Israel

Gadi Eisenkot: Er verlor seinen Sohn in Gaza, jetzt will er Netanjahu stürzen

Vor einem Jahr noch einstellig, heute in allen Umfragen vor dem Likud. Wie Ex-Armeechef Gadi Eisenkot zu Netanjahus gefährlichstem Gegner wurde.

5 Min
„Das Rennen ist knapp“: Wahlplakat der Partei Yashar in Tel Aviv, links Netanjahu, rechts Eisenkot.

„Das Rennen ist knapp“: Wahlplakat der Partei Yashar in Tel Aviv, links Netanjahu, rechts Eisenkot.

© IMAGO/Nir Keidar

„Mein Herz ist bei ihm“, sagt Yael. „Er hat seinen Sohn verloren, ich meinen Bruder, im selben Krieg.“ Die Israelin, die der Berliner Zeitung ihre Geschichte am Strand von Tel Aviv erzählt hat, will am Dienstag für einen Wechsel stimmen.

Der Mann, dem ihr Mitgefühl gilt, ist Gadi Eisenkot. Als er im Dezember 2023 vom Tod seines Sohnes erfuhr, saß er im Lagezentrum des israelischen Kriegskabinetts. Gal Eisenkot, 25 Jahre alt, war im Norden des Gazastreifens von einer Sprengladung in einem Tunnelschacht getroffen worden. Wenige Tage nach der Beerdigung kehrte der Vater in das Gremium zurück. Bis November 2024 verlor die Familie im Krieg zwei weitere Angehörige, zwei Neffen Eisenkots.

Knapp drei Jahre später ist der frühere Generalstabschef Benjamin Netanjahus gefährlichster Gegner. Vor der Wahl am Dienstag liegt seine Partei Yashar in den letzten Umfragen der drei großen Fernsehsender mit 22 bis 23 der 120 Sitze vorn, Netanjahus Likud kommt auf 19 bis 21.

Prophezeiungen seien trotzdem schwierig. Viele Wähler würden sich erst im letzten Moment entscheiden, erklärt die Umfrageforscherin Tamar Hermann vom Israel Democracy Institute der Berliner Zeitung. Für die Regierungsbildung zählen am Ende die Blöcke. Eisenkots Block des Wandels kommt in den Umfragen auf 52 bis 56 Sitze, Netanjahus Block auf 50. Für eine Mehrheit braucht es 61.

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Herkunft: Sohn marokkanischer Einwanderer aus Eilat

Eisenkot wurde 1960 in Tiberias als Sohn marokkanischer Einwanderer geboren und wuchs in Eilat auf, der südlichsten Stadt des Landes. Mit 18 Jahren ging er zur Infanteriebrigade Golani. Der Kontrast zu Netanjahu ist Teil seiner Wirkung. Der Regierungschef wuchs im wohlhabenden Jerusalemer Viertel Rechavia auf und diente in der Eliteeinheit Sajeret Matkal. Eisenkot spricht selten über seine Herkunft. Beobachter sehen darin dennoch einen Grund, weshalb er Wähler mit nordafrikanischen und nahöstlichen Wurzeln erreicht, die traditionell häufig Likud wählen. Die ultraorthodoxe Schas-Partei fürchtet nach Medienberichten, er könne ihr sephardische Stammwähler abnehmen.

Der 60-jährige Adam zweifelt hingegen an der Wirkung des Kandidaten. Eisenkot fehle die nötige Härte, um sich gegen Persönlichkeiten wie Netanjahu durchzusetzen, sagt er zur Berliner Zeitung in Downtown Tel Aviv. „Er ist zu sehr ein netter Kerl. In Israel muss man hart sein.“

„Für den Wandel dieses Mal: Eisenkot“ – Wahlplakat in Zentrum Tel Avivs

„Für den Wandel dieses Mal: Eisenkot“ – Wahlplakat in Zentrum Tel Avivs

© Luise Evers/ Berliner Zeitung

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Dahija-Doktrin: Wofür Eisenkot als General steht

Als Kommandeur im Norden zog Eisenkot aus dem Libanonkrieg 2006 Lehren, die bis heute mit seinem Namen verbunden sind. Was im Beiruter Viertel Dahija geschehen sei, werde in jedem Dorf geschehen, aus dem auf Israel geschossen werde, sagte er 2008. In Dahija hatte die israelische Luftwaffe Kommandozentralen der Hisbollah und große Wohnhäuser bombardiert. Die sogenannte Dahija-Doktrin setzt auf massive Zerstörung zur Abschreckung und stößt international bis heute auf scharfe Kritik. Von 2015 bis 2019 führte er die Armee.

