Serie zur Inflation: Kassensturz

Gastronom mit 250.000 Euro Schulden: „Das ist schon seelische Grausamkeit“

Hartmut F. betreibt eine Event-Gaststätte in Reinickendorf. Und wird seit den Lockdowns vom Pech verfolgt. Die Berliner und die Inflation – unsere Serie.

Kerstin Hense
9 Min
Hartmut F. hat vieles versucht, um der Krise zu entkommen: eine Konzept fürs Burger-Braten in seinem Lokal entwickelt, Heizpilze angeschafft, ein Corona-Testzentrum eröffnet. Alles vergeblich.

Hartmut F. hat vieles versucht, um der Krise zu entkommen: eine Konzept fürs Burger-Braten in seinem Lokal entwickelt, Heizpilze angeschafft, ein Corona-Testzentrum eröffnet. Alles vergeblich.

© Roshanak Amini für Berliner Zeitung

Als Hartmut F. im Jahr 2011 einen Herzinfarkt erlitt, glaubte er, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Er kämpfte damals um sein Leben. Und auch um seine Existenz, als Selbstständiger konnte er viele Wochen lang nicht arbeiten. Jetzt, elf Jahre später, sagt der Gastronom aus Reinickendorf, sei seine Situation noch  schlimmer als damals. Viel schlimmer. Erst hat ihm die Corona-Krise schwer zu schaffen gemacht. Nun ist es die Inflation. Aber er will noch nicht aufgeben.

Hartmut F., 52 Jahre alt, sitzt nachdenklich in einem kleinen Café, nur ein paar Straßen von seiner Event-Kneipe entfernt, die er vor 22 Jahren eröffnet hat. Er hat sich eine Portion Rührei und Speck bestellt und einen Cappuccino. Ein Frühstück für 10 Euro, das er sich ausnahmsweise einmal gönnt. Vor ein paar Wochen hat es noch 6 Euro gekostet. „Die haben gleich 4 Euro draufgeschlagen, weil die Lebensmittelpreise so hoch sind“, sagt der Wirt. Er weiß, wovon er spricht, er wird selbst bei den täglichen Einkäufen für sein eigenes Geschäft mit den steigenden Preisen konfrontiert.

Hartmut F. bietet nur kleine Küche mit Fast Food an sieben Tagen in der Woche an. Sein Hauptgeschäft sind Veranstaltungen am Wochenende. „Wenn ich das Gemüse für die Hamburger einkaufe, kann ich gleich 10 Euro mehr rechnen als früher. Besonders die Tomaten sind sehr teuer geworden“, erzählt er. Das Gemüse kauft er immer täglich frisch in den Supermärkten ein. Salat ist am nächsten Tag schon welk und nicht mehr zu gebrauchen, findet Hartmut F.

Er muss knapper kalkulieren als noch vor einigen Wochen. „Da ich nicht weiß, wie viele Essen ich am Tag verkaufe, bin ich vorsichtiger geworden und kaufe erst einmal geringere Mengen ein. Wenn es nicht reicht, fahre ich lieber noch mal los“, sagt er. Nur die Buletten und die Flammkuchen, die pro Stück um 1 bis 2 Euro teuer geworden sind, bestellt er bei einem Großhändler. „Die halten sich ja lange in der Tiefkühltruhe.“

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Hartmut F. kämpft nicht nur mit teuren Lebensmittel- und Energiekosten. Er hat das meiste Geld schon vorher verloren, während der Pandemie. Seit der Jahrtausendwende haben in seinen Räumen Gäste gefeiert: bei Oldie- und Schlagerabenden, Karaoke und Live-Konzerten bis zum Morgengrauen. Doch die Corona-Krise hat F.s Laden im März 2020 von heute auf morgen stillgelegt. Hartmut F. unterhält keinen herkömmlichen Gastronomiebetrieb, sondern ein Tanzlokal, deshalb wurde er wie ein Clubbesitzer behandelt und durfte erst mit den Letzten wieder öffnen. Fast zwei Jahre lang waren die Lichter aus und keine Gäste auf der Tanzfläche.

Finanzamt hat seine Umsätze im Lockdown geschätzt

Hartmut F. wartet noch immer auf Überbrückungsgelder. Mehrmals hat er die Investitionsbank Berlin (IBB)  angeschrieben, immer wieder ist um Geduld gebeten worden. „Das ist schon seelische Grausamkeit“, sagt er. Die Schreiben liegen der Berliner Zeitung vor.

