„Projekt Medusa“

Frauen betäubt und missbraucht: Europol deckt Netzwerk wie im Fall Gisèle Pelicot auf

Männer sollen ihre Partnerinnen betäubt, missbraucht und die Taten im Internet verbreitet haben. Europol und das Bundeskriminalamt identifizierten 156 mutmaßliche Täter und Opfer.

3 Min
Das „Projekt Medusa“ steht unter Leitung von deutschen und britischen Behörden. (Archivbild)

Das „Projekt Medusa“ steht unter Leitung von deutschen und britischen Behörden. (Archivbild)

© Jerry Lampen/anp/dpa

Internationale Ermittler sind erstmals gezielt gegen Online-Netzwerke vorgegangen, in denen Männer ihre Partnerinnen oder andere Frauen betäuben, sexuell missbrauchen und Aufnahmen der Taten verbreiten sollen. Wie Europol und das Bundeskriminalamt (BKA) mitteilten, wurden am Donnerstag bei der länderübergreifenden Aktion „Projekt Medusa“ insgesamt 156 mutmaßliche Täter und Opfer identifiziert. Zudem ergaben sich 274 neue Ermittlungsansätze. Die Ermittlungen wurden von deutschen und britischen Behörden geleitet.

Die Vorwürfe erinnern an den international bekannt gewordenen Fall der Französin Gisèle Pelicot. Ihr damaliger Ehemann hatte sie über Jahre hinweg mit Medikamenten betäubt, sexuell missbraucht und Dutzenden Männern Vergewaltigungen ermöglicht. Nach Angaben von Europol weist das nun aufgedeckte Tatmuster deutliche Parallelen auf.

An der internationalen Aktion beteiligten sich neben Deutschland und Großbritannien unter anderem Frankreich, Spanien, die Niederlande, Ungarn, Brasilien, Kanada, die USA sowie Europol. Ziel war es nach Angaben der Ermittler, die kriminellen Netzwerke hinter den Taten aufzudecken und weitere Opfer zu schützen.

Täter tauschten Videos, Medikamente und Anleitungen aus

Nach Angaben von Europol missbrauchten die Verdächtigen überwiegend Frauen aus ihrem persönlichen Umfeld. Sie sollen ihre Opfer zunächst mit Medikamenten, Schmerzmitteln und häufig zusätzlich mit Alkohol betäubt haben. Anschließend hätten sie sexuelle Übergriffe verübt, gefilmt und die Aufnahmen in geschlossenen Chatgruppen, Messengern oder auf Pornoplattformen verbreitet. Dort tauschten sich die Täter laut Europol auch über ihre Erfahrungen aus, gaben Hinweise zur Beschaffung und Dosierung der verwendeten Substanzen und handelten teilweise sogar mit den Medikamenten.

Im Zuge der Ermittlungen wurden vier bislang unbekannte Online-Netzwerke entdeckt. Seit dem Start des „Projekts Medusa“ im April nahmen die beteiligten Behörden nach Angaben von Europol insgesamt 57 Tatverdächtige fest und brachten 158 mutmaßliche Opfer in Sicherheit. Im Juni wurden nach Hinweisen deutscher und britischer Ermittler vier weitere Verdächtige in den Niederlanden festgenommen.

Viele Opfer bemerken die Taten zunächst nicht

Nach Angaben des Bundeskriminalamts stammen die Tatverdächtigen häufig aus dem sozialen Nahbereich ihrer Opfer. Die Übergriffe zögen sich teilweise über Jahre hin. Besonders perfide sei, dass viele Betroffene den Missbrauch zunächst gar nicht bemerkten.

„Die zugeführten Betäubungs- und Schmerzmittel verhindern, dass sich die Opfer an die Tat erinnern können oder unmittelbar körperliche Folgen der Vergewaltigung spüren“, erklärte das BKA. Die Kombination der Substanzen könne zudem lebensbedrohlich sein.

Fall Pelicot rückte Tatmuster ins öffentliche Bewusstsein

Der Fall der Französin Gisèle Pelicot hatte das Ausmaß dieser Form sexualisierter Gewalt erstmals weltweit ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Nach Einschätzung der Ermittler zeigt das „Projekt Medusa“, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, sondern um ein internationales Phänomen, bei dem sich Täter in Online-Netzwerken austauschen und gegenseitig bestärken.

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Betäubungsmittel oft nur kurz nachweisbar

Das BKA rät Betroffenen und Angehörigen deshalb, bei einem Verdacht möglichst schnell ärztliche Hilfe und die Polizei einzuschalten. Die eingesetzten Betäubungs- und Schmerzmittel seien häufig nur für kurze Zeit in Blut oder Urin nachweisbar. „Denn die zugeführten Betäubungs- und Schmerzmittel verhindern, dass sich die Opfer an die Tat erinnern können oder unmittelbar körperliche Folgen der Vergewaltigung spüren“, erklärte das BKA.

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