Geboren im Kalten Krieg, belebt von Einwanderern, friedlich vereint - sechzig Jahre nach ihrer Gründung ist die Bundesrepublik ein modernes Land

Glücklich globalisiert

Arno Widmann
9 Min

FRANKFURT AM MAIN. 1979, dreißig Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, kam ich nach Berlin. In den Wedding. Der Besucher aus Westdeutschland war entsetzt und fasziniert. Hier sahen die Häuserfronten so aus, wie sie in der Endphase des Krieges ausgesehen haben mussten. Der Putz war in riesigen Placken oder ganz abgebröckelt, mancher Balkon abgestürzt. Zahllose Einschusslöcher machten einem klar, was das Wort Straßenkampf bedeutete. Der Krieg war so wenig vorbei, dass man auf den Gedanken kommen konnte, man sei in eine seiner Feuerpausen geraten.In westdeutschen Städten dagegen waren 1979 die Spuren des Krieges beseitigt. Nirgends bröckelte der Putz. Die Balkone waren abgeschlagen, die Häuserfronten begradigt oder eingerissen und durch Neubauten ersetzt worden. Es gab keine Brachlandschaften mehr, in denen Kaninchen sich fröhlich vermehrten. Dem Besucher aus Westdeutschland kam West-Berlin schon so heruntergewirtschaftet vor, dass Ost-Berlin ihn nicht mehr schrecken konnte. Es sei denn, er sah die Stadt im Winter. Die Koks- und Brikettberge vor den Kellerfenstern. Die miserable Straßenbeleuchtung. Es war die Stimmung aus "Der dritte Mann". Es war der Geruch des Kalten Krieges.In Berlin bekam man das Gefühl, Westdeutschland sei Disneyland, eine Scheinwelt, die einem Fantasia als Realität vorspiegele. Berlin dagegen öffne einem die Augen für die harte Realität, dafür dass der Krieg zwar vorbei sei, aber hinter jeder Ecke wieder begonnen werden könne. Während in Westdeutschland die Vorgärten mit der Nagelschere gestutzt, die Jahreswagen gewaschen wurden, um den Duft der großen weiten Welt einzuatmen, war Berlin nicht nur geschunden, sondern auch arm. Die Rentner in West und Ost legten im Winter dicke Wollstricke vor ihre Türen und Fenster, um Heizkosten zu sparen. Sie schliefen darum auch in ihren Kleidern.Wer nach Berlin kam, der erlebte Deutschland. Die Mauer, die Teilung, ja. Aber auch eine Armut, die er nur aus Geschichtsbüchern kannte. Oder aus anderen Ländern. Nicht aber aus der Bundesrepublik. Er erlebte dort auch eine Stimmung, die es im Westen nicht mehr gab. Alles war durchideologisiert. Frontstadt. Man bekam eine Ahnung, was in der Weimarer Republik los gewesen war. Die radikale Linke liebäugelte nach wie vor mit dem bewaffneten Kampf. Dito die Rechte. Es dauerte noch eine Weile, bis die Idee der Zivilgesellschaft, zu deren begeisterten Propagandisten viele ehemalige Vertreter der westdeutschen Linken geworden waren, auch in Berlin Fuß fasste. In Wahrheit geschah das erst nach der Wiedervereinigung.Die ist im Westen bis heute nicht angekommen. Die Länder der ehemaligen DDR einfach der Bundesrepublik beitreten zu lassen, beschleunigte die Angelegenheit zwar, aber sie verlieh dem Überlegenheitsgefühl der Westdeutschen so etwas wie verfassungsrechtlichen Rang. Ein zentraler Fehler. Die Teilung Deutschlands, die so gerade möglichst schnell und reibungslos beendet werden sollte, wird dadurch zementiert. Demokratie und Gleichberechtigung sollte der Westen bringen. Aber davon kann, wenn einer alles hat und weiß und kann und dem anderen nichts übrig bleibt, als dem einen alles abzugucken und nachzumachen, nicht die Rede sein.Dabei war die Ausgangslage so schlecht nicht. In Westdeutschland war mindestens eine Generation mit DDR-Literatur aufgewachsen. Die Romane und Erzählungen Christa Wolfs hatten die Weltsicht von Hunderttausenden im Westen geprägt. Heiner Müllers lustvoller Blick auf die blutige deutsche Geschichte, sein zur Schau gestellter Zynismus hatte viele - vor allem männliche - Intellektuelle im Westen fasziniert. Es gab kaum eine Wohngemeinschaft, in der nicht Wolf Biermanns bittersüße, rattenscharfe Lieder zu hören waren. Die Erfahrungen der DDR waren auch durch Walter Kempowski und Reiner Kunze eingegangen in die westlichen Vorstellungen vom Leben und vom richtigen Leben. Der auch wirtschaftliche Erfolg von Uwe Tellkamps monumentalem Roman "Der Turm" zeigt, dass das Lesepublikum des wiedervereinigten Deutschland - ganz anders als die Medien und die politische Öffentlichkeit - die DDR doch als Teil der eigenen Geschichte begreift.Sechzig Jahre ist es her, dass die beiden deutschen Staaten sich gründeten. Auf den Bestsellerlisten stehen