Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat im ZDF-Talk „Markus Lanz“ am Donnerstagabend die politische Lage in Deutschland analysiert und sich ausführlich zum Umgang mit der AfD geäußert.
Sollte die Partei bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September stärkste Kraft werden, werde Deutschland daran „nicht untergehen“, sagte Gauck. Ein solches Ergebnis könne vielmehr ein „neuer Weckruf“ sein und einen Schock bei den Regierenden auslösen, damit nicht mehr „Profilierungsängste und -süchte“ in den Koalitionen das Leitmotiv seien, sondern die Frage: „Was nützt diesem Land?“
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AfD-„Irrweg“ kein rein ostdeutsches Phänomen
Der gebürtige Rostocker mahnte, den Blick zu weiten: „Leute, guckt nicht bloß die Ossis an, wen sie wählen, sondern schaut mal nach Skandinavien oder in die Schweiz, wo eben dieser Prozess auch stattfindet.“ Den Aufstieg rechter Parteien führte er auf einen Globalisierungskonflikt und ein „Gefühl von Entheimatung“ zurück. Gerade progressive Kräfte hätten die Bedürfnisse der Menschen nach Beheimatung „entweder denunziert oder gar nicht richtig verstanden“.
Wer die Parteien und ihre Anhänger in Europa pauschal als Faschisten bezeichne, greife „wirklich total daneben“, sagte Gauck. Zwar gebe es „unter denen Irre und Faschisten“, hauptsächlich handle es sich aber um „verunsicherte Menschen“, die Existenzängste hätten. Für die politischen Ziele der AfD habe er dennoch „kein Verständnis“. Wähler der Partei befänden sich auf einem „Irrweg“ und blockierten nötige Entwicklungen. „Ich bin der Meinung, dass sie falsch wählen“, lautet Gaucks klares Fazit.
Bündnis mit der Linken denkbar
Trotz des erhofften „Weckrufs“ ist Gauck gegen eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. Um einen Ministerpräsidenten der AfD zu verhindern, schloss Gauck ein Bündnis von Union und Linkspartei nicht aus. Er sei „unverdächtig, ein Anhänger der Linken“ zu sein, doch gehe es in der Politik „nicht immer um die Gestaltung des einzig Guten, manchmal geht es um die Gestaltung des weniger Schlechten“. Vom Bild der Brandmauer rückte Gauck ab: „Für mich ist das Bild der befestigten Grenze das Richtige. Dann kannst du Grenzübergänge regeln.“
Eine frühere Einschätzung aus dem Jahr 2023, wonach die AfD in Deutschland nicht an die Macht komme, kommentierte Gauck knapp mit den Worten: „Das war eine Portion Optimismus zu viel.“
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