Freiwilliges soziales Engagement ist in Berlin ein wichtiger Faktor, wenn es darum geht, den Zusammenhalt im Kiez zu stärken und die Wohnqualität zu verbessern

Eine Frage der Ehre

Kirsten Niemann
6 Min

Mit langem Schritt, den Schirm in der Hand, marschiert Wolfgang Hambruch über den Alexanderplatz, eine Gruppe Menschen ihm hinterher. Zunächst geht es in das Nikolaiviertel. Dann zeigt Hambruch ihnen die Parochialkirche, die alten Stadtmauerreste in der Littenstraße, das Landgericht. Er spricht von der Geschichte Preußens und den Spuren aus der DDR-Zeit. Doch führt der 76-Jährige keine der üblichen Reisegruppen. Die Teilnehmer sind Neuberliner, sie kommen aus einem anonymen Wohnblock an der Mehrower Allee in Marzahn. Zwanzig Russlanddeutsche, für die Berlin Mitte bislang gleichbedeutend mit dem Alexanderplatz war, mit der Galeria Kaufhof und dem Shoppingparadies Alexa. "Ich möchte ihnen zeigen, dass die Stadtmitte mehr ist als eine Einkaufsstätte", sagt der Hobbyhistoriker. Hambruch bringt den neuen Marzahnern die Kultur Berlins nahe, bindet sie ein in verschiedene Aktivitäten im Kiez. Man trifft sich, redet miteinander, baut damit Vorurteile ab und schafft Vertrauen. "Wenn man sich kennt, ist das Klima in der Nachbarschaft netter", sagt Hambruch, der seit 27 Jahren in Marzahn lebt und sich seit etwa vier Jahren unentgeltlich engagiert. Er sieht, dass es vorangeht im Kiez: Die Menschen grüßen sich, sprechen miteinander, respektieren sich. Hambruch erfährt so allerhand über die Bedürfnisse der Mieterschaft -und kann helfen, wo Hilfe benötigt wird. Mehrmals die Woche geht er zum Beispiel in die benachbarte Friesengrundschule und liest gemeinsam mit Kindern, denen das Lesen schwerer fällt als anderen. Es sind Kinder aus vietnamesischen oder russischen Familien, die noch nicht richtig Deutsch sprechen können.Nachbarschaftliche Hilfe wie diese gibt es immer häufiger in Berlin, vor allem in Vierteln mit schwacher Sozialstruktur. Davon profitieren am Ende auch die Wohnungseigentümer und Gesellschaften, die diese Wohnungen bewirtschaften.Auch die Wohnungsunternehmen profitieren"Wir spüren ganz deutlich, wo sich Nachbarn kennen und ein gutes Verhältnis miteinander haben", sagt Frank Bielka, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Degewo. "Da fühlen sie sich sicher und geborgen." Aus diesem Grund fördert die Degewo -wie mittlerweile auch andere Wohnungsbaugesellschaften -das ehrenamtliche Engagement der Bewohner, indem sie Nachbarschaftstreffs organisiert, aber auch Freizeitangebote in den Quartieren unterstützt. Die Initiativen reichen vom Balkonwettbewerb und Mieterbeirat bis zur sozialen Betreuung von Senioren im Alltag. "In unseren Quartieren leben schließlich immer mehr ältere Menschen. Viele davon sind allein und auf diese Hilfe angewiesen. Unsere Aufgabe wird es sein, die entsprechenden Strukturen dafür zu schaffen."Das kann etwa bedeuten, kostengünstig oder gratis Räume zur Verfügung zu stellen. Am Ende profitiert das Wohnungsunternehmen. Fühlen sich die älteren Bewohner wohl und sicher, dann bleiben sie länger in ihrer eigenen Wohnung wohnen, statt ins Seniorenheim zu ziehen. Das Resultat: weniger Leerstand, eine stabile Mieterstruktur."Mit Zahlen ist ehrenamtliches Engagement gar nicht messbar", sagt Dagmar Buchholz von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, zuständig für das Referat Soziale Stadt. Aktivierung zur Selbsthilfe -das ist das Thema dieses Programms, das auf mittlerweile zehn Jahre Erfahrung zurückblicken kann. "Wir unterstützen nicht die Suppenküche für Bedürftige. Wenn die Menschen selber aktiv werden, steigt ihr Selbstwertgefühl", sagt die Senatsmitarbeiterin. Aktive Bewohner wirken als Multiplikatoren im Kiez.Unterstützt werden etwa soziokulturelle Projekte wie Frauenfrühstück oder Sprachkurse für Mütter, die kein Deutsch sprechen, um nur einige zu nennen. Einer der größten Erfolge des Programms sind die Stadtteilmütter. Das sind Frauen mit Migrationshintergrund und guten Deutschkenntnissen, die andere Mütter besuchen, sie dazu ermutigen Deutsch zu lernen und Kontakte im Kiez zu knüpfen. Obendrein stehen die in Schulungen qualifizierten Kiezmütter bei Familien- und Erziehungsproblemen beratend zur Seite. Das Feedback war enorm: In 300 deutschen Städten wurde die Initiative nachgemacht. