Armenien ist ein Wunderland, und in seiner Zähigkeit historischen Überlebens nur dem Volk Israel vergleichbar. Schon zur Mitte des ersten Jahrtausends v.Chr. in persischen Annalen als „Arminia“ erwähnt, erlebte es seine Machtblüte zu Beginn unserer Zeitrechnung. Zwischen Mittelmeer, Schwarzem Meer und Kaspischem Meer erstreckte sich das antike armenische Königreich.
Geblieben ist wenig. Zerrieben zwischen Römern und Persern, dann von der Welle islamischer Expansion erfasst, wurde Armenien zum Spielball größerer Mächte. Jahrhunderte später stritten Osmanen, Perser und Russen um den Südkaukasus.
Im Osmanischen Reich, das kein rein „türkisches“ war, bekleideten Armenier hochrangige Posten an der Pforte in Konstantinopel. Es war der Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der mit dem alten Europa auch das Neben- und Miteinander von Christen und Muslimen, Türken und Armeniern in Anatolien zerstörte. Eine Folge war der Genozid an der christlichen Bevölkerung, dem um 1915 rund 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen.
Die Schockwellen der Ereignisse wirken bis heute fort. Wer das nicht in Rechnung stellt, dem bleiben die Verhältnisse im Südkaukasus ein Rätsel. Die dortigen Konflikte, unterschwellig und oberschwellig, haben gleich drei Dimensionen, eine ethnische, eine religiöse und eine historische. Zum Vergleich: Die Überwindung der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ war kein Kinderspiel, aber immerhin frei von religiösen Gegensätzen.
Lastende Vergangenheit
Auf dem Südkaukasus lastet die Vergangenheit. Bis heute, und das sind mehr als 30 Jahre, sind die Grenzen der Republik Armenien zu den Nachbarn im Westen, Türkei, und im Osten, Aserbaidschan, geschlossen. Das uralte Händlervolk der Armenier, gewitzt und begabt, kann nur mit dem Iran im Süden und Georgien im Norden Geschäfte machen.
Wie erfolgreich es dabei ist, belegt das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre: 2022 und 2023 über 10 Prozent, dann 5,9 Prozent 2024 und 7,2 Prozent im Jahr 2025. Die Zahlen verdanken sich auch dem russischen Krieg in der Ukraine. Nach dessen Beginn und nach dem Einsetzen westlicher Sanktionen zogen hunderte russische Unternehmen, primär aus der Tech-Branche, und zehntausende hochqualifizierte Russen nach Armenien.
Der massive Zustrom an Humankapital, der steigende Binnenkonsum und die entsprechenden Finanzzuflüsse katapultierten das nominale Pro-Kopf-Einkommen auf rund 9500 US-Dollar, deutlich höher als das des rohstoffreichen Nachbarn Aserbaidschan. Inzwischen macht der IT-Sektor fast zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus und sorgt für hochbezahlte Arbeitsplätze.
Während der Genozid die Beziehungen zur Türkei belastet, liegt der Urgrund des Konflikts mit Aserbaidschan in der bis 2023 armenisch besiedelten, aber zu Aserbaidschan gehörenden Region Bergkarabach. Schuld daran trägt die Staatsspitze der späteren Sowjetunion, die Bergkarabach im Juli 1921 Aserbaidschan zuschlug. Die so entstandene Grenze gilt auch nach Auflösung der UdSSR fort.
Schwärende Wunde
Nach deren Ende vor 35 Jahren brachten armenische Kräfte Bergkarabach und weite Teile des Umlands unter ihre Kontrolle. In zwei kurzen Kriegen 2020 und 2023 eroberte Aserbaidschan sein völkerrechtlich anerkanntes Staatsgebiet zurück. Daraufhin flohen fast alle der rund 120.000 armenischen Bewohner Bergkarabachs nach Armenien.
