Gaddafi residiert beim ersten Staatsbesuch in Rom in einem Zelt vor der Villa Pamphilij

Berlusconis sehnsüchtig erwarteter Gast

Kordula Doerfler
3 Min

ROM. Der Park der Villa Doria Pamphilij ist eine der grünen Lungen Roms. Normalerweise gehört er den Joggern, Hundebesitzern und all jenen römische Familien, die am Wochenende etwas Ruhe und Grün suchen. Die prunkvolle Villa derer von Pamphilij, die dem Park ihren Namen gab, ist heute meist geschlossen, nur für Staatsempfänge öffnen sich gelegentlich die Pforten. Nie hätte sich wohl jemand aus dem alten Adelsgeschlecht träumen lassen, dass in dem besonders schönen Garten des Schlosses einmal gecampt werden würde. Seit gestern aber steht dort ein Beduinenzelt unter Bäumen, bewacht von Hunderten von Carabinieri und Zivilschützern.Oberst Muammar al-Gaddafi, der gestern zu seinem ersten Staatsbesuch in Italien eintraf, wird bis Sonnabend neben der Villa Pamphilij residieren. Rund um den Park herrscht erhöhte Sicherheitsstufe, kein Auto darf mehr geparkt werden und selbst die kleinen mobilen Gemüsehändler wurden verbannt. Auch im Stadtzentrum, ein paar Kilometer weiter westlich, sind die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft. Der Besuch des libyschen Staatschefs war schon im Vorfeld auf Proteste gestoßen, und bei seinen Auftritten heute vor dem Römer Senat und an der Universität werden Demonstrationen gegen den Diktator erwartet.Für Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hingegen ist Gaddafi ein sehnsüchtig erwarteter Gast, und er ließ es sich nicht nehmen, ihn gestern persönlich am Flughafen Ciampino zu begrüßen, ehe er ihn am Abend offiziell empfing. Die Beziehungen der einstigen Kolonialmacht Italien zu Libyen sind politisch diffizil, vor allem wegen der blutigen Vergangenheit. "40 Jahre lang war Italien Gaddafi ferner als der Mars", schrieb eine libysche Zeitung dieser TageWie viele andere westliche Politiker, die den libyschen Revolutionschef wegen des Ölreichtums des Landes ungeniert hofieren, verfolgt auch Berlusconi vor allem wirtschaftliche Interessen. So entschuldigte er sich im August vergangenen Jahres als erster westlicher Staatschef überhaupt für die während der Kolonialzeit begangenen Verbrechen, und der libysche Revolutionsführer gab gestern zu erkennen, dass die Botschaft angekommen ist. "Das Italien von heute ist nicht mehr das von gestern", sagte er und dankte Berlusconi ausdrücklich.In einem ebenfalls 2008 besiegelten Kooperationsabkommen verpflichtete sich Italien, innerhalb von 25 Jahren Entschädigungen in Höhe von fünf Milliarden Dollar zu leisten - überwiegend in Form von Investitionen in die Infrastruktur des nordafrikanischen Wüstenstaates. So will Italien Gaddafi eine Autobahn entlang der Mittelmeerküste bauen und in den Wohnungsbau investieren. Als Gegenleistung erhofft Italien, dessen Gas- und Strompreise zu den höchsten in Europa gehören, günstige Konditionen für Erdöl- und Erdgasimporte aus Libyen. Italien bezieht bereits heute etwa ein Drittel davon aus Libyen. Umgekehrt gehören italienische Unternehmen wie etwa der Energiekonzern Eni bereits zu den größten Investoren im Land. Nun sollen weitere Abkommen unterzeichnet werden.Italiens Regierung hofft auch, dass der libysche Staatschef endlich mehr Entgegenkommen in einer weiteren dringenden Frage zeigt: der illegalen Immigration. Trotz längst gegebener Zusagen seitens Gaddafi floriert das Geschäft mit Armutsflüchtlingen aus Afrika wie nie zuvor, erst seit wenigen Wochen patrouillieren gemischt besetzte Schnellboote in den Küstengewässern Libyens. Anfang des Jahres unterzeichneten beide Länder ein Rücknahmeabkommen, das es Italien erlaubt, illegale Bootsflüchtlinge direkt in das Transitland zurückzuschicken - eine Praxis, die von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert wird. Libyen ist kein Mitgliedstaat der Genfer Konvention und kennt auch kein Asylrecht.Gaddafi aber möchte sich in Rom gern als aufgeschlossener moderner Herrscher präsentieren und trifft auf eigenen Wunsch auch 700 Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Gastgeberin der italienischen Regierung wird das Exmodel Mara Carfagna sein, die heutige Frauenministerin Berlusconis.------------------------------"No Camping, Gaddafi!" Mit Transparenten protestieren Kritiker gegen den Besuch des Diktators

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner