Zwischen März und Juni 2018 stürmten junge Palästinenser den Grenzzaun zwischen Gaza und Israel. Das israelische Militär setzte Scharfschützen gegen sie ein. 300 Palästinenser kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt. Unsere Reporterin berichtete damals als Korrespondentin für die Berliner Zeitung aus Israel und Gaza. Aus aktuellem Anlass hat die Redaktion den Text, der am 15. Juni 2018 erschien, noch einmal online gestellt.
Die Sonne geht gerade unter in Gaza-Stadt, die Straßen werden endlich leerer, der Verkehr ruhiger, als das Trauerkommando der Hamas die Stadt noch einmal zum Leben erweckt. Junge Männer stehen fahnenschwenkend auf der Ladefläche eines klapprigen Lasters und rufen den Namen ihres jüngsten Märtyrers ins Megafon: Ahmed Abu Hussein, 25 Jahre alt, ist seinen Verletzungen erlegen.
„Wir haben einen Märtyrer! Märtyrer, Märtyrer!“, rufen die Männer vom Trauerkommando, während vor dem Haus der Familie in Windeseile blaue Planen an Eisenstangen befestigt und Zelte für die Trauernden errichtet werden. Innerhalb weniger Minuten setzt sich in den Gassen von Dschabalia eine Völkerwanderung in Gang. Männer in Jeans, schwarz verhüllte Frauen, Scharen von Kindern laufen an leeren Marktständen, einer UN-Lebensmittelausgabestelle und Häusern vorbei, die keine Fenster haben und keine Türen. Dschabalia ist das größte Flüchtlingslager in Gaza und eine Hochburg der Hamas. 100.000 Menschen leben hier auf einer Fläche von 1,4 Quadratkilometern. Von hier ging vor 31 Jahren die erste Intifada aus. Hier starben vor vier Jahren 15 Palästinenser bei einem israelischen Raketenangriff auf eine Schule. Hier war Ahmed Abu Hussein zu Hause.
Jedes Mal ein bisschen näher an den Streifen heran
Er arbeitete als Journalist für einen Jugendsender und fotografierte für eine kleine Agentur. In seinem Zimmer hängen Bilder seiner Idole an der Wand: Che Guevara, Fidel Castro, Mahmoud Darwish, Nationaldichter der Palästinenser, aber auch Ahmad Jarrar, ein 23-Jähriger, der am Mord an einem Rabbi beteiligt gewesen sein soll und vor zwei Monaten von israelischen Sicherheitskräften in der Nähe von Dschenin erschossen wurde. Daneben hängen Fotos von israelischen Städten: Tiberia, Acre, Heron, Jerusalem. Ahmed Abu Hussein war Mitglied der PFLP, einer linken palästinensischen Partei, die das Existenzrecht Israels leugnet.
An einem Freitag im April verließ er das letzte Mal seine Wohnung und fuhr zur Grenze von Gaza, wo sich seit fünf Wochen jeden Freitag Tausende Palästinenser zum „Marsch der Rückkehr“ versammeln und gegen die israelische Besatzung protestieren. Sie zünden Autoreifen an, lenken Drachen mit Brennstoff Richtung Israel und kommen jedes Mal ein bisschen näher an den Streifen heran, den das israelische Militär als „rote Linie“ bezeichnet. Jeder, der sich dieser Linie nähere, müsse damit rechnen, dass auf ihn geschossen wird, sagt der Chef der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, Gadi Eizenkot.
Wie weit Ahmed Abu Hussein von dieser Linie entfernt war, als ihn die Kugel eines Scharfschützen in den Bauch traf, ist schwer zu sagen. Er stand zwischen anderen Fotografen, sagt sein Bruder. Er trug eine Weste, auf der „Press“ stand, und einen Helm, auf ihn wurde direkt gezielt, sagt das palästinensische Komitee zum Schutz von Journalisten. Von Israel gibt es keine Stellungnahme. Ärzte in Gaza, Ramallah und Tel Aviv kämpften um sein Leben. An diesem Morgen starb er, seine Mutter bringt nun seine Leiche zurück nach Hause. Ein Märtyrer kommt heim.
Vier Tote und Hunderte Verletzte
Vor dem Haus warten die Männer, im Haus die Frauen. Hunderte müssen es inzwischen sein. Sie halten sich aneinander fest, sie weinen. In einem Raum liegt ein Junge auf dem Boden und krümmt sich. Niemand kann ihn beruhigen, nicht die Frauen, die sich über ihn beugen, nicht die Männer, die ihn anherrschen, sich zusammenzureißen.
Man möchte am liebsten gleich wieder raus aus diesem Haus, die Trauernden unter sich lassen, aber Journalisten sind hier ausdrücklich willkommen, wie Ehrengäste werden sie herumgeführt, damit sie mit eigenen Augen das Leid sehen, das Israel in Gaza anrichtet, und die Bilder in die Welt tragen. Auch das gehört zur Aufgabe des Trauerkommandos.
Seit elf Jahren regiert die radikalislamische Hamas in Gaza, sie haben Tunnel gebaut, Raketen abgeschossen, Messerattacken lanciert, jetzt warten sie mit Bussen vor Moscheen, bringen Einheimische in die Protestcamps und fordern sie auf, nicht auf die Warnungen Israels zu hören. Der „Marsch der Rückkehr“, als friedliche Demonstration gegen die Besatzung geplant, ist zum Todesmarsch geworden. 39 Menschen wurden von israelischen Soldaten getötet, Tausende verletzt. Am vergangenen Freitag kam einer der Hamas-Chefs persönlich vor Ort und rief die Demonstranten auf, die Grenze zu stürmen und keine Angst vor dem Tod zu haben, berichtet die New York Times. Daraufhin rannten Hunderte los, durchbrachen einen Metallzaun, warfen Molotowcocktails, einige hatten Waffen dabei. Es gab vier Tote und Hunderte Verletzte. Und neue Bilder für die Hamas.
Nichts in Ahmed Abu Husseins Leben ist so gut dokumentiert wie sein Sterben. Es gibt Fotos, wie er mit Schläuchen im OP liegt und Videos von seinem Transport über die Grenze, man sieht seine Mutter im Krankenhaus warten, eine müde Frau mit Kopftuch, die sagt, sie habe bis zum Schluss gehofft, Allah werde ihren Sohn retten. Auch jetzt hier am Haus sind Fotografen und Internetaktivisten vor Ort. Am nächsten Tag werden sie in der Moschee die Menschen filmen, die sich auf den aufgebahrten Körper werfen, und den Zug, der ihn von der Moschee zum Friedhof bringt.
Jetzt erst recht
Es ist ein zynisches Spiel um Leben und Tod, und man muss aufpassen, dass man nicht selbst Teil davon wird. Ohne zu zögern stellen Krankenhäuser Genehmigungen aus, Verletzte zu besuchen, werden private Krankenakten präsentiert, und ehe man es sich versieht, sitzt man in Wohnzimmern trauernder Eltern oder steht am Bett eines Mannes, der einen Knieschuss erlitt.
Das Bett ist leer, der Mann liegt im OP, ihm wird das Bein amputiert, es war nicht mehr zu retten. Freunde und Verwandte warten im Zimmer auf seine Rückkehr. Einer zeigt ein Handyfoto von der offenen Wunde des Mannes, ein anderer zieht einen Zettel aus einer Plastikfolie. Die Ablehnung der israelischen Verwaltung auf Verlegung in ein anderes Krankenhaus. Mit besserer medizinischer Ausstattung hätte man eine Amputation verhindern können, sagt ein Arzt. Ein Freund erzählt, er habe direkt daneben gestanden, als die Kugel traf. Nur aus Neugierde seien sie zu den Protesten gegangen, sie wollten zusehen, wie die Reifen brennen, selbst hätten sie nichts gemacht. Einer mit Basecap schreit, es sei das gottverdammte Recht eines Jeden, Steine zu werfen und Reifen anzuzünden. „Wir sind Kämpfer“, ruft er, „das ist unser Land, und wir wollen es zurück.“
Er fasst den anderen am Kragen der Jacke, zwei Männer ziehen ihn zurück. Dann geht die Tür auf, eine Gruppe von Ärzten und Pflegern bringt den frisch Operierten zurück. Ein dünner Mann mit schlechten Zähnen, der erst gar nicht zu wissen scheint, wo er ist, und als er es begreift, den Kopf hebt, mit der Hand nach dem fehlenden Bein tastet und sich dann, mit einem herzzerreißenden Schrei, zurückfallen lässt. Die Männer, die um sein Bett stehen, beruhigen ihn, sie haben Tränen in den Augen. Später auf dem Flur sagen sie, sie werden an die Grenze zurückkehren, jeden Freitag, jetzt erst recht.
Gemeinsam den Zaun einreißen
Überall hört man das in Gaza. Je mehr Tote und Verwundete es gibt, desto größer scheint die Bereitschaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Es ist 70 Jahre her, aber das Unrecht, das ihren Familien geschah, scheint gegenwärtiger denn je. Jeder nennt sich Flüchtling, jeder weiß noch, aus welchem Ort die Großeltern fliehen mussten, jeder behauptet, noch den Schlüssel zum Haus zu haben und jeder scheint von der Frage überrascht, was denn bei der Rückkehr mit den Menschen passieren soll, die heute dort wohnen. Manche lachen, andere reden sich in Rage oder zitieren den Koran, in dem stehe, Muslime würden Juden bis zum jüngsten Gericht bekämpfen, der Feind könne nie der Freund sein.