Der Status quo ist labil. Das von Aserbaidschan kontrollierte Territorium ist mit den völkerrechtlich anerkannten Grenzen deckungsgleich; beide Seiten arbeiten inzwischen gemeinsam an der Grenzdemarkation. Gleichzeitig ist der „Verlust“ Bergkarabachs für viele Armenier eine schwärende Wunde. So ist es kein Wunder, dass der pragmatische Friedenskurs, den der seit 2018 amtierende Premierminister Nikol Paschinjan verfolgt, im eigenen Land auf Widerstand stößt.
Am 8. August 2025 kam es dann im Weißen Haus in Washington zu einem historischen Durchbruch. Unter Vermittlung von US-Präsident Donald Trump paraphierten Paschinjan und der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew eine gemeinsame Friedenserklärung und den Entwurf eines formellen Abkommens mit dem Titel: „Abkommen über die Errichtung von Frieden und zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen der Republik Armenien und der Republik Aserbaidschan“.
Beide Staaten verpflichten sich darin zur dauerhaften Einstellung der Feindseligkeiten, zur gegenseitigen Anerkennung der territorialen Integrität und zur Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen. Die genaue Grenzziehung wird seitdem von bilateralen Grenzkommissionen verhandelt.
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Der Vertrag legt zudem fest, dass keine Streitkräfte von Drittparteien entlang der gemeinsamen Grenze stationiert werden dürfen. Dies führte zum Abzug russischer Grenztruppen, setzte aber auch die EU-Beobachtermission EUMA unter Druck, die seit 2022 auf armenischer Seite stationiert ist. Aufgelöst wurde auch die 1992 gegründete OSZE-Minsk-Gruppe, die jahrzehntelang erfolglos im Südkaukasus vermittelt hatte.
Ein geopolitisch bedeutsamer Bestandteil des Abkommens ist der 43 Kilometer lange Transitkorridor entlang der armenisch-iranischen Grenze, die „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (TRIPP). Dieser Korridor verbindet das aserbaidschanische Kernland mit seiner Exklave Nachitschewan und der Türkei. Die USA erhalten dort exklusive Erschließungsrechte für 99 Jahre. Das Land wird an ein armenisch-amerikanisches Joint Venture unterverpachtet, das Schienen, Straßen, Pipelines und Glasfaserkabel baut und betreibt.
Als Teil des „Mittleren Korridors“ von China durch Zentralasien und über das Kaspische Meer, den Südkaukasus und Anatolien nach Europa ist die Trump-Route ein Kernstück der von China vorangetriebenen Neuen Seidenstraße. Seine Bedeutung liegt darin, dass er den Fernen Osten unter Umgehung Russlands und des Irans mit Europa verbindet.
Mit der Wiederherstellung der territorialen Integrität Aserbaidschans sind die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden geschaffen. Doch auch hier gilt: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Damit kommt Russland ins Spiel. Traditionell nutzt Moskau die südkaukasischen Konflikte zum eigenen Vorteil.
Russische Wahlhilfe
Ein Beispiel: Solange die aserbaidschanisch-armenische Grenze geschlossen ist, werden rund 90 Prozent der aserbaidschanischen Energieexporte nach Europa und in den Nahen Osten über Georgien abgewickelt. Sollte die georgische Politik, was sich derzeit abzeichnet, einen prorussischen Vektor einschlagen, liegt darin für Moskau der Hebel, auf Aserbaidschan Druck auszuüben.
Beobachter sind überzeugt, dass auch der Erfolg der jungen pro-russischen Oppositionspartei „Starkes Armenien“ – gut 23 Prozent bei den Parlamentswahlen im Juni – auf massive russische „Wahlhilfe“ zurückzuführen ist. „Starkes Armenien“ gehört zu den Kräften, die Paschinjans Friedenspolitik als Verrat an nationalen Interessen schmähen.
In ähnlichem Sinn wirkt die armenische Diaspora. Weniger als ein Drittel der gut zehn Millionen Armenier weltweit leben in Armenien. Exilarmenier sind stark und einflussreich in Frankreich, Kanada und den USA. Vielen von ihnen ist eine pragmatische Politik im Südkaukasus weniger wichtig als die vergangene Größe. Nicht wenige Armenier in Armenien beklagen, dass die Diaspora, mit französischem Pass in Pariser Cafés sitzend, dem Mutterland keinen Frieden mit seinen Nachbarn zugesteht.
Die politische Klasse beider zerstrittenen Länder, Armenien und Aserbaidschan, hat sowohl den Nutzen als auch die Notwendigkeit des Friedens erkannt. Nach der Rückeroberung von Bergkarabach schält sich, allen Schmerzen und Enttäuschungen auf armenischer Seite zum Trotz, ein Win-Win-Szenario heraus. Trotzdem bleiben Vorbehalte. Beispielsweise ist unklar, inwieweit man in Aserbaidschan, das trotz seines Rohstoffreichtums beim Pro-Kopf-Einkommen hinter Armenien liegt, bereit sein wird, sich dem offenen Wettbewerb bei offenen Grenzen zu stellen.
Territoriale Ansprüche
Auch die Türkei ist ein Faktor. Dem Vernehmen nach wird die türkische Armenienpolitik maßgeblich von Aserbaidschan beeinflusst. In Ankara, so heißt es, genieße das Thema keine hohe Priorität. Wenn dem so ist, bietet sich den Europäern Gelegenheit für eigene, proaktive Politik. Vor allem mit Blick auf den zentralen und finalen Punkt: die armenische Verfassung.
Deren Präambel verweist auf die Unabhängigkeitserklärung von 1990, in der die Wiedervereinigung mit Bergkarabach zum Staatsziel erhoben wird. Aserbaidschan weigert sich, einen finalen Friedensvertrag zu unterzeichnen, solange diese territorialen Ansprüche in der armenischen Verfassung verankert sind. In Baku wird befürchtet, ein künftige Regierung könnte die Anerkennung der territorialen Realitäten durch die Paschinjan-Regierung für verfassungswirdig erklären.
Paschinjan hat einer Verfassungsänderung zugestimmt, benötigt dazu aber ein landesweites Referendum mit einer entsprechenden Mehrheit. Um das durchzuführen, bedarf es allerdings einer Zeidrittelmehrheit im Parlament, über die der Regierungschef nicht verfügt.
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Die „Friedenspartei“ in der armenischen Politik appelliert nun an die Aserbaidschaner, den eingeschlagenen Kurs an der Verfassungsfrage nicht scheitern zu lassen. Die Tatsache, dass beide Länder Russland gegenüber zunehmend auf Distanz gehen, wirkt dabei sowohl in Baku als auch in Eriwan als motivierender Faktor. Entspannung im Südkaukasus würde die Russen einiger politischer Hebel berauben. Zugleich ist sie Voraussetzung einer erfolgreichen Realisierung des Mittleren Korridors – und liegt damit im Interesse sowohl der Chinesen als auch der Europäer und der Türkei.
Ein weiteres Moment, das einer friedlichen Entwicklung der Region dienlich sein kann, ist das russische Interesse an dem Projekt des Internationalen Nord-Süd-Transportkorridors (NSTC). Dahinter verbirgt sich ein tausende Kilometer langes, multimodales Verkehrsnetz unter Beteiligung der Länder Russland, Aserbaidschan, Iran und Indien. Vorgesehen ist, die bereits bestehende Bahnstrecke von Russland durch Aserbaidschan an die iranische Grenze auf iranischem Territorium auszubauen und eine durchgehende Schienenverbindung von Russland zum Indischen Ozean zu schaffen.
Gegenwärtig stockt das Projekt, bleibt aber auf der Agenda. Die Zukunft Aserbaidschans als Drehkreuz eurasischer Konnektivität steht nicht in Frage, setzt aber einen dauerhaften Frieden mit Armenien und die Öffnung der südkaukasischen Grenzen voraus. Solange die Vernunft regiert, stehen der Region prosperierende Zeiten ins Haus. Die Gefahr liegt in der Unvernunft.
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