FUSSBALL-WM 2006 - Geschäfte am Olympiastadion: Die Flaschensammler bessern ihr Arbeitslosengeld oder ihre Rente auf. Auch die Kirche hat sich auf das größte Sportereignis der Welt eingestellt.

Der Geheimtipp

Serena Klein
4 Min

Olympiastadion, Südtor, und noch zwei Stunden bis zum Spiel Deutschland gegen Ecuador. Hunderte von Fußballfans jubeln in der Mittagshitze. Der Schweiß rinnt von der Stirn, die Kehle ist trocken, die Schlangen an Kiosken und Gaststätten werden immer länger. Für Claus ist das die beste Zeit des Tages. Denn er macht mit dem Durst anderer Leute ein gutes Geschäft. "Bingo", sagt der 54-Jährige, als eine junge Frau an ihm vorbeigeht und eine weitere leere Plastikflasche in seinen Einkaufswagen fliegt. "Das waren gerade 25 Cent."Wie viel er mit dem Einsammeln von leeren Bier- und Plastikflaschen verdient und wie er mit vollem Namen heißt, will Claus nicht verraten. Fotografieren lässt er sich nur von hinten. "Nicht wegen Freunden und Nachbarn. Die können ruhig wissen, was ich mache. Aber als Hartzi darf das Arbeitsamt keinen Wind von meinem Nebenverdienst bekommen." Dann erzählt der weißbärtige Hartz-IV-Empfänger aus Mitte doch noch ein bisschen über sich. "Ich sammle seit Jahren bei Festen und Spielen. Am ergiebigsten war bisher die Love Parade. Da habe ich 110 Euro an einem Tag gemacht." Der studierte Soziologe hat mit dem Pfandflaschen-Suchen begonnen, als er einmal zwei Wochen lang obdachlos war. "Da bin ich zum ersten Mal zum Sammeln gegangen - zu Hertha-Spielen. Da habe gelernt, wie das Geschäft läuft." So weiß er, dass man sich mit dem Einkaufwagen voller Flaschen besser nicht in der Bahn blicken lässt. "Die BVG hat mich mehrfach rausgeworfen, weil ich angeblich ein Sicherheitsrisiko wäre." Dafür hat Claus manchmal auch viel Glück. Erst neulich hat er eine vergessene Einkaufstüte entdeckt. "Mit einem neuen Hemd von Lacoste. Das hat mir auch noch gepasst."Wenn er seinen Einkaufswagen so voll beladen hat, dass wirklich nichts mehr hineinpasst, fährt er zum Ullrich-Discounter am Bahnhof Zoo und wirft sein Sammelgut in den Pfandautomaten. "Da gehen die meisten von uns hin. Das sind nicht nur Penner, auch Hausfrauen, Schüler und Familien", sagt er. Nicht immer ist Claus jedoch willkommen. "Das Personal zieht oft ein Gesicht, weil die die Mehrwegflaschen per Hand sortieren müssen und das mehr Arbeit macht." Von anderen Sammlern weiß er, dass ein Supermarkt am Ostbahnhof einigen sogar Hausverbot erteilt hat. Wieder andere Discounter hängen Schilder auf, dass man nur bis zu 50 Flaschen abgeben darf.Trotz allem ist Claus mit seiner Situation zufrieden. Wenn er nach getaner Arbeit nach Hause geht, schafft er es sogar oft noch, die zweite Halbzeit zu sehen.Andere, die weniger gut organisiert sind, stehen auch noch nach Spielanpfiff vor dem Olympiastadion und sortieren das Sammelgut. So bücken sich drei grauhaarige Damen über einen großen Berg aus Bier- und Plastikflaschen, den sie nahe Eingangstor am Zaun aufgehäuft haben. Schwitzend verstauen die Rentnerinnen ihre Flaschen in Rollwagen und blaue Müllsäcken. Jürgen aus dem Tiergarten steht in einem blauen Hemd und einer schwarzen Bügelfaltenhose daben - mit leerem Rolli. Der Angestellte einer Berliner Automobilzulieferer-Firma ist zum ersten Mal am Olympiastadion. "Ich beobachte erst einmal, wie das hier läuft. Eine Arbeitskollegin hat mir den Tipp gegeben, weil ihr Sohn nach Hertha-Spielen immer viel gefunden hat." Einige Tage zuvor war der 42-jährige auf der Fanmeile. Zurückkehren wird er jedoch nicht. "Ein Ordner hat sich mein Gesicht gemerkt und mir den Zutritt verboten. Er sagte, dass der Veranstalter das Sammeln nicht will."Hätte sich Jürgen an diesem Tag an Joachim und Eckhardt aus Köpenick gewendet, wüsste er, wie das mit dem Sammeln geht. Neun Müllsäcke, prall gefüllt mit 25- und 15- Cent-Plastikpfandflaschen, hängen an zwei mit Bierflaschen schwer beladenen Einkaufswagen. Die beiden Männer sind Profis. Seit Jahren verdienen sie sich mit Pfandflaschen ein Zubrot zu Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. "An einem Tag wie heute verdiene ich um die 60 Euro", verrät Jakob. "Mit nur drei, vier Stunden Arbeit."------------------------------"Es ist hart, aber lohnenswert. Ich sage oft zum Spaß, ich verdiene gerade meinen zweiten Porsche."Claus, Hartz-IV-Empfänger------------------------------Foto: Nicht nur mit dem Verkauf von Eintrittskarten und Bratwürsten lässt sich am Olympiastadion Geld verdienen.

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