Der Name ihres Labels klingt vielleicht ein wenig verfänglich. Mit einem Augenzwinkern bezeichnet sich die eigentlich vollkommen freundliche und so gar nicht störrische Saruul Fischer selbst als eine Edelziege – trägt sogar hölzerne Ohrringe. Einer mit dem Schriftzug „Edel“, der andere mit „Ziege“. Seit 18 Jahren ist Edelziege auch der Name ihres Ateliers im vogtländischen Plauen.
Mit ihrem Label knüpft die gebürtige Mongolin nicht nur an die Textiltradition ihrer Wahlheimat an, sondern auch an jene ihres größtenteils nomadisch lebenden Heimatvolkes. Saruul Fischer macht in Kaschmir, bringt jedes Jahr eine Sommer- und eine Winterkollektion heraus: Kaschmirhosen, Kaschmirpullis, Kaschmirshirts, Kaschmirponchos, Kaschmirmäntel, Kaschmiraccessoires. Herrlich leicht ist das alles, wunderbar weich und überaus edel.
Ihre neue Kollektion entwirft sie in ihrem neuen Domizil, in einem Verkaufsatelier hoch über den Dächern ihrer Wahlheimat Plauen. In einem ehemaligen Bankgebäude hat sie eine Etage umbauen lassen. In der Mitte des einstigen Konferenzraumes steht eine an eine Jurte erinnernde, runde, luftig-leichte Holzkonstruktion: ihre Schatztruhe, wie sie es selbst nennt.
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MehrJahrtausendealte Tradition wird unterstützt
Im neuen Atelier hat sie mehr Möglichkeiten, den Kunden zu erklären, warum jene für manch ein Teil aus ihrer Kollektion einen hohen dreistelligen Betrag bezahlen sollen. Neben Tragekomfort und diesem Hauch von Luxus ist es auch ein kleines gutes Werk, das man anderen Menschen mit einem Kauf tut. Denn die Produktion ihrer Kollektionen findet komplett in Saruuls Geburtsland, der Mongolei, statt.
„Man könnte das auch hier machen oder in Rumänien oder der Türkei. Aber ich komme aus der Mongolei und möchte den Bezug zu meinem Heimatland zeigen. Der Mehrwert, der aus meinen Produkten generiert wird, soll dort bleiben. Die Wollindustrie ist eine der wichtigsten Branchen, bezogen auf das mongolische Bruttoinlandsprodukt“, sagt sie mit einem sympathischen Lächeln. Und setzt hinzu: „In der Mongolei gibt es mehr Pferde, Ziegen, Kamele und Schafe als Menschen. Man lebt da mit und von diesen Tieren.“
Saruul Fischer kauft für ihre Kollektionen die Wolle von Nomaden, die diese Tiere wegen des Fleisches, der Milch und des Fells halten. Diese Tradition gibt es seit Jahrtausenden – und bis heute spielt sie eine enorme Rolle, sagt die Tochter einer Nomadenfamilie, die längst im sächsischen Vogtland sesshaft geworden ist.
Wollgewinnung und -verarbeitung fest in Frauenhand
Sie nutzt auch die Möglichkeiten vor Ort, die in den 70er- und 80er-Jahren entstandene Textilindustrie zu fördern. Damals hatten die „sozialistischen Bruderstaaten“ Aufbauarbeit geleistet, Firmen ausgestattet und junge Menschen ausgebildet, um aus dem nomadischen Agrarland ein blühendes volkssozialistisches Vorzeigeparadies zu machen.
Doch zurück zur Edelziege Fischer: Kurze Transportwege nach Ulan Bator seien ebenfalls wichtig, erzählt sie. Die „geerntete“ Kaschmirwolle, die übrigens sanft ausgekämmt wird, um nur die flauschigsten Fasern und nicht das grobere Deckhaar zu verarbeiten, wird in der Hauptstadt in den dortigen Textilfabriken gewaschen, gefärbt, versponnen und verstrickt. Das schafft Arbeitsplätze. In der Industrie selbst, aber auch in anderen Wirtschaftszweigen. In Deutschland hingegen sind es Werbung, Marketing und Druckproduktion, die durch die Designerin wertschöpfend werden.
In Ulan Bator aber produzieren zwei Strickereien mit jeweils rund vierzig Mitarbeiterinnen die Ware für Edelziege. „Das Schöne ist, dass diese Betriebe auch von Frauen geleitet werden und zu über 90 Prozent Frauen beschäftigen. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus gab es eine enorme Arbeitslosigkeit unter Frauen. Die haben aber in der Mongolei immer schon fleißig gearbeitet, haben sich selbstbewusst und selbstständig in diese typische generationenübergreifende Gesellschaft eingebracht“, sagt Saruul Fischer und begründet damit, warum es ihr so wichtig sei, mit ihren Kollektionen speziell die Frauen zu unterstützen.
Älteste Kundin der Designerin ist 93 Jahre alt
Zweimal im Jahr fliegt sie selbst in ihre frühere Heimat, einmal im Frühjahr, wenn die Kaschmirziegen ihr Winterfell verlieren, und einmal im Herbst, um in den dortigen Textilbetrieben die Musterkollektion für das kommende Jahr zu begutachten. „Da werden die Teile probiert, Farben- und Kollektionsbesprechungen stehen an, Ideen werden ausgetauscht. Die Designer in den Strickereien setzen das um, was wir als Modellentwürfe mitbringen“, berichtet die Plauener Designerin, spricht von 15 bis 20 neuen Teilen im Frühjahr und Sommer sowie ungefähr der doppelten Anzahl für Herbst und Winter.
