Französische Eltern schützen Ausländer vor Ausweisung - die von Präsidentschaftskandidat Sarkozy erleichtert wurde

Die Paten der Illegalen

Johannes Wetzel
7 Min

PARIS. Das Rathaus des 10. Pariser Bezirks, 1896 eingeweiht, ist einer jener Paläste, mit denen die junge französische Republik ihre Ideale proklamierte, auch den Triumph der "Brüderlichkeit": Die Szene auf der Reliefskulptur am Kopfende des imposanten Festsaals im Rathaus stellt mit großer Geste "die Brüderlichkeit der Völker" dar. Vor diesem Hintergrund sitzt an einem Samstagnachmittag der sozialistische Bezirksbürgermeister und Parlamentsabgeordnete Tony Dreyfus. Er hat die blau-weiß-rote Amtsschärpe umgelegt und leitet eine von der Bürgerinitiative "Netzwerk Erziehung ohne Grenzen" (RESF) organisierte Patenschaftsaktion für dreißig ausländische Familien, die in der Hoffnung auf Brüderlichkeit nach Frankreich kamen - und sich seither illegal im Land aufhalten, weil man sie hier nicht haben will.Zwei Zimmer für fünf PersonenDie aus China eingereiste Familie Wang ist mit drei Kindern vollzählig zur Zeremonie ins Rathaus gekommen. Zusammen mit Isabelle Benoit, der Patin von RESF, unterzeichnen der Bürgermeister und das Familienoberhaupt die Patenschaftsurkunde. Familie Wang hat sich für die Zeremonie sogar ein bisschen schick gemacht. Dabei leben Eltern und Kinder unter schwierigen Verhältnissen in einem heruntergekommenen Altbau, dritter Hinterhof, nahe der Place de la République. Zwei Zimmer und Küche für fünf Personen. Einziger Schmuck ist ein chinesischer Kalender, traditionelles Werbegeschenk der chinesischen Geschäfte, die die Straßenzüge dieses Viertels im Pariser Osten beherrschen.Hier setzen sich Isabelle, Monsieur Wang und sein Neffe als Dolmetscher ein paar Tage später im Schein einer Neonröhre an den Esstisch, um die Unterlagen für einen neuen Aufenthaltsantrag zusammenzustellen. Für jedes Familienmitglied sind mehrere Dutzend Nachweise nötig, darunter als "Integrationsnachweis" der Einschulungsbescheid der ältesten Tochter Xixi. Von dem Besuch eingeschüchtert sitzt die Zwölfjährige auf einem der Etagenbetten, die den Raum fast ausfüllen. Der neugeborene David plärrt im Nebenzimmer. Die zweijährige Faustine spielt mit den Büroklammern für den Stapel Fotokopien. Die Illegalen, die Sanspapiers - "ohne Papiere" - wie sie in Frankreich heißen, hätten mehr Papiere als ein französischer Staatsbürger, bemerkt Isabelle.Mit RESF haben sie eine effiziente Lobby bekommen. "Mobilisierung ist alles", sagt ein Gründungsmitglied, denn die Bewilligung oder Ablehnung eines Antrags sei "reine Lotterie". Seit der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy - Favorit bei der Präsidentenwahl am Sonntag - 2003 die Regelung abschaffte, wonach illegal in Frankreich lebende Ausländer nach zehn Jahren faktisch Anspruch auf den Aufenthaltstitel haben, ist das Wohlwollen des Präfekten ihre einzige Perspektive.RESF entstand im Sommer 2004 als Initiative französischer Eltern. Das Innenministerium begann damals, die Zahl der Abschiebungen zu steigern - inzwischen hat sie sich auf 25 000 jährlich verdoppelt. Die Eltern protestierten gegen die Ausweisung der Freunde ihrer Kinder, die mit der Volljährigkeit die Aufenthaltsberechtigung verloren. Es ist das humanitäre Engagement, das berufstätige Mütter wie Isabelle Benoit dazu bewegt, Patenschaften zu übernehmen, ihre Freizeit für die wöchentlichen Sprechstunde für "Illegale" im Rathaus zu opfern oder ganze Abende lang mit anderen Freiwilligen die verzwicktesten Fälle der ihnen anvertrauten Familien zu beraten.Spektakuläre Fälle machten RESF in Frankreich bekannt: Zu Schuljahresbeginn 2005 kämpften Lehrer und Eltern für eine alleinstehende kongolesische Mutter mit zwei schulpflichtigen Kindern und verhinderten die Abschiebung. Obwohl sie sich damit strafbar machten, versteckten sie das Geschwisterpaar vor der Polizei. Denn eine Abschiebung der Mutter ohne ihre Kinder wäre unzulässig gewesen.Innenminister Nicolas Sarkozy reagierte mit einem Moratorium, das RESF als ersten großen Sieg verbuchte: Bis Ende des Schuljahrs wurde die Abschiebung von Familien mit eingeschulten Kindern ausgesetzt. Den Sommerferien 2006 sahen deshalb tausende Familien mit Angst entgegen - und RESF warnte vor einer neuen "Kinderjagd". Diesmal reagierte der Minister mit dem auf zwei Monate befristeten Angebot, Familien mit schulpflichtigen Kindern den Aufenthalt in Frankreich zu gestatten. 