Hier spricht der Gärtner

Starker Regen, starke Pflanzen: Was den aktuellen Unwettern standhält

Extreme Wetterereignisse nehmen zu, das wissen wir nicht erst seit den Regengüssen dieses Sommers. Was bedeutet das für die Gartenplanung?

Rainer Elstermann
6 Min
Eine vielseitige Bepflanzung sieht schön aus, könnte das nächste Unwetter aber nicht  überstehen.

Eine vielseitige Bepflanzung sieht schön aus, könnte das nächste Unwetter aber nicht  überstehen.

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Sie kennen es sicher, wenn ein starkes Gewitter kommt und der Himmel seine Pforten öffnet. Wenn es zehn Minuten wie aus Eimern gießt und schüttet. Wenn man selbst auf dem Weg von der Haustür bis zum zwei Meter entfernt parkenden Auto schon pitschnass wird. Genau so war es hier – 15 Stunden lang, ohne Pause. Mit Sturmböen noch dazu. In der Nacht sind wir jede Stunde aufgewacht, weil es irgendwo gekracht und gerumpelt hat, und weil die laubbehangenen Äste im Sturm peitschten.

Ein banger Blick, der gen Garten wandert

Natürlich wanderte mein banger Blick immer wieder in den Garten. Und was kann ich sagen? Die Pflanzen haben das Ganze recht gut überstanden. Manche besser als andere natürlich. Einige auch erstaunlich gut, selbst wenn ich es von denen nicht erwartet hätte. Der Große Schuppenkopf (Cephalaria gigantea) zum Beispiel, der bei uns im Garten zwischen drei und vier Meter hoch wird. Da hing am Tag nach dem Unwetter nichts herunter, er lag nicht auf dem Boden, nichts war abgeknickt. Der Schuppenkopf tat ganz so, als wäre nichts geschehen.

Das momentan blühende Garten-Reitgras (Calamagrostis „Karl Foerster“) dagegen lag noch einen Tag später schwer und nass am Boden. Es bedeckte etwa drei Quadratmeter und somit alle umliegenden Pflanzen. Allmählich trocknete es aber und richtete sich schließlich wieder auf. Am Rande waren zwar ein paar Halme abgeknickt, aber das kann man verkraften. Die Blütenähren schließen sich gerade und die Pflanze geht in ihren strohfarbenen, schlanken Hochsommerzustand über. Ich vermute, dass Starkregen ihr jetzt noch weniger antun kann. Die offenen Blüten saugen sich nämlich besonders gut mit Wasser voll.

Das Garten-Reitgras kann Starkregen verkraften.

Das Garten-Reitgras kann Starkregen verkraften.

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Auch der Zottige Ziest (Stachys monnieri „Hummelo“) ließ sich vom Regen kaum beeindrucken. Er gehört zu den Strukturgebern – zu den Pflanzen also, deren Anteil im Garten um die 70 Prozent betragen sollte. Hält man sich an diese Formel, die der holländische Gartendesigner Piet Oudolf einst errechnete, können die restlichen 30 Prozent der Pflanzen eigentlich machen, was sie wollen: sich strecken und beugen, niederliegen und zur Seite neigen – die Bepflanzung sieht immer intakt und attraktiv aus.

Als Gärtnerin oder Gärtner ist man ja stets damit beschäftigt, eine Balance zwischen Wildheit und Ordnung zu finden. Wenn eine der beiden Komponenten überhandnimmt, gibt es meist Probleme. Ein zu wilder Garten ist oft unansehnlich und wirkt nicht einladend: Wenn kein Weg mehr passierbar ist, weil sie alle überwachsen sind, dann ist es eben nicht verlockend, den Garten zu erkunden. Umgekehrt ist ein zu ordentlicher Garten nur eines – nämlich langweilig. Und das ist die Kardinalsünde bei allen Formen des Designs.

Der Purpursonnenhut freut sich über gelegentliche, ordentliche Duschen.

Der Purpursonnenhut freut sich über gelegentliche, ordentliche Duschen.

