Ich kam gerade von einem Gespräch im Borchardt. Das ist ein Restaurant in der Französischen Straße, und eine Kollegin hat neulich behauptet, daß sich dort die Gewinner träfen. Vielleicht gibt es zur Zeit nicht ganz so viele Gewinner in Berlin, es war jedenfalls ziemlich leer.Ich saß also als einsamer Gewinner zwischen all den hohen Säulen, mir gegenüber saß ein anderer Gewinner, wir hatten ein richtiges Gewinnergespräch. Wahrscheinlich würde gleich Katarina Witt hereinschauen, oder Iris Berben, die ich einmal hier sah. Es war leise, vornehm, und die Kellnerin sagte Monsieur zu mir, als sie die Rechnung brachte.Weil irgendein Idiot mein Auto zugeparkt hatte, lief ich die dunklen Linden herunter zum Alexanderplatz, es war mild für die Jahreszeit, vor der Staatsoper standen festliche Menschen, und als ich in der Redaktion ankam, um meine Kolumne zu schreiben, ging die Tür kurz auf, mein Leiter schaute herein und sagte: "Rolf Liebold ist gestorben."Dann ging die Tür wieder zu. Ich saß vor dem häßlichen weißen Fleck auf meinem Computer-Monitor und fragte mich, was ich hier eigentlich tat.Rolf Liebold war bestimmt nie im Borchardt. Wahrscheinlich war er kein Gewinner, bestimmt legte er keinen Wert darauf, Monsieur genannt zu werden, vor allem aber hatte er nie Zeit.Rolf Liebold war Lokalredakteur, und manchmal sah ich ihn in der Kantine hastig irgendeinen dieser matschigen, ungesund aussehenden Salate in sich hineinschaufeln. Es wirkte so, als fordere nur die Vernunft von ihm, gelegentlich etwas zu essen. Er hockte praktisch am Kantinentisch, immer auf dem Sprung, weiterzumachen. Und immer war er allein.Dann stand er auf und hetzte in seinem seltsam schiefen Gang über die Redaktionsflure. Er war ein großer Mann, und er lief immer ganz am Rand des Ganges, als wolle er niemandem im Wege stehen.Vielleicht war das so, er hat nie darüber geredet. Wahrscheinlich hat ihn auch niemand danach gefragt, und es war ja auch ganz praktisch. Denn Menschen, die niemandem im Wege stehen wollen, neigen zur Harmoniesucht. Sie können nicht nein sagen. Rolf Liebold konnte nie nein sagen.Vielleicht hatte das mit seiner Zeit als Pressereferent von Oberbürgermeister Erhard Krack zu tun. Krack jedenfalls sah immer sehr gesund und erholt aus, und irgend jemand muß die Arbeit im Roten Rathaus ja gemacht haben. Wer weiß. Vor ein paar Jahren stand eines Abends ein Rollstuhlfahrer auf dem Flur der Lokalredaktion. Er sah aus wie ein Leser mit einem Problem, das man nicht in zwei Sätzen erklären kann, und es war bereits sehr spät. Wir wollten nach Hause. Ich glaube, es waren noch drei Mann da. Und Rolf. Es war alles klar.Rolf Liebold zuckte nicht mal, er machte die Tür zu seinem Büro auf, ließ den Mann hineinrollen, und wir gingen beruhigt nach Hause. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit richteten sich alle Augen auf ihn, wenn ein Thema im Raum stand, das keiner machen wollte. Liebold machte es, auch wenn er an diesem Tag noch zwei andere Artikel zu schreiben hatte.Irgend jemand, dachte er wohl, muß es ja machen. Wir haben ihn nie danach gefragt. Es war ja praktisch, denn Rolf Liebold lieferte seine Texte hundertprozentig ab. Vielleicht war er der zuverlässigste Mensch der Redaktion. Bis jetzt.Journalisten lassen weniger übrig, als man denkt. Rolf Liebold hatte immer einen Anzug für besondere Anlässe im Redaktionsschrank, einmal bekam er einen Preis für Verkehrsberichterstattung, und er hat ein Buch bei einem halbseidenen Verlag geschrieben, der ihn auch noch um das Honorar betrogen hat. Der Anzug sah nicht so kostbar aus, der Preis war vom Senat, aber der Held des Buches, der hat überlebt. Der kleine Ossi.Ich weiß nicht, wann Liebold auch noch die kleinen Satiren über diesen Unglücksraben aus Friedrichshain, der sich ein bißchen schwertat mit der deutschen Einheit, geschrieben hat, aber sie waren ihm wichtig. Er hatte immer so einen befriedigten Zug um die Lippen, wenn er eines der "Ossi"-Manuskripte ablieferte.Vor vielleicht drei Jahren wurde die Kleine-Ossi-Rubrik eingestellt. Wahrscheinlich hielt man alle Gräben für zugeschaufelt, alle Mauern in den Köpfen für abgerissen. Ein Fehler, wie man weiß."Sie wollen ihn nicht mehr", sagte mir Rolf Liebold. Dann machte er weiter.Alexander Osang +++
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]