Mode

Frog Buttons im Trend: Sind chinesisch inspirierte Oberteile kulturelle Aneignung?

Der traditionelle chinesische Zierverschluss Pankou wird nun als Trend entdeckt. Ist das kulturelle Wertschätzung – oder kulturelle Aneignung?

5 Min
Pankou-Verschlüsse (v.l.n.r.) bei Gina Tricot, Isabel Marant, Adidas Originals, Rohé

Pankou-Verschlüsse (v.l.n.r.) bei Gina Tricot, Isabel Marant, Adidas Originals, Rohé

© Berliner Zeitung

Sie sitzen an Blusen, Jeanswesten, Satinhemden und taillierten Jacken: geschlungene Stoffverschlüsse, die aus einem schlichten Oberteil sofort ein Statement machen. Frog Buttons, auch Knebelverschlüsse genannt, gehören 2026 zu den auffälligsten modischen Details.

Zara setzt sie auf Tops und Kleider; das niederländische Label Róhe verkauft Jacken mit solchen Verschlüssen für mehrere hundert Euro. Adidas machte mit einer Tang-Jacke aus seiner Lunar-New-Year-Linie einen globalen Viral-Hit.

Pankou, Qipao, Froschknöpfe – was ist richtig?

Erst einmal zur Begriffsklärung: Die Knöpfe erinnern an Qipao-Verschlüsse und werden auch fälschlich als „chinesische Knöpfe“ oder „Mandarin-Verschlüsse“ bezeichnet. In der chinesischen Bekleidungstradition werden sie korrekt Pankou genannt.

Gemeint sind kunstvoll aus Stoffkordeln gearbeitete Verschlüsse, bei denen eine Schlaufe über einen Knoten gelegt wird. Im Englischen hat sich dafür auch der Begriff „frog closure“ eingebürgert. Das Wort bezeichnet allerdings ebenfalls Schnur- und Posamentenverschlüsse in der europäischen Militärmode. Entscheidend ist deshalb nicht jeder einzelne Knebelknopf, sondern die Kombination: Pankou-Verschlüsse, Stehkragen und asymmetrische Fronten verweisen deutlich auf chinesische Schneidertraditionen.

Woher kommt der Trend?

Besonders bekannt sind diese Elemente vom Qipao, im Westen oft Cheongsam genannt. Das figurbetonte Kleid mit hohem Kragen, seitlichem Schlitz und diagonalem Verschluss gilt international als Symbol chinesischer Mode. Seine Geschichte ist aber weniger geradlinig, als es das Klischee einer uralten, unveränderten Tracht nahelegt.

Das moderne Qipao entwickelte sich vor allem im frühen 20. Jahrhundert in Städten wie Shanghai. Es verbindet Einflüsse mandschurischer Kleidung mit westlichen Schnitttechniken und wurde zu einem Kleidungsstück urbaner Modernität. Pankou-Verschlüsse waren dabei nicht bloß Dekoration, sondern Teil einer spezifischen handwerklichen und ästhetischen Sprache.

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Auch die derzeit häufig erwähnte Tang-Jacke ist komplizierter, als ihr Name vermuten lässt. Die zeitgenössische Jackenform kombiniert meist einen klaren, oft westlich geschnittenen Blazer- oder Workwear-Schnitt mit chinesisch geprägten Elementen wie Stehkragen und Pankou.

Deshalb ist die Bezeichnung „Mandarinjacke“ problematisch: Ein Mandarin-Kragen beschreibt zunächst nur den Kragen, nicht automatisch das ganze Kleidungsstück. Róhe hat seine Modelle zwar teils als „Mandarin jacket“ vermarktet, spricht inzwischen aber selbst ausdrücklich von einer „Pankou closure“, einer traditionellen Verschlusstechnik aus der chinesischen Bekleidungskonstruktion.

