Einst besetzte Freke Over in Friedrichshain Häuser und organisierte Straßenschlachten, bei denen mit Obst und anderem geworfen wurde. Dann saß er zehn Jahre für die PDS im Berliner Abgeordnetenhaus. Aber vor zwei Jahren war Freke Over dann "einfach mal weg". Er ist mit seiner Frau Anette Klumb und den drei Kindern in den nördlichsten Zipfel Brandenburgs gezogen - in die Wald- und Seenlandschaft bei Rheinsberg.Freke Over kniet in zerrissenen Jeans vor einem kleinen Bungalow und fliest den Boden mit braunen Kacheln. Dann steckt er sich eine Zigarette an. "Ich bin hier Hausmeister, Koch und Außenminister", sagt er. Vor vier Jahren haben sich Over und seine Frau hier im kleinen Ort Luhme ein 14 000 Quadratmeter großes Grundstück gekauft. Zu DDR-Zeiten hatte die Konsumgenossenschaft dort ein Ferien- und Erholungsheim. 2004 musste sie Insolvenz anmelden. Jetzt gehören die zwei teils bunt bemalten Siedlerhäuser, die neun Bungalows und die Scheune, die inzwischen zu einem In-Door-Spielplatz ausgebaut wurde, zum Ferienland Luhme.Am Eingang weht eine orangefarbene Fahne mit einer lachenden Sonne, die Freke Overs Mutter gemalt hat. Berliner Familien und Kita-Gruppen machen hier Urlaub von der Großstadt. Und Freke Over, Anette Klump und die beiden Angestellten - einer davon ist der örtliche Bürgermeister - bauen die Anlage nach und nach aus. "30 Jahre brauchen wir bestimmt, bis alles fertig ist", sagt Freke Over. Das klingt nach Lebensprojekt.Lange haben sie nach einer Heimat auf dem Land gesucht. "Ich habe einfach ein Grundbedürfnis, in der Erde herumzuwühlen und die Vögel zwitschern zu hören", sagt Anette Klump. Und auch wegen der Kinder wollte sie raus. Manchmal sagen die beiden älteren Kinder zwar, sie würden wieder gerne am Boxhagener Platz in Friedrichshain wohnen. Dann sagen Over und seine Frau: "Kümmert euch doch mal um die Tiere." Denn die Familie lebt nicht nur mit ihren Gästen, von denen manche ebenfalls in die Jahre gekommene Ex-Hausbesetzer sind. Es gibt Hühner, Ziegen, Schafe und Kaninchen. Ferienland Luhme erinnert an eine autonome Bastlerrepublik - Freke Over und Annette Klumb leben ein familiäres Idyll in dieser ganz eigenen Welt. "Klar, hier wird man ruhiger", sagt Anette Klumb. Man muss früh aufstehen, kurz vor sechs Uhr morgens - denn der Schulbus für die Kinder kommt schon um 6.45 Uhr.Vielleicht sechs Mal im Jahr fahren sie die 130 Kilometer nach Berlin, sagt Freke Over. Gibt es denn etwas, was Ihnen zwischen Seen und Kiefernwäldern fehlt? "Ich würde manchmal gerne ins Kino gehen", sagt Anette Klumb. Aber das nächste Kino ist fast eine Autostunde entfernt in Neuruppin. "Auch mal eben um die Ecke ein Bier trinken gehen geht nicht", sagt sie. "Aber wir haben ja selbst eine Gasstätte", sagt Freke Over. Er meint den Flachbau hinter dem Wohnhaus. Dort stehen neben der Bar allerhand Sprelacart-Tische, ein Kicker und ein massiver Holztisch. Den haben sie damals in Anette Klumbs Hausbesetzer-WG aus einfachen Bohlen zusammengenietet. "Die meisten Leute im Ort trinken aber zu Hause ihr Bier", sagt Over. In die Kneipe zu gehen, sei ihnen zu teuer.Ansonsten seien sie aber gut aufgenommen worden. Es gehe hier etwas bürgerlicher zu als in Friedrichshain. "Man grüßt und gibt sich die Hand", sagt Over. Er benimmt sich jetzt wieder so, wie er es als Punk auf den Straßen von Friedrichshain nie gemacht hätte. Freke Over und sein ältester Sohn sind sogar Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr von Luhme. So gehörte man bald dazu im Ort. Anette Klumb ist dem örtlichen Kulturverein beigetreten, der die Dorffeste von Luhme organisiert.Entstanden ist die Ferienanlage bereits 1910 als völkisches Siedlungsprojekt. Ein nationalistische Sekte lebte hier ihre Vorstellungen, sogar Hakenkreuze prangten an den Giebeln der Häuser - lange vor der NS-Zeit. Noch heute heißt dieser Ortsteil von Luhme offiziell Heimland. "Nazis haben hier aber keinen Zutritt", sagt Freke Over im Hausbesetzer-Jargon.Eigentlich hatte er ja mit der Politik abgeschlossen. Er war den Sparkurs der rot-roten Landesregierung in Berlin leid, den Umgang dort mit dem Bankenskandal und eigentlich ohnehin ein Gegner der Regierungsbeteiligung. Eine Zeit lang pendelte er in Sitzungswochen von Luhme ins Berliner Landesparlament. 2006 verließ er konsequenterweise das Abgeordnetenhaus. Inzwischen bezieht er auch kein Übergangsgeld mehr. Das Ferienland Luhme muss sich nun rechnen. Er hofft auf noch ein paar mehr Schulklassen, die nach Luhme kommen.Doch von der Politik kommt Freke Over offenbar doch nicht ganz los. Er wird bei den Kommunalwahlen im Herbst für das Rheinsberger Stadtparlament kandidieren. Für die Linke. Schon jetzt sitzt er dort als sachkundiger Bürger im Schulausschuss. Und auch gegen den geplanten Bombenabwurfplatz Bombodrom engagiert er sich. "Er kann es einfach nicht lassen", sagt seine Frau.Die Brandenbürger sind Leute, die mit ungewöhnlichen Ideen, Bürgersinn oder Heimatverbundenheit etwas für ihre Region tun. Jeden Montag stellen wir solche Leute vor.------------------------------Foto: Freke Over zog 1995 für die PDS ins Berliner Abgeordnetenhaus ein. Jetzt vermietet er mit seiner Frau Annette Klumb Ferienbungalows in Luhme.
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