Konzerte

Musiksommer Bärenstein: Freejazz und Klangwanderung im Widerhall des Miriquidi

Der Jazzmusiker Hartmut Dorschner bringt namhafte Künstler im Osterzgebirge zusammen: Der 4. Musiksommer Bärenstein lockt mit Konzerten, Musizier-Workshop, Lesungen und Ausstellungen.

Lilli Vostry
10 Min
Von Freejazz bis Klangwanderung im Wald: Agnes Ponizil,  Hartmut Dorschner, Schlagzeuger Matthias Macht und Andrea Dorschner (v.l.n.r.)

Von Freejazz bis Klangwanderung im Wald: Agnes Ponizil,  Hartmut Dorschner, Schlagzeuger Matthias Macht und Andrea Dorschner (v.l.n.r.)

© Rene Plaul

Jede Menge Jazz, gute Laune und Konzerte an urigen, ungewöhnlichen Spielorten vor zauberhafter Naturkulisse – dafür steht der Musiksommer Bärenstein. Unter dem Motto „Hört auf!“ lockt von Juli bis September in dem kleinen Ort im Osterzgebirge bereits zum vierten Mal ein pralles Programm mit Konzerten, einem Workshop zum Mitmusizieren, einer musikalischen Wanderung, Ausstellungen und Autorenlesungen. Zu erleben sind Musiker aus Italien, Spanien und Deutschland.

Eine alte Pioniertrommel aus der DDR

Der Titel des Musiksommers spielt auf den Bergmannsgruß „Glück auf“ an, steht aber auch für ländliche Abgeschiedenheit und Ruhe, Skepsis gegenüber Neuem und für Aufhorchen. Als Logo sieht man auf den Veranstaltungsplakaten statt Schlägel und Eisen zwei Noten.

Im letzten Jahr wurde beim Musiksommer unweit des Kunsthauses Bärenstein ein neuer Spielort in einem leeren Ladengeschäft in der Kirchgasse 2 feierlich eingeweiht: mit einem Konzert mit Freejazz, improvisierter Musik vom Feinsten, mit den zwei Musikern Hartmut Dorschner am Saxofon und Matthias Macht am Schlagzeug.

„Das Haus öffnet sich zum Markt hin. Dadurch sind wir als Veranstaltungsort präsenter“, sagt Hartmut Dorschner, Musiker und Initiator des Musiksommers Bärenstein. Veranstaltet wird dieser vom Kunstverein kult-ur-art zu Bärenstein mit derzeit 30 Mitgliedern. Das alte Gebäude am Markt wollte die Stadt Altenberg schon vor 20 Jahren verkaufen. Dorschner hat es vor zwei Jahren erworben und einen Raum mit großem Schaufenster als Musikladen hergerichtet. Dort ist Platz für ca. 50 Besucher. Einen Vorgeschmack auf den diesjährigen Musiksommer Bärenstein gaben die Musiker schon beim Fototermin.

Hartmut Dorschner und Matthias Macht

Hartmut Dorschner und Matthias Macht

© Rene Plaul

Sie holen ihre Instrumente aus dem Haus, darunter eine alte Pioniertrommel aus DDR-Zeiten, die wohl aus einem Spielmannszug stammt und sich noch auf dem Dachboden fand. Die Freude am Musizieren steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie stellen sich am Wahrzeichen von Bärenstein auf, dem steinernen Bären auf der Wiese am Markt. Die Skulptur stammt von dem ortsansässigen Künstler und Vereinspräsidenten Mario Nitschke. Schlagzeuger Matthias Macht hält die Trommel in der einen Hand und in der anderen einen Klöppel.

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Es ist sehr warm an diesem Tag. Mit nacktem Oberkörper und kurzer Jeans sitzt der Musiker auf seiner olivgrünen Schwalbe, mit der er aus dem elterlichen Wohnhaus in Freital nach Bärenstein gefahren ist. Er selbst wohnt in Dresden. Das Motorrad aus den 1980er-Jahren aus dem Osten hat er im letzten Jahr für 2500 Euro auf einem Flohmarkt gekauft. Hartmut Dorschner spielt Saxofon. Er trägt offenes, schulterlanges Haar und einen himmelblauen, seidenen, blumenbestickten Anzug, den er von einer Reise nach Indien mitgebracht hat.

Seit dem ersten Musiksommer Bärenstein ist außerdem Agnes Ponizil dabei. Die Komponistin, Jazzsängerin und Musikerin – sie spielt Klavier und Akkordeon – hat seit 2022 ein altes Haus in der Kirchgasse, das sie ausbaut und nun auch für Ausstellungen öffnet. Mit Hartmut Dorschner arbeitet sie schon länger zusammen. Sie lädt diesmal zu einem „Wander-Workshop und Freiluftkonzert im Widerhall des Miriquidi“ ein, dem lateinischen Wort für Erzgebirge. „Wir wandern rund um Bärenstein, singen Lieder, werden pfeifen, jodeln und tönen“, sagt Agnes Ponizil. Start ist am 29. August um 14.30 Uhr auf dem Markt Bärenstein; die Route führt bis zur Sachsenhöhe und zurück.

„Mitmachen können Laien und musikalische Profis, Sängerinnen und Sänger aus dem Osterzgebirge und natürlich auch urbane Sangesbegeisterte, die Sommerfrische schnuppern wollen“, so die Sängerin.

Die Pianistin Agnes Ponizil

Die Pianistin Agnes Ponizil

© Rene Plaul

Außerdem gibt es gleich drei Ausstellungseröffnungen an einem Tag: am 19. Juli ab 15 Uhr in Bärenstein. In der Kirchgasse 10 sind Bilder von Else Gold, einer Meißner Künstlerin, zu sehen. Agnes Ponizil kennt sie seit 20 Jahren, seit ihrem Musikstudium. Es wird auch eine Klanginstallation von Felix Ermacora in der Kirchgasse 12 gezeigt sowie Porträts von Eleni Haase und Keramikköpfe und Fische aus Ton von Karin Dorschner im Musikladen in der Kirchgasse 2.

Hartmut Dorschner kommt aus einer musischen Familie. Seine Mutter ist gestalterisch tätig. Seine Schwester Andrea Dorschner musiziert mit Leidenschaft an der Harfe. Sie begleitet eine Gedichtlesung am 25. Juli um 17 Uhr; ein Konzert mit ihr und dem Musiker Sven Haubold am Klavier gibt es am 26. Juli um 17 Uhr im Kunsthaus Bärenstein. Eröffnet wird der Musiksommer traditionell mit dem Dozentenkonzert zum Workshop mit Matthias Macht und Hartmut Dorschner am 12. Juli um 15 Uhr. Die beiden sind seit nunmehr 40 Jahren befreundet; sie lernten zusammen Steinmetz im damaligen VEB Elbe Naturstein in Dresden und haben beide an der Dresdner Musikhochschule studiert.

Das Wichtigste im Raum dazwischen

Matthias Macht spielt seit 1986 Schlagzeug. „Weil ich intuitiv in der Familie die Vermittlerrolle habe und die Leute zusammenhalte, auch in der Band, und das Thema beziehungsweise den Takt vorgebe“, erzählt er. „Die Inspiration und vor allem die Freiheit, die wir immer beim Musizieren gespürt haben, wollen wir in unserem Workshop weitergeben“, sagt Matthias Macht.

Er und Hartmut Dorschner feierten im letzten Jahr ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Zusammen leiten sie als Dozenten wieder die Werkstatt mit dem Bärensteinorchester vom 13. bis 18. Juli im Kunsthaus Bärenstein, dieses Jahr mit dem Thema „Pausen“. „Die Stille, das Schweigen – das Wichtigste an der Musik steht nicht in den Noten, sondern im Raum dazwischen“, weiß Matthias Macht.

Große Komponisten und Musiker wie Claude Debussy, Leonard Bernstein und Miles Davis wissen das. Ebenso Vertreter der Minimal Music wie Erik Satie, Philip Glass und Steve Reich. „Spannung kann ja nur in der Stille entstehen“, so Matthias Macht. Inspiriert habe ihn im Jazz dabei sehr Gunter „Baby“ Sommer, der auch sein Lehrer und Professor an der Musikhochschule war.

