Frauen in Not: In Deutschland gibt es jetzt zum ersten Mal einen legalen Weg, sein Kind "auszusetzen", anonym und ohne Strafverfolgung

Bevor sie das Kind tötet

Renate Rauch
7 Min

Wir wissen nicht, wo das Mädchen war, als die Wehen stärker wurden. Es sagte, es sei allein gewesen bei der Geburt. Das Baby, ein Mädchen, sei tot zur Welt gekommen. Die Obduktion ergab, das Baby habe bei der Geburt gelebt, sei aber etwa zwanzig Minuten später mit einem stumpfen Gegenstand getötet worden. Das Kind wurde Donnerstagnacht geboren. Am Sonnabendfrüh versuchte das Mädchen, das tote Kind zu verbrennen. Es war mit dem Fahrrad in Marzahn, wo es wohnte, in die S-Bahn eingestiegen und nach Ahrensfelde gefahren. Vom Bahnhof dann noch etliche Kilometer, bis es am Feldrand vor einem Waldstück den geeigneten Platz fand, um das Baby zu beerdigen. Zwei BGS-Beamte entdeckten den Rauch, fanden das Mädchen und die Leiche des Babys. Die Zeitungen berichteten. Das Mädchen ist sechzehn Jahre alt. Bei der Vernehmung sagte es aus, das Kind sei die Folge einer Vergewaltigung. Es hätte die Schwangerschaft vor der Mutter und dem Freund geheim gehalten. Wir fragen nicht, wie das möglich war, wir wissen, dass es möglich ist. Genügend Fälle von Neugeborenen, die man ausgesetzt oder tot gefunden hat, beweisen es. Wir fragen jetzt nicht nach der Mitschuld der Umgebung, in der jeder schweigt, der etwas ahnt. Wir wissen nur, diese Zeit ist für ein Mädchen, eine junge Frau eine Zeit von Not, Angst und Verdrängung. Ein Vergewaltigungsopfer ist traumatisiert von Scham und dem Gefühl eigener Schuld. Eine allein erziehende Mutter ist in finanzieller Not. Einer Vietnamesin droht Abschiebung, ohne Kind kann sie besser untertauchen. Eine verheiratete Frau hat nicht abgetrieben, wie es der Mann verlangte. Einer anderen hat der Mann gesagt: Noch ein Kind, und ich bring dich um. So lösbar jeder Konflikt dem Aussenstehenden scheinen mag für die Betroffene gibt es keinen Ausweg, sie will nur das eine: Ungeschehenmachen. Und da dies unmöglich ist: Geheimhalten.Der Gedanke: Niemand darf es wissen, beherrscht den Tag vom Aufstehen bis zum Zubettgehen und noch den Schlaf, lenkt jedes Wort, jede Geste, kontrolliert das Verhalten. Einfallsreich lavieren sich die Betroffenen durch die Monate. Es ist eine enorme Konzentrationleistung, die jedes andere Denken lähmt. Vorausschauende Überlegung ist nicht möglich. Der einfache Gedanke: Und was passiert dann? wird nicht gedacht. Das gelungene Geheimhalten steht dafür, es doch noch ungeschehen machen zu können. Doch wenn das Kind da ist, ist ein Beweis da, eine Tatsache, die zum Handeln zwingt. Oft löst der erste Schrei des Neugeborenen eine panische Reaktion aus den Beweis zum Schweigen bringen. Das tote Kind ist kein wirkliches Kind, hastig wird es entsorgt, damit alles endlich wie vorher ist. Dass diese Rechnung nicht aufgeht, entzieht sich der Vorstellungskraft.1997 wurden 24 Fälle von Kindstötung bekannt, im vergangenen Jahr 20. Wird die Tat entdeckt, wissen es alle, dann folgt oft der psychische Zusammenbruch. Bleibt die Kindstöterin unentdeckt, wird sie ein Leben lang nicht darüber reden können.Manche Frauen setzen das Neugeborene lebend aus, hoffend, dass man es rechtzeitig findet und gut versorgt, doch zugleich fürchtend, dass man sie selber findet und bestraft. "Rabenmutter" titeln die Zeitungen. Die Polizei ermittelt. "Verlassen eines Unmündigen" heißt der Tatbestand oder "Versuchte Kindstötung". Auf Kindsaussetzung steht Strafe. Auf Tötung sowieso. Setzen wir also voraus, einer Frau ist es gelungen, ihr Kind ohne Mitwisser auf die Welt zu bringen, sie will es loswerden, ohne eine Straftat zu begehen, was kann sie tun? In Berlin könnte sie die S-Bahn Richtung Bernau nehmen, in Zepernick aussteigen, zehn Minuten durch den Wald laufen, dann wäre sie in Schönow, die Lessingstraße 21 ist ganz nah, ein weißes Einfamilienhaus mit Sonnenblumen vor dem Zaun, das seit Ende Juli bereitsteht als "Schutzraum für Frauen und Kinder in Not". Schwester Monika käme heraus in ihrer weißen Schwesterntracht und bäte die Frau herein. Sie gingen in eines der drei Zimmer, in denen jeweils ein Kinder- und ein Erwachsenenbett stehen, auf der blauen Bettwäsche blühen Sonnenblumen. Schwester Monika vom Orden der Franziskaner, die in acht Jahren Suppenküche Pankow viele Frauen in Not erlebt hat, würde Kaffee kochen und zuhören, und die Frau könnte reden, worüber sie neun Monate lang schweigen musste. Eine Gynäkologin und eine Psychologin sind in Rufweite, sie