33 538 Anträge wurden gestellt - nach Ablauf der Frist Mitte August 2006 waren nur 7 000 anerkannt.Die Kinder der Kongolesin verbringen das laufende Schuljahr nun wieder in Verstecken. Denn in Einzelfällen holt die Polizei die Kinder illegaler Einwanderer tatsächlich aus dem Unterricht, um sie mit ihren Eltern abzuschieben. Zwar genießen auch illegal in Frankreich lebende Familien mit Kindern besondere Leistungen: Sie haben Anspruch auf Unterkunft und medizinische Versorgung. Vor der Ausweisung sind die Kinder aber nicht einmal dann geschützt, wenn sie in Frankreich geboren wurden.Inzwischen hat RESF wirksame Instrumente gegen Abschiebungen wie die vielerorts veranstalteten Patenschaftszeremonien geschaffen. Politiker wie Tony Dreyfus, die behördliche Willkür für unvereinbar mit den "Prinzipien der Republik" halten, intervenieren für RESF bei den Präfekten. Bei drohenden Verhaftungen oder Gerichtsverfahren trommelt RESF in kürzester Zeit Unterstützer und Medien zusammen. Und mit einem Cineasten-Kollektiv schuf die Initiative einen Kurzfilm, der im Fernsehen, in Kinos und im Internet zu sehen ist: "Lasst uns hier aufwachsen", sagen Kinder aller Hautfarben in die Kamera. "Ist es normal, mit Angst vor der Polizei in die Schule zu gehen?", fragen sie. Emmanuelle Gorsse, Elternvertreterin an einer Grundschule und beteiligt an der Vorbereitung des Films, erinnert sich an die Tränen, die flossen: "Mir ist klar geworden, wie Kinder und Eltern in Angst leben. Ich empfinde das als Mutter wie einen Angriff auf meine eigenen Kinder."Gerade wenn Schulen betroffen sind, die Tempel der Republik, reagiert die Öffentlichkeit empfindlich. Im März beschäftigten sich die Medien tagelang mit der Verhaftung eines chinesischen Großvaters, der vor der Schule auf seinen Enkel wartete. Eltern hatten für ihn Partei ergriffen, die intervenierende Schulleiterin war festgenommen worden.Vorfahren aus SpanienJean Paul Castels, Leiter einer Grundschule und Sympathisant von RESF, ist das zum Glück nie passiert. Aber auch er würde eingreifen. Auch in seiner Schule gibt es einen Notfallplan, um Schüler der Festnahme im Klassenzimmer zu entziehen. Genau weiß er aber nicht, welcher seiner Schützlinge "ohne Papiere" ist. Denn zur Einschulung braucht man sie nicht.In der Schule sind alle Kinder gleich - das ist eine Variante des beim Verbot des islamischen Kopftuchs verteidigten Laizitätsprinzips der Republik - ein Prinzip, an dem der Rektor festhält. Gerade hier, im 10. Pariser Bezirk, in dem er selbst geboren wurde und zur Schule ging. "Schon immer gab es hier viele Ausländer", sagt Castels und schlägt die in Schönschrift geführten Schülerlisten auf, die bis zur Schulgründung durch die junge Republik 1882 zurückgehen. Seine eigene Familie kam einst aus Spanien, die Großeltern von Bürgermeister Dreyfus wanderten aus der Türkei ein. Und heute ist es Monsieur Wang, der für seine Kinder und Enkel die Chance sucht, in Paris einmal Rektor, Bürgermeister oder Abgeordneter zu werden.------------------------------Viele suchen AsylDer Konservative Nicolas Sarkozy, der als Favorit in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft am Sonntag geht, war zweimal Innenminister: von 2002 bis 2004 in der Regierung Raffarin und von 2005 bis 26. März 2007 in der Regierung de Villepin.2003 verschärfte er das Ausländerrecht und schaffte die Regelung ab, wonach illegal im Land lebende Ausländer nach zehn Jahren faktisch Anspruch auf eine Aufenthaltsberechtigung haben. Als Präsident würde Sarkozy die Zuwanderung weiter reglementieren. Er plädiert für "ausgewählte Immigration" qualifizierter Arbeiter, Forscher und Hochschullehrer.4,9 Millionen Immigranten lebten 2006 nach Schätzung der Statistikbehörde INSEE im Land. Das sind acht Prozent der Bevölkerung.Die Zahl der Asylanträge in Frankreich stieg seit den 90er-Jahren kontinuierlich an. Das ist zum Teil auf das verschärfte Ausländerrecht zurückzuführen, das andere Aufenthaltsmöglichkeiten einschränkte. Bis zum vergangenen Jahr lag Frankreich weltweit an der Spitze, noch vor den USA: In den Jahren 2002 bis 2005 beantragten jährlich zwischen 50 000 und 60 000 Ausländer Asyl. Die größte Gruppe von Asylsuchenden kommt aus dem Kongo.------------------------------Grafik: Verteilung der Asylanträge in 50 Industriestaaten------------------------------Foto: Eine afrikanische Immigrantin in der Pariser Rue du Maroc

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