Doch die eigentlichen Lehrjahre seien 1987/88 bei Konzerten noch im alten Jazzclub Tonne im damaligen Kellergewölbe des inzwischen wiederaufgebauten Kurländer Palais, nahe der Kunsthochschule, gewesen. „Da haben wir Gunter ‚Baby‘ Sommer gesehen und waren begeistert, da er eine unglaubliche Präsenz hat“, erinnert sich Macht. „Das Ziel im Workshop ist es, gemeinsam mit den Teilnehmern wieder schöne Musik zu machen, die es noch nie gegeben hat.“

Seine Zwillinge, 15 Jahre jung, spielen Gitarre und Bass im Bärensteinorchester. „Dieses dauernde Repetieren, Wiederholen ist nicht unser Anspruch“, sagt Jazzmusiker Hartmut Dorschner. „Wir erfinden alles neu.“

Der Titel des Musiksommers steht auch für ländliche Abgeschiedenheit und Ruhe, Skepsis gegenüber Neuem und für Aufhorchen.

Der Titel des Musiksommers steht auch für ländliche Abgeschiedenheit und Ruhe, Skepsis gegenüber Neuem und für Aufhorchen.

© Rene Plaul

Im Bärensteinorchester spielen maximal zwölf Teilnehmer. Acht Musikbegeisterte aus der Umgebung im Alter zwischen zwölf und 66 Jahren haben sich schon angemeldet. Einige Plätze sind noch frei. Viele Teilnehmer kennen sich bereits, darunter etliche Saxofonisten; andere musizieren am Klavier, an der Triola, an der Gitarre und am Bass. Geprobt wird kreativ mit Spiel- und Bewegungsimpulsen, mit bemalten Karten mit Symbolen und Begriffen sowie tönenden Lauten, aus denen eigene Songs entstehen. Das „Grusel-Solo“ ist Matthias Machts Lieblingskarte. „Weil das fetzt!“ Dorschner mag besonders die Karte mit dem Wort „Explosion“. „Da machen alle etwas und reagieren, da kann man die ganze angestaute Angst und Unsicherheit rauslassen“, sagt er. „Es gibt keine Fehler. Außerdem sind sie dazu da, dass man sie macht und etwas erfährt. Bei uns auf der Bühne ist alles erlaubt.“

Schlagzeuger Matthias Macht und seine alte Pioniertrommel

Schlagzeuger Matthias Macht und seine alte Pioniertrommel

© Rene Plaul

Ganz egal, was andere Leute darüber denken. Hartmut Dorschner, Jahrgang 1970, fühlt sich sehr dem Freejazz verbunden. Er hat zusammen mit dem Jazzmusiker Dietmar Diessner und Matthias Macht beim Musikfestival Bedrohte Art Mitte der 1990er-Jahre die frei improvisierten Klänge in der damaligen Blauen Fabrik auf der Priesnitzstraße in der Äußeren Neustadt gespielt. „Jazz war vorher in der DDR etwas Besonderes. Da diese Musik keine Worte hat, war sie für viele eine Nische für Freiheit“, so Dorschner. So gab es ein großes Jazzfestival in Peitz bei Cottbus, genannt Woodstock am Karpfenteich, zu dem jährlich um die 30.000 Zuschauer strömten.

Konzert an zwei Klavieren

Nach der Wende sank die Besucherzahl schlagartig auf rund 100 Besucher. „Die Leute verwechseln Geld mit Freiheit“, sagt Matthias Macht zu dieser Entwicklung. Hartmut Dorschner spielte in Peitz im Trio mit großartigen Musikern aus drei Saxofon-Generationen: zusammen mit dem bereits verstorbenen Ernst-Ludwig Petrowsky und Dietmar Diessner. Im Zusammenspiel im Jazz gehe es um Expressivität im Ausdruck und um Gespür für die Musik, so Dorschner.

