Wenn es in Tokio im Januar mild bleibt, könnte Gas in Berlin billiger werden. Im Pazifik baut sich laut der US-Klimabehörde NOAA ein El Niño auf, der alle Vorgänger seit 1950 übertreffen könnte. Für Deutschlands halb leere Gasspeicher ist das eine der wenigen guten Nachrichten dieses Herbstes.
Denn El Niño beschert Ostasien warme Winter. Und dort sitzen Europas härteste Konkurrenten beim Kauf von Flüssiggas.
Vier Grad zu warm: Der Pazifik steuert auf einen Rekord zu
Im östlichen Pazifik liegt das Meer stellenweise mehr als vier Grad über dem Normalwert, meldete die NOAA am 8. Oktober. Die Chance auf ein historisches Ereignis zwischen Oktober und Dezember beziffert sie auf 83 Prozent.
Ein starker bis sehr starker El Niño gilt bis in den März 2027 als wahrscheinlich. Er entsteht, wenn die Passatwinde erlahmen und warmes Wasser nach Osten strömt. Das verschiebt Windsysteme bis nach Asien.
Weniger Kälte für Japan: Der Wintermonsun schwächelt
Die japanische Wetterbehörde JMA sagt für den Winter 2026/27 überdurchschnittliche Temperaturen in weiten Teilen des Landes voraus. El Niño schwächt den Monsun, der sonst sibirische Kaltluft über das Japanische Meer treibt.
Die Energieberatung Energy Aspects erwartet unter diesem Wettermuster auch für Südkorea und Indien mildere Winter. Wer weniger heizt, kauft weniger Flüssiggas.
Bieterkampf um LNG: Asien könnte Europa Tanker überlassen
Flüssiggas (LNG) fährt auf Tankern dorthin, wo am meisten gezahlt wird. Japan und Südkorea zählen zu den größten Käufern der Welt.
Seit der Blockade der Straße von Hormus fehlt zudem das Gas aus Katar. Europa muss Asien jede Ladung abkaufen.
Wie teuer das werden kann, hat Goldman Sachs berechnet: Erholen sich die Exporte aus Nahost nur langsam, müsste der europäische Gaspreis über 100 Euro je Megawattstunde steigen, um asiatische Käufer abzuschrecken. Heizt Asien weniger, schrumpft dieser Bieterkampf.
Dass milde Winter wirken, zeigten 2022/23 und 2023/24. Damals sank der Heizbedarf in Europa und Asien gleichzeitig, Europa beendete beide Heizperioden laut der US-Energiebehörde EIA mit Rekord-Speicherständen.
Gasspeicher bei 60 Prozent, Gaspreis über 87 Euro
Am 9. Oktober waren die deutschen Speicher laut der Transparenzplattform AGSI+ zu 59,8 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr waren es rund 76 Prozent, zum 1. November sollen die Anlagen grundsätzlich 80 Prozent erreichen.
Der Terminkontrakt TTF stieg am Dienstag über 87 Euro je Megawattstunde, so hoch wie seit Ende 2022 nicht mehr. Vor dem Iran-Krieg lag er bei rund 30 Euro.
Auf der Heizkostenrechnung kommt das verzögert an, weil Versorger Gas meist lange im Voraus einkaufen. Ein entspannter Weltmarkt im Winter würde deshalb vor allem die nächsten Preisrunden dämpfen.
Wie viel bringt El Niño wirklich?
Die Analysten von Bernstein haben es für Japan durchgerechnet: Ein Super-El-Niño senkt den Heizbedarf um 19 Prozent, den LNG-Verbrauch aber nur um 2 Prozent. Auf ganz Asien übertragen wäre das rund ein Prozent der weltweiten LNG-Importe.
Das Analysehaus Rystad Energy rechnet ähnlich nüchtern. Selbst mit einem Grad mehr über den ganzen Winter bräuchte Europa noch mindestens sieben Millionen Tonnen LNG mehr als im Vorjahr.
El Niño füllt Europas Speicher also nicht. Er nimmt Europa aber Konkurrenz um die knappen Tanker ab, und in einem Markt ohne Puffer zählt jede Ladung.
Europas eigenes Winterwetter hängt dagegen kaum am Pazifik. Kälteeinbrüche in Deutschland bleiben jederzeit möglich.
Ausblick: Zwei Termine im November entscheiden
Am 1. November zeigt sich, wie weit Deutschland unter der 80-Prozent-Marke bleibt. Bestätigt sich der Rekordkurs, steigen die Chancen auf einen milden Winter in Ostasien und auf mehr Tanker an den deutschen LNG-Terminals.
Den nächsten El-Niño-Bericht legt die NOAA am 12. November vor.
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