Neuerdings schießen Chorensembles wie Pilze aus dem Boden. In solcher Masse, dass sie gemeinsam einen Weltrekord stemmen könnten. Gemeint sind damit nicht nur Kaliber wie der Rundfunkchor oder der RIAS Kammerchor. Letztere beteiligen sich allerdings auch bei der Aufstellung des Weltrekords.
Seit Montag wird im Weddinger Musiktheater Atze Tag und Nacht gesungen. 125 Stunden, 200 Chöre, alle 30 Minuten wechselt der Chor. Die Ensembles kommen nicht nur aus Berlin, sondern auch aus anderen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland. Interessierte können kostenfrei ins Theater kommen oder das Dauerkonzert auf Alex-TV verfolgen.
75.000 Menschen singen in den 2500 Berliner Chören
Aber woher kommen diese vielen Chöre, die gerade auch eher jüngere Berliner ansprechen? Der Berliner Chorverband spricht von rund 2500 Chören und Ensembles, in denen etwa 75.000 Menschen mitwirken.
Abgedeckt werden nahezu alle Genres von Alter bis Neuer Musik, Pop, Musical, Jazz, Gospel oder Folklore, wie sie der Verein Bulgarian Voices Berlin inszeniert. Kinder-, Jugend- und Seniorenchöre. Frauen-, Männer- gemischte oder queere Chöre wie die D-Dur Dykes*.
Zum Teil richten sich die Chöre spezifisch aus – zum Beispiel nach bestimmten Zugehörigkeiten: Wer sich für brasilianische Musik oder jüdische Folklore interessiert, findet seinen Platz im Ayabás Frauenchor oder bei Renanim Berlin. Egal, ob jüdisch oder brasilianisch.
Und da drängt sich mir die Frage auf – geht es im tieferen Sinn wirklich nur um einen Weltrekord? Vielleicht ist das gemeinsame Singen wichtiger denn je geworden: Gemeinsames Musizieren verbindet und überwindet solche Grenzen, die uns mutmaßlich voneinander unterscheiden. Musik versöhnt und macht Mut.
Ein Ansingen gegen analoge Gesellschaften?
Wenn ich als Kind nachts mal wieder ein Monster unter meinem Bett entdeckte, krabbelte ich ins Bett zu meiner Mutter und wir sangen zusammen ein Schlaflied. Auf rauen Seefahrten sangen Wikinger gemeinsam, um sich beim Rudern zu bestärken.
In den schottischen Highlands sangen die Frauen sogenannte Waulking Songs, um bei der anstrengenden Arbeit, dem Verdichten frisch gefärbter und gewebter Schafwolle, im Takt zu bleiben.
Vielleicht singen die 200 Chöre bis Samstag nicht nur für einen Weltrekord, sondern befeuern sich gegenseitig. Ein Ansingen gegen die Einsamkeit in der Großstadt und analogen Gesellschaften. Das macht Hoffnung.
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