L'AQUILA. Diesen Tag wird Marcello Villante so schnell nicht vergessen. Nie hätte er es sich träumen lassen, in seinem Leben gleich neben zwei Regierungschefs zu stehen. Von denen auch noch einer eine Chefin ist. "Unvorstellbar in Italien", sagt Villante lachend. Und schwärmt davon, welche "bella figura" "La Merkel", wie man sie hier nennt, gemacht hat.Unvorstellbar auch, dass eine deutsche Kanzlerin einen Ort wie Onna besucht - jenes zuvor auch in Italien kaum bekannte Dorf zehn Kilometer östlich von L'Aquila, der Hauptstadt der Abruzzen. Onna wurde durch ein Erdbeben Anfang April fast vollständig zerstört. 40 von etwa 250 Dorfbewohnern starben in jener Nacht vom 6. auf den 7. April. Seither hat das Dorf traurige Berühmtheit erlangt. Silvio Berlusconi war schon mehrmals hier und auch der Papst. Und jetzt La Merkel. Geradezu sehnsüchtig haben sie die fast 200 Menschen erwartet, die noch immer im nahen Zeltlager des italienischen Zivilschutzes wohnen.Die Welt schaut auf OnnaKurz bevor gestern 30 Kilometer weiter, in einer Polizeikaserne, der G8-Gipfel eröffnet wurde, flog die Kanzlerin ein und stattete dem versehrten Dorf gemeinsam mit dem italienischen Gastgeber einen Besuch ab. "Für uns ist es sehr sehr wichtig, dass Merkel hierher kommt", sagt Villante. "Zumindest für diesen einen Tag schaut die Weltöffentlichkeit auf uns, und das kann uns nur helfen." Seit er im April sein Zuhause verloren hat, lebt der pensionierte Techniker mit seiner Familie im Lager. Er gehört zu jenen handverlesenen 60 Dorfbewohnern, die an diesem Tag auf dem Platz vor der zerstörten Kirche stehen und der Kanzlerin die Hand schütteln dürfen. Unter anderen Zeltbewohnern hat sich am Vormittag Enttäuschung breit gemacht. Als klar wurde, dass die Kanzlerin nun doch nicht wie vorgesehen in das Lager kommt, sondern nur in das Dorf.Fast allmächtig erscheinen sie, die "tedeschi", die Deutschen, die Techniker vom THW geschickt haben und ihre Kirche wieder aufbauen wollen. Deutschland hat bis zu drei Millionen Euro Aufbauhilfe versprochen, auch als Wiedergutmachung für die Verbrechen, die die Wehrmacht im letzten Kriegsjahr hier an Zivilisten verübt hat.In letzter Minute aber wurde das Programm geändert, von allerhöchster Stelle. Berlusconi verkürzte die Visite auf eine Viertelstunde. Die Begegnung im großen Dorfzelt mit allen Bewohnern fiel ersatzlos aus, und auch die schreibende Presse hätte der Herr über die Fernsehbilder am liebsten verboten. Seine Gereiztheit ist in den letzten Tagen deutlich spürbar. Die Augen der Weltöffentlichkeit sind auf L'Aquila gerichtet - und auch auf die italienischen Gastgeber.In den internationalen Medien hagelt es negative Berichte über einen Gipfel, der in Zeiten von G20 nur noch wenig Legitimation hat und in aller Eile ins Erdbebengebiet verlegt wurde. Noch geharnischter die Bewertungen, die der Gastgeber erntet: ein europäischer Spitzenpolitiker, der wegen skandalöser Details seiner privaten Ausschweifungen von sich reden macht - weniger aber wegen seiner Verdienste als Regierungschef. Am vergangenen Wochenende ließ sich der Regierungspalast sogar zu einer Stellungnahme gegen die "morbide Auslandspresse" hinreißen, nachdem die britische Sunday Times mit der Veröffentlichung neuer Skandalfotos gedroht hatte. Als einen Tag später der Guardian behauptete, Italien drohe wegen der chaotischen Vorbereitung des Gipfels ein Ausschluss aus der G8-Gruppe, lagen die Nerven vollends blank. Auch italienische Zeitungen klagten über das verheerende Image Italiens im Ausland, und Berlusconi muss befürchten, dass seine Super-Show in L'Aquila nicht gebührend gewürdigt wird.Blumen und Bohnen für MerkelIn Onna jedenfalls dreht sich alles um die Kanzlerin und die wenigen Worte, die sie sagen kann. "Ich bin sehr dankbar, dass wir, nachdem Deutschland hier 1944 solchen Schaden und solche Schrecknisse angerichtet hat, jetzt zeigen können: Die Welt hat sich verändert." Für sie sei es sehr wichtig, sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen, sagt sie. Und dass man sich bemühe zu helfen. Was man eben so sagt, wenn man nur wenige Minuten Zeit hat. Man spürt die Erwartungen der Zuhörer, am Ende bedanken sie sich mit Applaus und überreichen der Kanzlerin Blumen und Säckchen mit Bohnen, einer hiesigen Spezialität.Berlusconi hat derweil zum wiederholten Mal versprochen, dass im September die Behelfsunterkünfte für die Obdachlosen fertig sind. Zumindest in Onna stehen die ersten Holzhäuser, direkt neben dem Lager. Binnen einer Woche wurden sie errichtet. La Merkel konnte sie nur flüchtig bestaunen.------------------------------Foto: Im Erdbebengebiet: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gestern, vor dem Start des G8-Gipfels, das Dorf Onna besucht. Dort konzentriert Deutschland - 60 Jahre nach einem NS-Massaker - seine Aufbauhilfe.
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