Am 7. November wird in der Frankfurter Paulskirche, dem Gral der deutschen Freiheitsbewegung und Demokratie, dem Schah-Sohn und einstigen persischen Kronprinzen der Freiheitspreis 2026 der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit überreicht. Geehrt wird das iranische Volk für den Mut der Zivilgesellschaft und der Protestierenden. Reza Pahlavi nimmt die Auszeichnung treuhänderisch entgegen. Unser Gastautor ist dennoch aufgebracht, mit einigem Grund.
Ich werde diesen Raum nie vergessen: einen Raum in einem Gefängnis des Schahs 1975, in dem Masoumeh Shadmani, die Ehefrau meines Onkels, von der Decke hing, während ein Savak-Vernehmer sie unter den Augen ihres Sohnes auspeitschte und schrie: „Gesteh!“
Ich stand mit gefesselten Händen daneben – wütend, gedemütigt und machtlos. Das ist nicht nur eine Erinnerung; es ist ein lebendiges Zeugnis dessen, was das Wort Savak – die Geheimpolizei des 1979 gestürzten Pahlavi-Schahs – für Tausende Iraner bedeutet: Folter, Erniedrigung, Gefängnis und Tod.
Die Geschichte ist nicht aus Büchern erlernt, ich habe sie erlebt. Als ich 1975 von Westdeutschland in den Iran reiste, wurde ich in der Grenzstadt Maku verhaftet und verbrachte nahezu drei Jahre in den berüchtigten Teheraner Gefängnissen Evin und Qasr. Die Savak war kein ferner Begriff, sondern eine gewalttätige Hand, die auf unseren Körper und unsere Seele niederfuhr.
Kein positives Signal
Auch meine Familie zahlte einen hohen Preis: Mostafa Javan-Khoshdel, mein Cousin, wurde nach Jahren der Folter 1975 mit acht weiteren Gefangenen auf den Hügeln von Evin hingerichtet. Masoumeh Shadmani überlebte die Gefängnisse des Schahs und wurde wenige Jahre später von der Theokratie hingerichtet, die Ayatollah Khomeini nach dessen Sturz errichtete.
Meine Familie kennt, wie viele iranische Familien, den bitteren Geschmack beider Diktaturen.
Später dokumentierte ich mit der Kamera das Massaker des Schahs am „Schwarzen Freitag“, dem 17. Schahrivar 1357, in Teheran. Es war der 8. September 1978. Nach der Revolution sah ich als erster stellvertretender Leiter des iranischen Nationalen Fernsehens die Gewalt der neuen Diktatur aus nächster Nähe und versuchte, darüber zu berichten – bevor auch ich gezwungen war, das Land zu verlassen.
Umso mehr glaubte ich zunächst an ein positives Signal, als ich hörte, dass die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit – der liberalen FDP nahestehend – dem iranischen Volk einen Preis verleihen will. Unter der blutigen Repression der Islamischen Republik kämpfen die Menschen dort erneut für die Freiheit. Frauen, junge Menschen und politische Gefangene zahlen dafür jeden Tag einen hohen Preis.
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Doch als klar wurde, dass der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, den Preis der Stiftung für die Freiheit entgegennehmen soll – stellvertretend für das iranische Volk –, wich dieses erste Gefühl dem Zorn und der Sorge.
Es geht nicht um eine Einladung oder eine Zeremonie. Es geht darum, dass keine deutsche Stiftung, so gut sie es auch meint, das Recht hat, eine nicht gewählte politische Figur als Vertreterin eines ganzen Volkes zu ehren – erst recht nicht, wenn diese Figur sich niemals von der Diktatur des Schahs, von der Savak oder von deren blutiger Unterdrückung politischer Gegner distanziert hat.
Reza Pahlavi hat noch im April, kurz vor seiner Reise nach Berlin, in einem Interview mit dem schwedischen Staatsfernsehen stolz auf sein „Erbe“ verwiesen. Noch schwerer wiegt, dass er öffentlich seine Kontakte zu Funktionären der Revolutionsgarden hervorgehoben hat – zu jenem Apparat, der heute die neue Unterdrückung der Menschen im Iran vorantreibt.
Für die Überlebenden der Savak, von denen viele in Deutschland leben, ist Pahlavis Erbe keine nostalgische Erinnerung – es besteht aus dem Knall der Peitschenhiebe, den Schreien unter der Folter und dem Bild der Hingerichteten auf den Hügeln von Evin.
Schmerz einer Generation
Dieser Protest ist nicht nur mein Protest. Unmittelbar nachdem die Nachricht über diese Einladung bekannt wurde, warnte ich gemeinsam mit fünf weiteren politischen Gefangenen jener Zeit in einem Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung und die Verantwortlichen der Stadt Frankfurt, dass dieser Schritt die „alten Wunden“ der Savak unter den Iranerinnen und Iranern neu aufreißen werde.
Wir schrieben: „Die Einladung an den Sohn des Schahs, unter welchem Titel auch immer, ist eine Beleidigung der Freiheit, der Demokratie, des Selbstbestimmungsrechts des iranischen Volkes und des Andenkens an die Opfer der Savak.“
Dieser Satz bündelt den Schmerz einer Generation, die ihre Jugendjahre in den Zellen des Schahs verbrachte und Freunde unter der Folter und vor Erschießungskommandos verlor.
Die Naumann-Stiftung trägt das Wort „Freiheit“ im Namen. Ein solcher Name bedeutet Verantwortung. Freiheit ohne historisches Gedächtnis ist keine Freiheit; und das iranische Volk zu ehren, indem man die Opfer der Schah-Diktatur übergeht, ist doppelt ungerecht. 1979 hat der Iran die Katastrophe, dass eine Diktatur durch eine andere ersetzt wurde, bereits erlebt. Damals stürzte das Volk die Monarchie – und fand sich unter religiösen Tyrannen wieder. Der Kampf des iranischen Volks gegen diese religiöse Diktatur darf nicht zur Bühne werden, auf der die Monarchie wiederkehrt.
Weder Schah noch Scheich
Heute kämpfen Frauen und junge Menschen im Iran, politische Gefangene und die Familien der Hingerichteten mit ihrem Leben für das Recht auf Selbstbestimmung. Die geleisteten Opfer gehören keiner Familie, keinem selbsternannten Führer und keiner ausländischen Institution.
Wer von Freiheit spricht, muss zunächst das Andenken der Opfer beider Diktaturen achten. Und wenn ein Preis im Namen des iranischen Volkes der Freiheit dienen soll, muss er auch die Stimme dieses Volkes widerspiegeln – nicht die Stimme des Erben einer gestürzten Monarchie. Er muss dem Leid politischer Gefangener, dem Blut der Hingerichteten und dem Recht der Iraner gewidmet sein, ihre Zukunft frei zu wählen.
Weder Schah noch Scheich: Das iranische Volk vertritt sich selbst, und die Zukunft gehört allein ihm und seiner freien Entscheidung. Die Verleihung eines Freiheitspreises an Reza Pahlavi hilft diesem Recht nicht zur Geltung – sie beschädigt es.
Hassan Javan-Khoshdel ist ein in Berlin lebender iranischer Schriftsteller, Filmemacher und Schauspieler. Er ist Autor des Romans „Von Auschwitz nach Teheran“ (2020).
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