Auch andere Behörden machen ihm Kummer. Das Finanzamt wollte für die Monate Januar bis März Umsatzsteuer-Vorauszahlungen in Höhe von 90.000 Euro haben, obwohl der Gastwirt seinen Betrieb geschlossen hatte. „Die haben meine Umsätze außerdem viel zu hoch eingeschätzt. Das ist doch Willkür“, sagt er. Zum Glück habe er mit der Sachbearbeiterin vernünftig reden können, sie habe sein Problem verstanden. Hartmut F. hofft, dass das Missverständnis nun aus der Welt ist. Mit der Gema, zuständig für die Rechte zur Musiknutzung, befindet er sich in einem Rechtsstreit. Sie hatte Gebührenbescheide an ihn versandt, obwohl sein Lokal geschlossen war. Er hat sich juristische Unterstützung geholt.

Serie: Kassensturz – so viel bleibt den Berlinern zum Leben

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Seit April hat Hartmut F. wieder geöffnet. Er erwirtschaftet aber nicht mal die Hälfte des Umsatzes von vor der Pandemie, betont er. Das Problem seien die Stammgäste. „Viele bleiben weg. Sie haben Angst in diesen Zeiten, mit so vielen Menschen zusammen auf so engem Raum zu tanzen“, erklärt Hartmut F. Er kann das verstehen. Dennoch bedrohen die Sorgen der anderen ihn existenziell.

Früher hat Hartmut F. in Spitzenzeiten rund 30.000 Euro Umsatz im Monat erwirtschaftet. Höchstens in heißen Sommern, wenn niemand drinnen tanzen wollte, hatte er mit geringeren Umsätzen zu kämpfen. Spätestens ab September des jeweiligen Jahres konnte er die Verluste wieder reinholen.

Oft blieben ihm 15.000 Euro als Gewinn, er habe sich für schlechtere Monate stets ein gutes Polster zurücklegen können, erzählt Hartmut F. In den vergangenen Monaten seit der Wiedereröffnung seines Unternehmens lagen die Umsätze nur zwischen 2000 und 10.000 Euro. Derzeit mache er ein Minusgeschäft, sagt er. Und er wisse nicht, wie lange er das noch durchhalte.

Kassensturz: Wirt Harmut F. hat monatlich 16.000 Euro Fixkosten

Seine monatlichen Gesamtkosten liegen bei etwa 16.000 Euro. Er zahlt jeden Monat 3000 Euro Miete für sein 200 Quadratmeter großes Tanzlokal. Hinzu kommen 800 Euro für Strom und 250 Euro Wassergeld, 200 Euro für Versicherungen. Sowie 2000 Euro für Getränke, 1700 Euro für Lebensmittel und 350 Euro an Gema-Gebühren.

Der größte Posten sind die Personalkosten: 8000 Euro pro Monat. Hartmut F. beschäftigt elf Mitarbeiter in Teil- und Vollzeit. Türsteher, DJ und Reinigungskraft kommen von einer Leiharbeitsfirma. An die immer weiter steigenden Energiekosten mag er gar nicht denken. „Dann komme ich abends gar nicht mehr in den Schlaf. Was da wohl noch alles auf uns zukommt“, sagt er.

Und das sind nicht seine einzigen Kosten, die Hartmut F. Monat für Monat stemmen muss. Für seinen privaten Lebensunterhalt benötigt er rund 2000 Euro – auch dann, wenn er keinen Gewinn erwirtschaftet. Darin enthalten sind 1100 Euro Miete inklusive Strom und Telefon für die Zweieinhalbzimmer-Wohnung (75 Quadratmeter) in Reinickendorf. Und etwa 700 Euro für seine private Krankenversicherung, bei der sich schon Beitragsrückstände aufgebaut haben, wie F. sagt, sowie diverse andere Versicherungen. Er versuche inzwischen, an Lebensmitteln für sich selbst zu sparen, gehe bei Aldi einkaufen. „Ich esse nur noch Eiweißstullen mit Aufschnitt und ganz selten eine warme Mahlzeit, wenn bei mir im Laden noch was übrig geblieben ist.“

Der Gastwirt ist für sein soziales Engagement bekannt

In manchen Momenten hat Hartmut F. nicht nur ans Aufgeben gedacht. „Aber das kann ich meinem Vater nicht antun. Er hat ja nur noch mich“, sagt er. Er selbst sorgt sich vor allem um seine medizinische Versorgung, da er seit zwei Monaten die Krankenversicherungsbeiträge nicht mehr zahlen kann.