Es sind genau diese Aussagen, mit denen Israel sein brutales Vorgehen rechtfertigt. Aber das verstehen die wenigsten. Kaum jemand von ihnen hat Gaza jemals verlassen, kaum jemand ist jemals einem Juden begegnet. Jeder interessiert sich nur für das eigene Leid, und das ist groß: 60 Prozent Arbeitslosigkeit, zwei Stunden Strom am Tag, Wassermangel, Lebensmittel auf Zuteilung. Die Hamas hat ein leichtes Spiel. Am 15. Mai, dem Nakba-Tag, sollen Hunderttausende zur Grenze kommen, vielleicht sogar eine Million. Gemeinsam wollen sie auf die Grenze zulaufen, den Zaun einreißen und in ihr Land zurückkehren.
Die Vorbereitungen laufen. An diesem Tag, einem Mittwoch, werden wieder Busladungen von Frauen zum Protestcamp gebracht. Mädchen mit Kopftüchern, voll verschleierte Frauen und welche, die die palästinensische Flagge um den Körper gewickelt haben wie ein Kleid. Es ist ein wolkiger Tag, man sieht Zelte, Imbissstände, Kinder, die Drachen steigen lassen, und Busse. Viele Busse. Auf den ersten Blick könnte man denken, man sei irgendwo auf dem Land, wo die Vorbereitungen für ein großes Fest begonnen haben. Auf den zweiten sieht man, dass auf die Zelte die Namen der Orte geschrieben sind, aus denen die Familien fliehen mussten, dass die Zelte gerade umgesetzt werden, dichter an die Grenze heran. Man sieht Sandberge, einen Drahtzaun und dahinter, ein paar Hundert Meter entfernt, ragen die Spitzen schwarzer Zelte in die Luft. In den Zelten liegen die Scharfschützen.
Bilder von Toten und Verwundeten getwittert
Es ist ein gespenstisches Szenario, ein Schlachtfeld als Volksfest getarnt. Die Frauen bewegen sich sicher darin, laufen Richtung Grenze, fotografieren sich gegenseitig. Als sie merken, dass eine Reporterin vor Ort ist, kommen sie angelaufen, erzählen, dass sie heute in der Moschee über den Marsch gesprochen hätten und von nun an jeden Freitag herkommen wollen. Immer neue Frauen kommen dazu, eine ist Studentin. Sie spricht gut Englisch und sagt, jeden Freitag sei sie hier gewesen, um Bilder von Toten und Verwundeten zu twittern. Ein Mädchen ruft, ihr Cousin Ahmad sei auch ein Opfer. Sie zeigt auf Plakate mit den Fotos der Toten. Der vierte von links, das sei er, ihr Cousin. Sie lächelt, ihre Freundinnen lächeln auch, als habe der Cousin nur das Endspiel beim Fußballturnier verloren und nicht sein Leben. Spätestens in diesem Moment begreift man, wie hoffnungslos alles ist.
Ahmad war 18 Jahre alt. Er wurde am allerersten Tag der Proteste erschossen. Das israelische Militär sagt, er sei Kämpfer der Kassam-Brigaden gewesen, einer Untergrundorganisation der Hamas. Die Eltern sagen, er war ein ganz normaler Junge, ein IT-Student.
Zeichen des Dankes und der Anerkennung
An jenem Freitag seien sie zusammen an die Grenze gefahren, festlich angezogen, in der traditionellen Kleidung ihrer Heimatstadt Majdal, heute Ashkelon, sagt der Vater. Ihr Sohn sei vor den Mittagsgebeten gefahren, sie danach. Als sie zur Grenze kamen, mit Snacks und Getränken, rief ihr ältester Sohn: Ahmad ist verletzt.
Er starb noch am selben Tag. Ein Schock, sagt die Mutter, nie habe sie damit gerechnet, dass geschossen werde. Ahmad habe das Leben geliebt, sagt der Vater. Er arbeitet als Hausmeister an einer UN-Schule, er verdient besser als viele andere in Gaza. Vor kurzem ist die Familie in eine neue Wohnung gezogen mit gefliestem Fußboden, bunten Polstermöbeln und weichen Teppichen.
Sie wollten hier ein neues Leben anfangen, aber überall in der Wohnung hängen nun die Bilder des toten Jungen, im Treppenhaus, im Flur, in der Küche, im Wohnzimmer, Ahmads lachendes Gesicht zwischen Symbolen des Freiheitskampfes: die goldene Kuppel des Felsendoms, ein Kämpfer mit einem Maschinengewehr im Anschlag. Und ganz oben rechts das Zeichen der Kassam-Brigaden. Die Männer vom Trauerkommando haben die Bilder gebracht. Als Zeichen des Dankes und der Anerkennung.
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