kämen, wenn sie benötigt würden. Die Frau brauchte weder Ausweis noch die Chipkarte der Versicherung, sie müsste es nicht begründen, wenn sie ihr Baby zur Adoption fortgeben wollte, die Formalitäten beim Jugendamt würden vom "Haus Sonnenblume" für sie erledigt. Vielleicht aber fände sich auch eine andere Lösung. "Dass sie den Mut haben, herzukommen", wünscht sich Schwester Monika. "Bevor sie dem Kind etwas antun."Bisher schien es für eine Frau, die die Mutterschaft nicht annehmen konnte, unmöglich, gleichzeitig anonym zu bleiben und straffrei auszugehen. Im fränkischen Amberg braucht sie ihr Kind nicht vor der Poliklinik oder in irgendeinem Vorgarten abzulegen, um sich dann heimlich davonzustehlen. Sie kann zum Sozialdienst katholischer Frauen gehen und es abgeben, ohne ihren Namen zu nennen, ohne sich strafbar zu machen."Moses" heißt das Projekt, nach dem ausgesetzten Knaben aus dem Geschlecht Levi und seiner wunderbaren Auffindung. Als vor mehr als einem Jahr in der Nähe von Nürnberg kurz nacheinander zwei tote Neugeborene in Müllsäcken gefunden wurden und ein anderes ausgesetzt worden war, entschied die Initiatorin des Projekts, Maria Geiß-Wittmann, nach einem legalen Weg zu suchen, um die "Hilfslücke" zwischen Anonymität und Straftat zu schließen. Man fand ihn, brauchte aber doch ein Jahr, bis alle Fragen mit den einschlägigen Ämtern und Institutionen vom Sozialministerium bis zum Jugendamt geklärt waren. Rechtsgrundlage ist eine Vernetzung zwischen dem Schwangerenberatungsgesetz und dem Kinder- und Jugendhilfegesetz. In ersterem ist der Anonymitätsschutz der Frau und ihr Zeugnisverweigerungsrecht festgelegt sowie die Verpflichtung für die Beratenden zu schweigen. Im zweiten wird ausgesagt, dass niemand belangt werden kann, wenn er sein Kind in Obhut gibt, weil er sich überfordert fühlt. Möglich ist das Projekt, weil der Sozialdienst katholischer Frauen viele Funktionen in sich vereint: eine Rundum-Rufbereitschaft für Frauen, Mädchen, Kinder in Not, Schwangerenberatungsstelle, Pflegekinderdienst und staatlich anerkannte Adoptionsstelle ist. Bringt eine Mutter ihr Neugeborenes in die Beratungsstelle, kann man nun "mit der Mutter entscheiden wenn sie überhaupt Wünsche hat, wenn sie überhaupt spricht und unsere Hilfe annimmt was sie denn für das Kind haben möchte", sagt Maria Geiß-Wittmann. Die Mutter kann dem Kind einen Namen geben, auch einen erfundenen Familiennamen, bei jeder Regung für das Baby wird man der Frau entgegenkommen. Wünscht sie nichts anderes, als sich von dem Kind zu trennen, wird die Beratungsstelle Rechtsträger für das Baby, es wird es behandelt wie ein Findelkind. Es bekommt seinen Namen vom Oberbürgermeister der Stadt, es wird in der Kinderklinik untersucht, und, wenn es gesund ist, von geschulten Pflegeeltern betreut. Acht Wochen lang hat die junge Mutter Zeit, ihre Situation zu überdenken. Fordert sie in dieser Zeit ihr Kind nicht zurück, wird der Sozialdienst die Einwilligung zur Adoption ersetzen, da sie selbst ja anonym bleibt. In Amberg und im Landkreis warten so viele Eltern auf ein Kind, dass es einen Bewerberstopp gibt. Amberg ist eine Stadt von 45 000 Einwohnern, im Landkreis sind es etwa 200 000. Es kommt zwar vor, dass Frauen weit fahren, um ihr Kind auszusetzen, wo niemand sie kennt. Eine Frau aus Cottbus fuhr vor gut einem Jahr bis nach Bayern, eine aus Bayern nach Österreich. Doch wer fährt schon nach Ambach, um ein Kind abzugeben, wie viele wird die Nachricht erreichen: anonym und straffrei in Amberg?Die Frauen vom katholischen Sozialdienst wissen um das Problem. Trotzdem, jedes Menschleben zählt, sagt Frau Geiß-Wittmann. Außerdem klingelt bei ihr jetzt häufig das Telefon, sogar ein Sozialministerium erbittet per Fax Projektbeschreibung, Verträge, Einzelheiten. Noch ist "Moses" einmalig in Deutschland. Aber man kann es nachahmen, man braucht dafür nicht einmal neue Gesetze zu verabschieden. Dann müsste man nur noch dafür sorgen, dass das Wissen davon ins allgemeine Bewußtsein dringt. Dass jede Frau, jedes Mädchen davon weiß. Bevor sie in Not ist, bevor die Panik kommt. Aber das ist das Schwierigste.Manche Frauen setzen das Neugeborene aus, hoffend, dass man es rechtzeitig findet und gut versorgt, doch zugleich fürchtend, dass man sie selber findet und bestraft.HILFE Adressen // Berlin Haus Sonnenblume Lessingstr. 21 16321 Schönow Tel. : 03338/759402 Amberg Sozialdienst katholischer Frauen Regensburger Str. 28 92224 Amberg Tel. :09621/22200

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