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt mit dem internationalen Metropolis Award in Sidney ausgezeichnet.In den vergangenen zehn Jahren hat das Referat Soziale Stadt 3000 Programme für 162 Millionen Euro auf die Beine gestellt. 35 Gebiete sind derzeit involviert, "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf", wie es in den Senatsunterlagen heißt. In Zahlen bedeutet das: 36,33 Prozent der 400000 betroffenen Bewohner beziehen Leistungen vom Staat wie Arbeitslosengeld, Hartz IV oder Rente. Die jährliche Kaufkraft liegt knapp 2000 Euro unter dem Stadtdurchschnitt, mehr als jeder Vierte besitzt einen ausländischen Pass. Betroffen sind vor allem Gebiete in Neukölln, Wedding und Marzahn-Hellersdorf. Drei Quartiere sind inzwischen aus dem Stadtteilförderprogramm gefallen: der Boxhagener Platz in Friedrichshain, der Falkplatz und der Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg sind längst zu einer begehrten Nachbarschaft geworden. Oberschöneweide soll Ende des Jahres entlassen werden.Jährlich stellt der Senat 15 Millionen Euro zur Verfügung, die möglichst sinnstiftend verteilt werden sollen. Wofür das Geld ausgegeben wird, darüber entscheidet der sogenannte Quartiersrat, der vom Quartiersmanagement organisiert wird. Ein gutes Dutzend Beiräte pro Kiez, die jeweils zur Hälfte aus Bewohnern und Gewerbetreibenden bestehen, sind aktiv in Nachbarschaftszentren und bilden Netzwerke.Schnittstelle zwischen Mieter und VermieterFranziska Sarmighausen ist so ein Quartiersratsmitglied. Vor zwei Jahren zog sie als Studentin in einen Plattenbaublock in Marzahn. Fast ebenso lange ist sie dort ehrenamtlich engagiert. Sie besucht Mütter, ist als Helferin beim Sportaktionstag aktiv und befragt Jugendliche nach ihren Bedürfnissen.Sie registriert, wenn der Bürgersteig neu verlegt wurde. Aber auch Vandalismus, Ratten auf dem Spielplatz, Sperrmüll im Treppenhaus, ungepflegte Grünflächen. Sie spricht mit den Menschen auf der Straße und hört sich an, was sie stört. "Ich bekomme mit, was im Kiez geschieht und spiele auch den Mittler zur Hausverwaltung", sagt die 26-Jährige und bringt auf den Punkt, wo es in manchen Großsiedlungen hapert: In Pankow, wo sie aufgewachsen ist, teilen die Bewohner dem Amt schneller mal mit, wenn sie etwas stört. "Hier wissen sie gar nicht, wo sie hingehen können."Ehrenamtliches Engagement schweißt die Nachbarschaft enger zusammen. Wer weiß, wie der Spielplatz im Block zustande gekommen ist, welchen Aufwand es bedeutet, ein Beachvolleyballfeld einzurichten oder eine Computergruppe auf die Beine zu stellen, der entwickelt Verantwortung für das, was um ihn herum geschieht."Wenn man sich kennt, spricht man miteinander", das hat auch Harry Simon erfahren. Seit bald 30 Jahren ist der 61-Jährige ehrenamtlich in der Neuköllner High-Deck-Siedlung aktiv. Er hat schon in den 1970er-Jahren den Mieterbeirat gegründet, Straßenfeste organisiert und eine Theatergruppe auf die Beine gestellt. Dafür sind ihm die Menschen dankbar, das sieht er an ihren Gesichtern, jeden Tag. Doch nun gelte es, neue Leute für diese Aufgaben zu akquirieren. Denn viele engagierte Bewohner haben die Siedlung in den vergangenen Jahren verlassen. Vor zwei Jahren hat ein privater Investor einen Großteil der Wohnungen übernommen, weil der alten Eigentümerin "Stadt und Land" die Mittel für die Sanierung fehlten. Ein Leben auf der Baustelle und eine höhere Miete -das kostete Mieter. Fluktuation ist wiederum nie gut für eine intakte Nachbarschaft. Gut, dass es Menschen wie Wolfgang Hambruch und Franziska Saminghausen gibt, die sich gegen den Trend stemmen.------------------------------Foto: Neuköllner High-Deck Siedlung (li.), Passanten im Wrangelkiez (mi.), Vorzeigeprojekt Stadtteilmütter: Wer weiß, wie etwas zustande gekommen ist, entwickelt ein Verantwortungsgefühl.

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