Vom Kriegskabinett zur eigenen Partei Yashar

Im Jahr 2022 ging Eisenkot an der Seite von Benny Gantz in die Politik. Nach dem 7. Oktober 2023 traten beide in Netanjahus Notstandsregierung ein und verließen sie 2024 im Streit über die Zukunft von Gaza.

Gadi Eisenkot inmitten von Anhängern. In allen letzten Umfragen liegt seine Partei vor Netanjahus Likud.

Gadi Eisenkot inmitten von Anhängern. In allen letzten Umfragen liegt seine Partei vor Netanjahus Likud.

© Jamal Awad/Imago

Im Sommer 2025 trennte sich Eisenkot von Gantz und gründete im September Yashar. Umfragen sahen die Partei damals bei sieben bis neun Sitzen. Der Name bedeutet auf Hebräisch etwa „geradeaus“ und geht nach Angaben des Senders CNN auf einen Satz der früheren Hamas-Geisel Eli Scharabi zurück. Zur Liste gehört unter anderem die Tochter der freigelassenen Geiseln Aviva und Keith Siegel, dazu mehrere Kandidaten aus dem religiös-zionistischen Milieu.

Positionen: Kein Palästinenserstaat, Wehrpflicht für alle

In der Palästinenserfrage liegt Eisenkot näher an Netanjahu, als es das Bild vom Herausforderer vermuten lässt. Wer nach dem 7. Oktober an eine Zweistaatenlösung denke, sei wahnhaft, sagte er der Zeitung Israel Hajom. Zugleich greift er die rechtsextremen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich an. Deren Politik und die Gewalt radikaler Siedler schadeten Israels Ansehen in der Welt.

Gegen Netanjahu setzt er vor allem auf Aufarbeitung. Er verspricht eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober, die Netanjahu ablehnt. Den zweiten Schwerpunkt bildet die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe, gegen die sich Netanjahus religiöse Koalitionspartner stemmen. Kritik kommt auch aus der Opposition. Naftali Bennett wirft ihm vor, sein Plan, drei Prozent jedes Jahrgangs freizustellen, verschone faktisch fast ein Drittel der wehrfähigen ultraorthodoxen Männer.

Einen grundlegenden Kurswechsel erwarten israelische Fachleute unter Eisenkot nicht. Efraim Inbar, Präsident des Jerusalem Institute for Strategy and Security, rechnet nicht mit einer neuen Sicherheitsdoktrin. Seit dem Krieg gehe Israel lieber präventiv gegen entstehende Bedrohungen vor. Ändern werde sich vor allem der Ton, meint Inbar.

Nach der Wahl: Warum Eisenkot eine Mehrheit fehlt

Ob Eisenkot regieren kann, entscheidet sich erst nach der Auszählung. Die arabisch geprägten Parteien kommen auf 14 bis 16 Sitze, Teile von Eisenkots Block lehnen eine Zusammenarbeit mit ihnen ab. Experten halten eine Minderheitsregierung der Opposition oder eine geschäftsführende Regierung Netanjahus für wahrscheinlich, danach eine Neuwahl. Selbst bei einem Machtwechsel bleibe die Knesset mehrheitlich rechts, betonen sie einheitlich.

Eine Regierung unter Netanjahu hat Eisenkot ausgeschlossen, auch mit einer Rotation an der Spitze. Zuvor hatte Avigdor Lieberman ihm unterstellt, auf einen Pakt mit dem Likud hinzuarbeiten. Sein früherer Weggefährte Gantz zog seine Kandidatur in der vergangenen Woche zurück, nachdem seine Partei in Umfragen an der Sperrklausel gescheitert war. Wird Yashar stärkste Kraft und gelingt ihm eine Regierungsbildung, wäre er der erste Ministerpräsident Israels mit nordafrikanischen Wurzeln.

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