Genau dieses Umbenennen ist ein Kern der Debatte. In der Mode werden kulturelle Details oft erst dann massenhaft sichtbar, wenn sie eine neue, westlich lesbare Bezeichnung bekommen. So wird aus einer traditionellen Jackenform ein „Mandarin-Blazer“ und aus Pankou ein exotisch wirkendes Trenddetail. Das ist aber nicht nur eine Frage der Sprache. Wer die Begriffe der Herkunftskultur nicht nennt, trennt ein Design von seiner Geschichte – und macht es leichter, es als bloße Oberfläche zu verkaufen.

Dass die Modebranche chinesische Ästhetiken nicht zum ersten Mal entdeckt, zeigt ein Blick zurück. Unter dem Begriff Chinoiserie hat Europa seit dem 18. Jahrhundert eigene Fantasien eines vermeintlichen Ostens produziert. Dabei wurden chinesische, japanische und andere asiatische Stile regelmäßig vermischt, romantisiert und exotisiert.

Eine Jacke mit Duffle-Pankou-Verschluss bei Isabel Marant H/W 2026/2027

Eine Jacke mit Duffle-Pankou-Verschluss bei Isabel Marant H/W 2026/2027

© IMAGO/Agence/Bestimage

Das Metropolitan Museum of Art beschreibt diese westliche Modegeschichte selbst als eine Tradition, in der Designer unterschiedliche kulturelle und ästhetische Referenzen auf China zu einem dekorativen Patchwork verbanden. Der heutige Frog-Button-Trend unterscheidet sich davon insofern, als viele Marken inzwischen zumindest einzelne Begriffe wie Pankou verwenden. Dennoch bleibt die Gefahr bestehen, dass „chinesisch inspiriert“ zu einer unverbindlichen Verkaufsformel wird.

Adidas zeigt, dass es auch anders gehen kann. Das Unternehmen bezeichnet seine Jacke selbst als „Tang-Jacke“ und verortet sie in Kollektionen zum chinesischen Neujahr. Die Marke knüpft also sichtbar an einen konkreten Anlass und eine chinesische Designtradition an, statt den Look nur mit einer diffusen „Asia“-Ästhetik zu versehen. Das löst nicht jede Frage – schließlich bleibt Adidas ein globaler Konzern, der mit kulturellen Referenzen Geld verdient. Aber es ist transparenter als die Praxis, Herkunft und Begriffe komplett zu verschleiern.

Kulturelle Aneignung oder die Frage: Darf ich das tragen?

Ist es also kulturelle Aneignung, wenn eine weiße Berlinerin ein Top mit Frog Buttons trägt? Nicht automatisch. Kleidung lässt sich nicht nach Herkunft sortieren, und kultureller Austausch gehört seit Jahrhunderten zur Mode. Problematisch wird es dort, wo ein Detail zur Verkleidung wird, wo Menschen chinesischer Herkunft weiterhin mit Klischees und Diskriminierung konfrontiert sind, während dieselben kulturellen Marker bei anderen plötzlich als cool, luxuriös oder avantgardistisch gelten.

Noch problematischer wird es, wenn Marken von chinesisch geprägtem Handwerk profitieren, ohne die Herkunft zu benennen, chinesische Kreative einzubeziehen oder diese sichtbar zu machen. Der Vergleich mit chinesischen Schriftzeichen-Tattoos liegt deshalb nahe: Wer erinnert sich nicht an diesen Trend? Bei Schriftzeichen-Tattoos wurde Sprache oft als bloße Ornamentik benutzt – ohne Kenntnis der Bedeutung, manchmal sogar mit falschen oder peinlichen Übersetzungen.

Beim Pankou-Trend geht es stärker um die wirtschaftliche Macht der Modeindustrie. Ein Kleidungsstück mit chinesischen Referenzen zu tragen, ist nicht dasselbe wie eine Kultur zu verspotten. Wenn daraus aber ein anonymer Fast-Fashion-Hype wird, bei dem Begriffe, Geschichte und handwerkliche Herkunft verschwinden, kann Wertschätzung in Aneignung kippen.

Die vernünftigste Antwort ist deshalb weder ein Verbot noch ein Freispruch. Wer den Look mag, kann ihn tragen. Aber es macht einen Unterschied, ob man von einem „Asia-Look“ spricht oder weiß, dass die Verschlüsse Pankou heißen.

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