Das Workshopkonzert mit dem Bärensteinorchester und eigenen Songs der Teilnehmer findet am 17. Juli um 17 Uhr im Kunsthaus Bärenstein statt. Ein besonderes Freiluftkonzert gibt es vor dem Milchschafhof Bärenstein. Während die Schafe auf der Weide grasen, spielen vor dem Gebäude die Musikerinnen Andrea Hofmann (Violine), Karoline Schulz (verschiedene Flöten) und Sabine Grüner (Cello) am 16.8. um 15 Uhr – begleitet von Vogelzwitschern, Blätterrauschen inmitten hoher Bäume und dem Duft von Heu in der Nase.

Ein weiterer Höhepunkt beim Musiksommer ist das Konzert an zwei Klavieren mit klassischer und neuer Musik mit Andreas „Scotty“ Böttcher aus Dresden und der spanischen Musikerin Hada Benedito am 22.8. um 17 Uhr.

„Die meisten Bewohner sehen den Musiksommer Bärenstein wohlwollend. Einige sind noch scheu und schauen von weitem“, so Dorschner. Das liege wohl an der allgemeinen Unsicherheit. „Da es kein Mainstream ist, sondern handgemachte Musik, ist das im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) fast schon subversiv.“ Matthias Macht ergänzt: „Wir machen Musik von Menschen für Menschen mit Herz. Die Leute zieht es auch zu gemeinsamen Erlebnissen. Gerade die kleinen Formate laden zum Genießen und dazu, miteinander ins Gespräch zu kommen, ein.“

Hartmut Dorschner am Saxofon

Hartmut Dorschner am Saxofon

© Rene Plaul

Rund 30 Besucher kommen jeweils zu den Veranstaltungen, so Dorschner. Der Musiksommer Bärenstein bringt auch mehr Leben in den Ort. Früher gab es hier mal vier Kneipen, jetzt keine einzige mehr und nur wenige Läden. Die mehrheitlich älteren Betreiber finden im ländlichen Raum keine Nachfolger. „Das führt dazu, dass manche jetzt in Garagen zu zweit mit einem Kasten Bier sitzen und sich schon daran gewöhnt haben“, beobachtet Dorschner bei Bekannten.

„Ich glaube, die Globalisten wollen die Leute auch weg von der Gemeinschaft haben“, so Dorschner; er findet diesen Trend zur Vereinzelung bedenklich. Aus seiner Generation gebe es niemanden mehr im Ort. Sie seien wegen der Arbeit in den Westen weggezogen. „Die Alten sterben. Die Häuser stehen leer. Das ist Diebstahl – auch an Menschen, an Humankapital.“

Hartmut Dorschner hat Jazzsaxofon und Komposition an der Dresdner Musikhochschule studiert und wohnt und arbeitet schon seit Längerem als freischaffender Musiker in Bärenstein. Im ehemaligen Pfarrhaus gegenüber der Kirche hat er das Kunsthaus Bärenstein eingerichtet, das er noch saniert. Ein urwüchsiger Garten mit Obstbäumen gehört dazu, und man hat aus den Räumen im Obergeschoss eine wundervolle Aussicht auf die hügelige Landschaft und den weiten Himmel sowie himmlische Ruhe.

Dorschner organisiert ehrenamtlich den Musiksommer Bärenstein und stellt die Räume im Kunsthaus wie den Saal mietfrei zur Verfügung. Der Musiksommer wird von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen aus dem Projektefonds zur Kunstförderung im ländlichen Raum wieder mit 5000 Euro gefördert. Die Ostsächsische Sparkasse gibt 2000 Euro dazu. Die Heidehof-Stiftung möchte 2400 Euro geben und fördert damit den Musikworkshop und ein Konzert mit elektronischer Musik. Alle Veranstaltungen und der Musikworkshop sind für die Teilnehmer und Besucher eintrittsfrei.

„Es wäre schön, wenn noch mehr Künstler nach Bärenstein kämen. Im Kunsthaus ist Platz genug für eine Wohngemeinschaft und für weitere kreative Projekte; auch Unterstützung beim Herrichten der Räume ist gern gesehen“, sagt Hartmut Dorschner. Er hofft auf noch mehr Initiative. Gelegenheit zum Umschauen, Sich-anregen-Lassen, Austausch und Genießen von Kunst und Natur bietet der Musiksommer Bärenstein für alle Besucher reichlich.

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