Die Designerin trägt natürlich ihre eigene Mode. „Na klar, Kaschmir umarmt dich, bietet dir ein Wohlgefühl. Beim Erstkontakt mit den Kundinnen muss man das erklären – und fühlen. Wenn ein Kunde einen ersten Kaschmirpulli gekauft hat, kommt er wieder“, erläutert die Designerin und setzt lachend hinzu: „Eine Kundin hat mir jüngst erzählt, dass sie mit ihrem Kaschmirpullover sogar ins Bett geht, andere nutzen Stulpen oder Schals ganz oft zur Schmerzlinderung, wenn sie mal krank sind.“
Die Kundinnen sind meist ab 30 Jahren aufwärts. Ihre älteste – und langjährige – Kundin sei 93, sagt die Designerin, die auf Anfrage aber auch Babysachen und Babydecken fertigen lässt. Die Kaschmirprodukte kosten richtig Geld. „Die Nachfrage bestimmt den Preis. Es gibt kein ausreichendes Angebot an Kaschmirwolle, weil die Ziegen nur einmal jährlich Wolle geben. Und für einen Pulli für eine Frau in Größe S braucht es zwei bis drei Ziegenernten. Dazu kommt viel Handarbeit. Für unsere Produkte nutzen wir nur das wertvolle, weiche Unterhaar, oft sogar das seltene Brustunterhaar. Kaschmirprodukte im normalen Handel nutzen auch oft Mischungen aus Deck- und Unterhaar“, erklärt Saruul Fischer.
Saruul Fischer (r.) und ihre Assistentin Melanie Sarfert mit frischer Kaschmir-Wolle im neuen Atelier. Dieses ist teilweise im Stil eines Jurten-Unterbaues gestaltet.
© Ingo Eckardt/ Ostdeutsche Allgemeine
Kaschmirwolle aus der Südwestgobi-Region
200 bis 300 Gramm Wolle liefert eine Ziege im Jahr. Nach dem Waschen bleibt davon oft weniger als 50 Prozent erhalten. Deshalb explodierten zuletzt die Preise. Die Nomaden dürfen die Tierzahlen nicht unbegrenzt erhöhen, damit die Weidegründe nicht versteppen. „Das ist auch richtig, die Desertifikation in der Mongolei ist groß. Die Frage ist, wie man das nomadische Leben erhalten und gleichzeitig der Natur die Chance geben kann, sich zu erholen. Die Nomaden gründen Kooperativen, um die Region nachvollziehbar zu machen, wo die Wolle herkommt“, berichtet Saruul Fischer.
So kommt die Wolle ihrer Kollektionen aus einer Südwestgobi-Nomadenkooperative, die sich der Erhaltung der roten Kaschmirziegen verschrieben hat. Diese Ziegenart gibt eine beige Wolle und muss sanft gezüchtet werden, weil sie sonst aussterben würde.
Die Industrie frage hingegen oft weiße oder schwarze Wolle von den entsprechenden Ziegenrassen an. „Wir wollen aber, dass die rote Ziege erhalten bleibt. Deshalb arbeiten wir genau so, wie wir das tun“, sagt Fischer.
Mit Karl Mays Geschichten Deutsch gelernt
Doch wie kam es dazu, dass die als Elfjährige 1986 in die DDR Gekommene heute ausgerechnet im beschaulichen Plauen ihre Mode entwirft? „Ich habe einen Mann kennengelernt, der zurückwollte in seine vogtländische Heimat. Ich kam mit, bin ja schließlich eine Nomadin“, sagt sie lächelnd. 1997 sei sie nach Plauen gezogen, auch weil die Natur im Vogtland sie ein wenig an die Mongolei erinnere.
Denkt sie zurück an 1986, wird sie nachdenklich. „Ich konnte kein Deutsch und musste ab dem ersten Tag in die Schule gehen. Meine ersten Worte, die ich lernte, waren: ‚Danke‘, ‚Guten Tag‘ und ‚Scheiße‘“, erinnert sich Saruul Fischer. Autodidaktisch habe sie allmählich Deutsch gelernt.
„Ich hatte viele gute Lehrer, die mir geholfen haben. Und ich habe in der Bibliothek in meiner damaligen Heimatstadt Hohenstein-Ernstthal alle Bücher von Karl May durchgelesen, habe davon die Hälfte verstanden, die andere Hälfte hinzugereimt“, erzählt sie. Inzwischen ist das damals fremde Land zur zweiten Heimat für die Mutter zweier Kinder geworden.
Berufsweg: Design statt Kommunikation oder Diplomatie
Doch wie kam sie nun zum Thema Mode? „Ich hatte nie vor, etwas in der Textilbranche zu machen, wollte Journalistin oder Diplomatin werden, viel reisen und aus der Fremde berichten. Also habe ich nach dem Abi Kommunikation, Kunstgeschichte und Romanistik in Dresden studiert. Mit dem Umzug nach Plauen keimte die Idee, mich neu zu erfinden – frei zu sein, kreativ zu sein. Mein Mann hatte die Inspiration, ich könne doch selbst Mode entwerfen“, erzählt Saruul Fischer.
Und erneut griffen damals ihre Selfmade-Kompetenzen: Sie habe sich alles autodidaktisch angeeignet, was es für eine Modedesignerin braucht – von der Kollektionsentwicklung bis zur Vermarktung. Das hält sie bis heute so. Und genau das lieben ihre Kunden, die nun im neuen Atelier noch mehr eintauchen können, in eine Modewelt, die sich kaschmirweich von Deutschland in die Mongolei windet.
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