Archive durchforsten, Dokumente finden und Interviews von Zeitzeugen auswerten - das sind in den kommenden zwei Jahren die Arbeitsschwerpunkte von Gabriele Camphausen. Schon bis Mitte 1996 will die neue wissenschaftliche Leiterin der Gedenkstätte Hohenschönhausen ein Konzept vorlegen. Ein Jahr später soll die Gedenkstätte als selbständige Stiftung stehen. Bis dahin muß die Historikerin, die sich im Grunde ihr ganzes Leben lang für Geschichte interessiert hat, eine Menge Aufgaben allein erledigen. "Ich leite mich selber", sagt sie und lacht. Außer einer in Aussicht gestellten Sachbearbeiterin wird der Stellenplan vorerst nicht erweitert. Die 38jährige wird gute Nerven brauchen. Gabriele Camphausen hat osteuropäische und neuere Geschichte sowie Slawistik studiert, bei der Stiftung Topographie des Terrors und beim Deutschen Historischen Museum mitgearbeitet und war zuletzt im ehemaligen Kapitulationsmuseum Karlshorst beschäftigt. Sie interessiert sich für individuelles Leid und möchte zugleich erkennen, wie Menschen unter den verschiedenen Systemen zu funktionierenden Rädchen werden, die andere vernichten. Bei ihren Forschungen ist sie eigentlich ständig mit dem Grauen konfrontiert gewesen. "Kühl bleiben" gehört zu ihrer Medizin. Als "schwer verkraftbar" hat sie dennoch Bilder von Massakern an der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa erlebt. Trotz aller Bemühungen um Distanz geht Gabriele Camphausen gelegentlich doch "dunkel getrübt" nach Hause. Dort liest sie in der Moabiter Zwei-Zimmer-Wohnung keine Geschichtsbücher, sondern beispielsweise psychologische Romane oder Bücher mit düsterer Stimmung. Ein "morbider Geschmack", urteilt Gabriele Camphausen etwas selbstkritisch und gesteht etwas verlegen, daß Freunde und Bekannte bei ihr einen "Vorzug zum Melancholischen" entdecken. +++
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