Sollte ich in meinem Leben noch einmal in die Verlegenheit kommen, ein Haus zu kaufen, dann klemme ich mir für den Besichtigungstermin einen Spaten unter den Arm. Und wenn der sich nicht mit geschmeidiger Leichtigkeit in die Erde rammen lässt, dann kaufe ich das Haus nicht. Nada. Keine Chance. Egal, welche warmen Worte mir ein windiger Makler ins Ohr säuselt.
Guter Boden ist nämlich alles. Alles! Was bringt einer begeisterten Freizeitgärtnerin wie mir eine Immobilie, wenn auf der Fläche drumherum nichts gedeiht? Damals, als wir für das Haus, in dem gerade dieser Text entsteht, unseren Namen in den Ring warfen, war ich gärtnerisch noch grün hinter den Ohren. Ich ließ mich blenden von der guten Lage, einem regendichten Dach und dem wunderschönen Apfelbaum. Tja, und jetzt hab ich den Salat. Äh, oder eben auch nicht.
Urban Gardening statt Supermarkt: Sollten alle Berliner selbst Gemüse anbauen?
Vier Literatur-Klassiker, die Sie in diesem Sommer lesen sollten
Der Boden unseres Grundstücks ist nämlich eine Katastrophe. Hinten klappt so einiges mit Müh, Not und haufenweise Kompostdünger, aber der Vorgarten bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Alles hängt mit allem zusammen, wissen Sie? Der Krieg in der Ukraine zum Beispiel hat mit gutem Boden zu tun. Nicht ausschließlich natürlich, aber auch. Denken wir nur mal an die riesigen Ackerflächen mit ukrainischer Schwarzerde. Auf diesem lockeren, satten Humus wächst, nach allem, was ich darüber gelesen habe, jede Pflanze wie von selbst. Weizen, Mais, Gerste und sicher auch fette Tomaten.
Den Kompost umschichten: Umgraben macht demütig
In Friedenszeiten muss es ein unglaublicher Spaß sein, in der Ukraine einen Garten zu bestellen. Rund 32 Millionen Hektar Agrarland hatte das Land vor Beginn des Krieges, das entspricht etwa einem Drittel der Ackerfläche der gesamten Europäischen Union.
In meinem wesentlich kleineren Garten steht seit Wochen das Umgraben auf meiner To-do-Liste. Umgraben macht demütig. Schließlich werden wir früher oder später alle von Millionen Kleinstlebewesen aufgefuttert, durch Därme gedrückt und ausgeschieden. Wäre es da nicht sinnvoll, die Zeit auf unserer gemeinsamen Reise in Richtung Komposthaufen so angenehm wie nur möglich miteinander zu verbringen?
Im Schrebergarten: „Früher gab es Buletten für alle, heute ist jeder für sich“
Tomaten selbst anbauen – so funktioniert’s richtig
Aber zurück in meinen Vorgarten. Der ist so ziemlich das Gegenteil des ukrainischen Schwarzbodenparadieses. Da wächst gar nichts. Und glauben Sie mir, ich habe alles versucht. Ich habe 20 Zentimeter Boden abgetragen, frische Erde aufgebracht und kiloweise Bodenaktivator in die Beete geharkt. Den Rasen habe ich regelmäßig vertikutiert, belüftet und gedüngt. Trockenstauden, Schattenstauden und verschiedene Rosensorten habe ich ausprobiert und stets hingebungsvoll gewässert. Manchmal bis spät in die Nacht.
Soll das etwa die Alternative sein? Nicht doch!
© imago
Wenn ich das grob zusammenrechne, dürfte ich auf den paar Quadratmetern vor dem Haus wahrscheinlich doppelt so viel Zeit verbracht haben wie auf der Fläche dahinter. Und doppelt so viel Geld investiert habe ich auch. Alles umsonst, es wächst einfach nix. Der Boden ist hart wie Stein und im Hochsommer fängt die Erde an zu stinken. Ich bin nicht leicht kleinzukriegen, wirklich nicht, aber den Vorgarten habe ich dieses Jahr weitestgehend aufgegeben. Das Gras lasse ich wachsen, die Stauden sind eh alle platt und die Rosen, die verlausten, gieße ich nur ab und an.
Wenn ich abends nach Hause komme, starre ich stur in Richtung Eingangstüre und meide den Blick auf das Zeugnis meiner eigenen Unfähigkeit. Ich schäme mich sogar ein bisschen. Sollte die Fläche vor dem Haus nicht eine Art Visitenkarte sein, ein Appetithappen auf das, was hinter ihm wartet? So jedenfalls schreibt es die beneidenswert wortgewandte Gartenliteratin Eva Demski: „Vorgärten sind Umarmung oder Abwehr, Gleichgültigkeit oder Angeberei, Unter- oder Übertreibung, blinde Gefolgschaft für allerlei Moden.“ Und weiter: „Private Vorgärten kann man lesen … Manchmal sind auf kleinstem Raum ziemlich viele Informationen über den dahinter wohnenden Gärtner oder die Gärtnerin zu finden.“
Immerhin: Ein paar verlauste Rosen blühen noch.
© imago
Nun, wer aktuell bei mir zu Besuch kommt und Eva Demski gelesen hat, der bekommt einen komplett falschen Eindruck. Mein Garten ist mir nicht gleichgültig. Auf keinen Fall! Ich bin schlicht nur mit meinem Latein am Ende. Neulich habe ich das Problem auf Instagram gepostet. Und tatsächlich kamen einige der grünen Social-Media-Bekanntschaften mit durchaus überlegenswerten Vorschlägen um die Ecke: „Leih dir eine Rasenschälmaschine aus, trage die Grasnarbe ab und lege eine Blumenwiese an“, empfahl eine Insta-Freundin aus Bielefeld. Und eine Gartengestalterin aus Alfter in Nordrhein-Westfalen schickte mir gar das Video einer „Belüftungslanze“.
Das ist ja vielleicht ein irres Teil! Das Gerät sieht aus wie ein Metalldetektor, hängt an einem langen Schlauch und bringt, begleitet vom hämmernden Lärm eines Kompressors, Druckluft in die Erde ein. Angeblich führt das zu einer dauerhaften Auflockerung des Bodens und kann problemlos in Bestandsgärten zum Einsatz kommen. Ich finde das ziemlich spannend, bin aber nicht sicher, ob das die Lösung für mein Problem sein kann.
Es ist nämlich so: Neulich, ich versuchte gerade den Bereich um die verkümmerten Pulmonaria mit einem Dreizack zu belüften, sprach mich ein älterer Herr über den Gartenzaun an. „Dit wird nüscht“, sagte er trocken. „Die haben hier nach dem Zweiten Weltkriech den Häuserschutt in den Vorgärten verdichtet. Da könn Se graben wie Se wollen, der Dreck kommt immer wieda nach oben.“ Der Mann nickte freundlich, zog weiter und ich schmiss den Grubber hin. Diese Scheiß-Kriege, dachte ich. Die töten Menschen. Und obendrein ruinieren sie derart nachhaltig den Boden, dass uns Freizeitgärtnern noch drei Generationen später der Spaß vergeht.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]