Fußball-Bundesliga

Union-Coach Urs Fischer: Der Mann mit dem goldenen Händchen

Mit der Nichtauswechslung des wackligen Niko Gießelmann entscheidet der Schweizer Fußballlehrer das Spiel in Stuttgart zugunsten der Eisernen.

Markus Lotter
4 Min
Vorlagengeber und Torschütze: Niko Gießelmann (l.) und Paul Jaeckel nach dem 1:0 des 1. FC Union in Stuttgart.

Vorlagengeber und Torschütze: Niko Gießelmann (l.) und Paul Jaeckel nach dem 1:0 des 1. FC Union in Stuttgart.

© City-Press/Renner

Bis weit in die Nullerjahre hinein durften sich die Fußballprofis in der Ersten und Zweiten Bundesliga auf dem Platz kaum etwas erlauben. Ein Fehlpass in der Anfangsphase der Partie, ein verlorener Zweikampf und noch ein klitzekleiner Stellungsfehler – schon schickte der Trainer den direkten Konkurrenten um einen Stammplatz zum Warmlaufen hinter das eigene Tor. Gemäß der weit verbreiteten, gleichwohl ziemlich einfältigen Überzeugung, dass man mit dieser „Motivationshilfe“ dem unglücklich agierenden Spieler zu einem Leistungsschub verhelfen könnte. Zumeist bewirkte dieser Eingriff aber nichts. Im Gegenteil. Alles wurde dadurch zumeist nur noch schlimmer. Zumeist kam es schließlich zu einem frühen Wechsel und – weil Strafe damals noch sein musste – zu einer Nichtberücksichtigung des inzwischen total verunsicherten Profis beim nächsten Spiel.

Die Hoffnung auf den Lucky Punch

Inzwischen gibt es allerdings dann doch ein paar mehr Fußballlehrer, die über die nächste Aktion, das nächste Spiel hinausdenken. Die in der Not Vertrauen schenken, wohl wissend, dass so eine öffentliche Demütigung für die Psyche des „Schülers“ verheerende Folgen haben kann.

Am Sonntagabend beispielsweise ließ Urs Fischer, der Trainer des 1. FC Union Berlin, Niko Gießelmann ungeachtet der zahlreichen Patzer, die der linke Flügelmann in Defensive und Offensive fabrizierte, im Spiel. In der mit Risiko behafteten Hoffnung, dass einerseits der starke Schlussmann Frederik Rönnow sowie die stabile Abwehrkette um Robin Knoche weiterhin Schlimmeres verhindern und andererseits der flattrige Gießelmann womöglich noch einen Lucky Punch setzt. In Erinnerung an die Vorsaison, als der 31-Jährige mit drei Toren und sieben Assists der Reihe nach beim Gegner schwere Wirkungstreffer erzielen konnte.

Und tatsächlich: In der 76. Minute bekam Gießelmann bei einem Eckstoß die Gelegenheit zu diesem einen „glücklichen Schlag“. Nämlich bei einem Eckstoß, den er mit seinem linken Fuß von der rechten Seite mit sehr viel Schnitt vors Tor des VfB jagte. Zielgenau auf den einlaufenden Paul Jaeckel, der den Ball zum letztlich spielentscheidenden 1:0 für die Köpenicker ins VfB-Tor wuchtete. Es war Gießelmanns erste Torvorlage in dieser Saison und Jaeckels erstes Tor in der Bundesliga.

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Tja, wieder mal alles richtig gemacht, Herr Fischer. Wieder einmal ein goldenes Händchen bewiesen, dieses Mal allerdings nicht, wie das schon oft der Fall war, durch eine Einwechslung, sondern durch eine Nichtauswechslung. Was nach dem neunten Spieltag folgendes Tabellenbild ergibt: Union ist weiterhin obenauf, mit 20 Punkten, während sich der SC Freiburg (18 Punkte), die Bayern und Borussia Dortmund (beide 16 Punkte) jeweils nur einen Punkt auf ihr Konto bringen konnten. Wobei man schon gern mal einen Blick auf den kommenden Sonntag werfen darf, dann nämlich haben die Eisernen den BVB zu Gast (17.30 Uhr), während es der FCB vor heimischem Publikum zwei Stunden später mit der Elf von Christian Streich zu tun bekommt.

Schwächen im Positions- und Passspiel

Was für Gießelmann gilt, gilt im Übrigen auch für Jaeckel. Auch der 24-Jährige offenbarte bei seinen Einsätzen in den vergangenen Wochen die eine oder andere Schwäche im Positionsspiel beziehungsweise beim Passspiel und fällt demzufolge im Vergleich mit der teaminternen Konkurrenz (Timo Baumgartl, Diogo Leite, Danilho Doekhi) derzeit etwas ab. Fischer sieht aber auch bei ihm eher das Positive, ist der Überzeugung, dass bei dem gebürtigen Eisenhüttenstädter das erfahrungsbasierte Lernen aus Fehlern sinnvoller ist als die gute, alte Denkpause. Zudem ist er sich bewusst, dass ein selbstsicherer Jaeckel im Hinblick auf die notwendige Rotation wertvoller ist als ein verunsicherter Jaeckel.

Was er sich denn nun für den Super-Sonntag und damit für das Spitzenspiel gegen Dortmund erwarte, wurde Fischer nach der Partie im Neckarstadion gefragt. Darüber mache er sich noch keine Gedanken, antwortete der Schweizer, „sonst würde ich meiner Linie nicht treu bleiben“. Und überhaupt: „Für mich ist die Tabelle vor allem nach dem 34. Spieltag aussagekräftig.“ Das Einzige, was zähle, wäre das nächste Spiel, Donnerstagabend, vierter Spieltag der Europa-League-Gruppenphase, der Gegner: Malmö FF. Und das mit zwei Spielern im Kader, Gießelmann und Jaeckel, die sicherlich mit einem besonders guten Gefühl in die Trainingswoche gestartet sind.

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