Hartmut F. beziffert seine Schulden inzwischen auf 250.000 Euro, da seien die laufenden Kosten wie Miete und Strom während seiner behördlich angeordneten Schließzeiten im Lockdown mit eingerechnet. Er habe zwar bereits staatliche Hilfen in Höhe von 20.000 Euro erhalten, aber das Geld habe nicht ausgereicht, um fast zwei Jahre zu überbrücken. So lange war der Betrieb von Hartmut F. geschlossen.

Der Gastronom ist in der Kommunalpolitik aktiv. Und auch über die Grenzen von Reinickendorf hinaus für sein soziales Engagement bekannt, er setzt sich für Obdachlose ein. In jedem Jahr öffnet er Heiligabend seine Event-Gaststätte für Menschen von der Straße, damit sie nicht frieren müssen und Weihnachten nicht ganz allein sind. Außerdem organisiert er Lebensmittel- und Kleiderspenden und hat einen Kühlschrank mit Wasservorräten für bedürftige Menschen am Eingang seines Lokals aufgestellt. Nun sei er selbst dabei, in die Altersarmut zu schlittern, sagt Hartmut F. In seinen Augen schimmern Tränen.

Berliner Wirt: Die Bürokratie kostet viel Kraft

Er ist kein Mensch, der schnell aufgibt. Um sich und sein Team durch die Pandemie zu bringen, entwickelte er im vergangenen Herbst einen Plan. Er nutzte das Erbe seiner Mutter, die vor drei Jahren an Krebs starb, baute den Raucherraum seiner Kneipe für rund 13.000 Euro um –  in eine Küche. Einer seiner Mitarbeiter sollte künftig am Herd stehen und die Buletten braten.

Der Umgang mit der Bürokratie kostete ihn viel Kraft. „Es hat vier Monate gedauert, bis ich von den Behörden die Genehmigung für die neue Küche im Briefkasten hatte“, sagt F. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Bundeskanzlerin Merkel den zweiten Lockdown verkündete, kam das Schreiben an. Alle Pläne waren Makulatur. Der Gastronom hatte sogar drei Heizpilze und mehrere Gasflaschen sowie ein Zelt für den Außenbereich angeschafft. Den wollte er auch im Winter öffnen, damit die Gäste dort ihre Burger verzehren können. „Umgerechnet waren das noch mal 2000 Euro“, erklärt der Wirt. Gebracht haben ihm die Investitionen wenig. Und die Energiekosten steigen.

Wenn sich ab Oktober die Umsätze nicht verbessern und die Preise noch weiter steigen, werde ich Insolvenz anmelden müssen.

Hartmut F.

Während der beiden Lockdowns hat er sich in den Wintermonaten mit einem Glühweinstand gerettet, im Frühjahr und Sommer versorgte er über seinen Straßenverkauf die Reinickendorfer mit Softeis und Frozen Yoghurt. Außerdem eröffnete er in den Räumen seines Lokals ein Corona-Testzentrum, das ihm rund 3000 Euro monatlich einbrachte. In den letzten drei Monaten seien die Einnahmen stark gesunken, weil sich kaum noch jemand testen lasse. „Es kommen aber noch ältere Menschen aus der Nachbarschaft, die einen Angehörigen im Krankenhaus oder Pflegeheim besuchen wollen. Für die wäre es eine Katastrophe, wenn ich wieder schließen würde. Sie sind nicht mehr so gut zu Fuß und dankbar für eine Teststelle unmittelbar vor der eigenen Haustür.“

Bis zum Herbst will der Gastwirt durchhalten und versuchen, sein Lebenswerk zu retten. Schließlich trage er Verantwortung für sein Personal. Hartmut F. sagt aber auch: „Wenn sich ab Oktober die Umsätze nicht verbessern und die Preise weiter steigen, werde ich Insolvenz anmelden müssen. Von dem Schuldenberg komme ich jetzt schon nicht mehr runter.“ Das hatte er sich alles anders vorgestellt.

* Alle Namen sind verändert, der Redaktion aber bekannt.

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