Kolumne

Frühlingserwachen: Warum das graue Berlin plötzlich wieder so wunderbar bunt ist

Die Sonne weckt die Lebensgeister, und es gibt durchaus Parallelen zwischen den Speckrollen der Menschen und den Energiereserven der Bäume.

Jens Blankennagel
Jens Blankennagel
3 Min
Und zack, plötzlich ist das ach so graue Berlin wieder bunt, voller frischer grüner Blätter und leuchtender Blüten.

Und zack, plötzlich ist das ach so graue Berlin wieder bunt, voller frischer grüner Blätter und leuchtender Blüten.

© imago/Oliver Vogler

In den Tropen sind Laubbäume immer grün, denn es gibt genügend Sonne. Aber nicht bei uns. Bei uns bringt der Winter klirrenden Frost. Jedenfalls war das früher so. Frost ist lebensgefährlich für die Blätter der Laubbäume. Denn sie bestehen aus reichlich Wasser, und wenn das in den Blättern gefröre, würden die Zellen platzen. Ein Todesurteil für Bäume.

Außerdem gibt es im Winter zu wenig Licht: Die Bäume könnten gar nicht genügend Energie herstellen, sondern die vielen Blätter würden die letzten Reserven des Baums verbrauchen. Ebenfalls ein Todesurteil.

Deshalb schützen die schlauen Bäume ihre empfindlichsten Organe – ihre Blätter – vor dem Erfrieren. Sie werfen diese Sonnenkollektoren im Herbst rechtzeitig ab und erfreuen uns mit einer wunderbaren Laubfärbung. Dann fahren die Bäume ihren Stoffwechsel runter. Fast auf null. Nun folgt die große Ruhe.

Doch alles ist bereit: Alle Knospen für die neuen Blätter und Blüten sind bereits angelegt und warten nur auf das entscheidende Signal, um endlich auszubrechen. Damit das nicht zu früh passiert, hat der Baum extra ein Schlafhormon in den Knospen platziert, das sie bändigt.

Doch kaum scheint die Sonne wieder öfter und lässt die Temperaturen steigen, schon brodeln die Hormone. Wie beim Menschen ist das Frühlingserwachen auch bei Laubbäumen ein Wechselspiel der Proteine und Enzyme. Eine Symphonie der Hormone.

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Die Bäume speichern zum Beispiel ein bestimmtes Eiweiß, und kaum überschreitet die Sonnenstrahlung eine bestimmte Marke, verändert es seine Struktur. Das ist der Befehl: Das Schlafhormon wird in den Knospen abgeschaltet. Die sind nun startklar, brauchen aber Energie. Nur: Bäume ohne Blätter können keine neue Energie produzieren. Doch die Bäume sind schlau und haben im Sommer reichlich Stärke eingelagert. Ein Energiespeicher wie die Speckrollen der Menschen.

Nun setzt ein Hormon diese Kohlenhydrate frei. Es ist der Kraftstoff für die Knospen. Sie entfalten sich – und zack: Plötzlich ist das graue Berlin wieder voller grüner Blätter und bunter Blüten.

Es ist ganz einfach – und doch immer wieder ein Wunder.

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