hatten wir von vornherein die 100 Schmetterlin und Rücken favorisiert. So wie bei unserer Planung im EM-Jahr." In jenem Jahr 2002 ging die Planung des Übungsleiters vollends auf. Franziska van Almsick gewann in Berlin fünf EM-Titel und verbesserte ihren eigenen, acht Jahre alten Weltrekord über 200 Meter Freistil.Hartes TrainingDas gleiche Ergebnis würde in diesem Jahr Olympia-Gold bedeuten - jene Medaille, die van Almsick bisher nie hat erschwimmen können. Und so ist Warnatzsch höchst vorsichtig geworden. Der Konkurrenz ausgerechnet über die Lieblingsdistanz hinterherzupaddeln, und sei es auch nur im 25-Meter-Becken, täte der Gemütsverfassung der Athletin keinesfalls gut: "Wir müssen ja keine Niederlagen organisieren", sagt Warnatzsch. Er klingt sehr nüchtern, wenn er über seine Schwimmerin spricht. Trainingsmethodik heißt sein Schlagwort: "Zu diesem Zeitpunkt trainieren wir in jedem Jahr sehr hart. Und dabei bleibt es auch." Die Trainingsarbeit trägt, langfristig gesehen, ihre Früchte. Doch gegenwärtig fordere sie eben Opfer: "Das ist der Grund dafür, dass wir uns in einem sehr müden Zustand nicht unbedingt mit der Konkurrenz messen müssen", sagt Norbert Warnatzsch.Noch ist er nicht zufrieden mit dem Erreichten. Was weniger an der Athletin als an den Umständen liegt. Zur letzten Kurzbahn-EM konnte van Almsick nicht reisen, weil eine Nebenhöhlenentzündung sie hemmte. "Wir haben das Training verschärft, weil wir mit Rückstand in das neue Jahr gegangen sind", sagt Warnatzsch.Er ist ein rationaler Coach, der viel Vertrauen in den eigenen Lehrplan setzt und ebenso viel Zutrauen in seine beste Athletin. hat "Sie ist enorm verantwortungsbewusst und hat sehr gut gelernt, auf sich aufzupassen. Das geht nicht immer störungsfrei, aber das ist bei keinem Athleten gewährleistet." Kleine Krankheiten, vielleicht eine Grippe oder eine leichte Erkältung, - nicht jede Unwägbarkeit lasse sich aus dem Trainingsalltag verbannen, da helfe auch nicht, "dass sie sich bei dieser Witterung warm anzieht", wie Warnatzsch lobt.Finessen zur Motivierung seien nicht nötig, sagt der Coach. "Sie ist professionell dabei. Ich bin mit dem jetzigen Training sehr zufrieden." Der Rückstand, den man ins neue Jahr trug, halte sich in Grenzen. Immer enger rücke man nun an die Richtzeiten heran, die Warnatzsch auf einem Zettel notiert, den er wie einen kostbaren Schatz hütet. 2002, zur Vorbereitung auf die Europameisterschaft, hatte der Trainer eine Zeit notiert, die Weltrekord verhieß. Und Warnatzsch weiß auch jetzt: Nur eine persönliche Bestzeit kann Franziska van Almsick die Goldmedaille in Athen garantieren - Weltrekord eben, zu dessen Vorbereitung van Almsick vorerst freiwillig die Rollen tauscht, vom Haupt- ins Nebenfach. Es ist ja nur für einen Kurzbahn-Weltcup.Foto: "Sie ist sehr professionell dabei", sagt Trainer Warnatzsch über van Almsick.
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