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Meinem Storchschnabel (Geranium) hat der Regen auch nichts ausgemacht. Seien es die Sorten Geranium Psilostemon-Hybride „Patricia“, Geranium x „Rozanne“, Geranium Collinum-Hybride „Nimbus“ und Geranium pratense „Brookside Hill“, oder die beiden Trockenheitsexpertinnen Geranium macrorrhizum und Geranium phaeum – sie alle haben den Regen eher genossen, als dass er ihnen geschadet hätte. Und sie gehören übrigens zu beiden Kategorien, zu den Strukturpflanzen und den „Wilden“, mal zur einen, mal zur anderen. Dies ist nicht nur von der Sorte abhängig, sondern auch von der Jahreszeit: Im Frühling und Frühsommer bilden sie alle strukturgebende Horste, die mit der Blüte dann „verwildern“.

Die Herbst-Astern waren auch erfreut über den heißersehnten Wassersegen. Seit Jahren stehen sie schon eher trocken, weil die Böden seit längerer Zeit nicht mehr genug Regen abbekommen. Nur die Blaue Wald-Aster (Aster cordifolius „Little Carlow“) ist in der Mitte ein bisschen auseinandergefallen. Aber das tut sie im Hochsommer sowieso irgendwann. Deswegen pflanzt man sie am besten so, dass sie sich anlehnen kann an andere Stauden, die die langen Triebe stützen. Und die Aromatische Aster (Aster oblongifolius „October Skies“), eine wahre Trockenheitskünstlerin (wie die meisten Pflanzen, die viele ätherische Öle enthalten), ist in diesem Jahr ein wenig spindelig gewachsen. In den vergangenen Monaten hat es ja regelmäßig geregnet, und das ist sie nicht gewohnt.

Der Echte Baldrian leidet unter heftigen Schauern eher.

Der Echte Baldrian leidet unter heftigen Schauern eher.

© Imago

Der Purpursonnenhut (Echinacea), die Sonnenbraut (Helenium) und das Syrische Brandkraut (Phlomis russelliana) haben sich alle über den Regen gefreut. Die großblättrigen Pflanzen wie Bergenien (Bergenia), Funkien (Hosta), Schaublätter (Rodgersia) und Schildblatt (Darmera peltata) sowieso. Die meisten von ihnen lieben besonders feuchten Boden sowieso.

Ein Segen, der sich öfter mal zum Fluch umwandelt

Gelitten haben hingegen der Echte Baldrian (Valeriana officinalis) und der Echte Engelwurz (Angelica archangelica) – die bei uns im Garten allerdings auch sehr groß gewachsen sind. Zwei bis drei Meter sind sie hoch und stehen unter der Brücke am Bach sowieso schon sehr feucht. Ein neuer Bekannter von mir, der Landschaftsarchitekt Philipp Liepelt, der in der Uckermark auch Keramiken herstellt und Gartenreisen in den Mittleren Osten organisiert, hat neulich zu mir gesagt, er müsse sich erst an die Dimensionen in unserem Garten gewöhnen. Die Pflanzen kennt er alle – aber eben nur in halber Höhe oder noch kleiner.

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Dies ist dem Segen (und manchmal auch Fluch) sehr fruchtbarer und feuchter Erde geschuldet. Die meisten Pflanzen wachsen bei uns hervorragend. Aber wenn alles wuchert, ist das Gärtnern eben aufwendiger, und die Pflanzen fallen gern mal um. Mein Gartenfreund Jochen Wegner (in dessen hervorragendem Garten im naturalistischen Stil nur die Arten und keine gezüchteten Sorten wachsen) hat schon mehrmals während Besuchen bei uns ausgerufen: „Rainer, du mästest doch!“

Die Standfestigkeit der Pflanzen jedenfalls ist ein wichtiges Thema. Und da Extremwetterereignisse zunehmen (Trockenheit sowie Starkregen), ist man gut beraten, dies in die Gartenplanung einzubeziehen. So ein pudelnasser Garten, in dem dennoch alles blüht und aufrecht steht, hat ja auch einen besonderen Reiz. Das merke ich wieder, wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue. Denn – Überraschung – es regnet!


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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