friedlich nebeneinander Charlotte Roches "Feuchtgebiete" und Uwe Tellkamps "Der Turm". Schöneres lässt sich kaum sagen über dieses Land. Deutschland kann beides: schwer und frivol. Das ist mehr, als irgendjemand uns 1949 hätte voraussagen können.Die Deutschen sind andere geworden. Sie stampfen nicht mehr mit den Füßen auf und fordern einen Sonderweg für sich. Nachdem sie ein paar Jahrzehnte lang ihren Siegermächten beflissen alles möglichst getreu nachgemacht haben, können sie feststellen, dass das der beste Weg war, um ins Eigene zu kommen. Es gibt in Deutschland noch immer keine Ghettos, wie wir sie etwa aus den amerikanischen Städten kennen. Es spricht einiges dafür, dass es uns gelingen wird - ein wenig haben wir das der Krise zu verdanken - auch in Zukunft zu verhindern, dass Millionen in unausweichlicher Armut versacken.Die Bundesrepublik, das wird oft gesagt, sei der beste Staat, den es jemals auf deutschem Boden gegeben hat. Wer viel im Ausland gelebt hat, wird hinzufügen, dass es nur wenige Länder gibt, in denen sich ähnlich kommod leben lässt wie hier. Auch damit war nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges nicht zu rechnen. Die Bundesrepublik hat profitiert vom Kalten Krieg. Ohne ihn wäre der Morgenthau-Plan, die Verwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat, wohl mindestens eine Generation lang Realität geworden. Der Aufstieg der BRD ist deshalb ohne die DDR nicht zu denken.Und nicht ohne die Gastarbeiter. 1949 gab es sechs bis zwölf Millionen displaced persons in Deutschland. Das waren Zwangsarbeiter, Nazis aus Nachbarstaaten, Juden . Die deutschen Behörden versuchten, sie in ihre Heimatländer oder aber nach Großbritannien, Kanada und in die USA abzuschieben. Mit der Gründung der BRD erhielten sie den Rechtsstatus "Heimatlose Ausländer". Viele von ihnen haben niemals die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen. Das Deutschland von 1945 war bevölkerungspolitisch die Erfüllung von Hitlers Traum. Der Ahnenpass der Nazis hatte gesiegt. Wer keinen hatte, war geflohen oder vergast worden. Die von Hitler definierten Deutschen waren unter sich. Und das - waren sie fest entschlossen - wollten sie bleiben.Selbst den Millionen Deutschen, die als Flüchtlinge kamen, wurde mit Misstrauen begegnet. Als dann die Wirtschaft Arbeitskräfte brauchte, wurden sie Gastarbeiter genannt, um klar zu machen, dass sie nach getaner Arbeit wieder verschwinden sollten. 1964 wurde in der Bundesrepublik der einmillionste Gastarbeiter, ein Portugiese, begrüßt. Er bekam ein Moped.Die Bundesrepublik hat sich seitdem radikal verändert. 1966 war ich das erste Mal in New York. Es war ein überwältigendes Erlebnis. Das lag nicht an den Wolkenkratzern. Das lag an den Menschen. Ich war aufgewachsen in dem Traum, dass die Menschheit eins sei, dass sie nicht dazu verdammt sei, einander ständig niedermetzeln zu müssen, sondern dass sie sich als Family of Man konstituieren könne. Das war ein Traum, dem nichts in der Realität entsprach.Über Jahre hatte ich nur einen einzigen Ausländer gesehen: den italienischen Besitzer des Gemüseladens in unserer Nachbarschaft. Dann gab es ein paar GIs im Straßenbild meiner Heimatstadt Frankfurt. Samstags am Bahnhof sah ich meist junge Männer herumstehen. Auch das waren Ausländer.Aber jetzt in New York sah ich an einem ganz gewöhnlichen Werktag in den Einkaufsstraßen: rothaarige Iren, Schwarze in allen Hauttönen, Mexikaner, Filipinos, Chinesen, Rundköpfe und Spitzköpfe, lange, kurze und keine Haare, Dicke und Dünne, alle Schönheiten und alle Hässlichen. Es war wunderbar. Sie liefen nebeneinander her, aufeinander zu, wichen einander aus. Aber nicht die Gruppen, sondern die Einzelnen. Die sich unterhaltenden Gruppen waren gemischt. Nicht wie am Bahnhof in Frankfurt, wo die Ausländer am Eingang klumpten, während die Deutschen an ihnen vorbeihasteten.Heute müssen die Deutschen nicht mehr nach London, Paris oder New York, um sich als Teil der einen, großen, bunten Menschheit zu sehen. Sie können das auf der Zeil in Frankfurt am Main, auf der Sonnenallee in Berlin oder auch auf dem Alten Markt im westfälischen Unna.Nichts - nicht einmal das Ende des Kalten Krieges, nicht einmal der Beitritt der ehemaligen DDR - hat die Bundesrepublik so radikal verändert wie die zig Millionen Menschen aus aller Welt, die in den letzten vierzig Jahren hierhergekommen und hier geblieben sind. Trotz Hunderter solcher Anschläge wie in Hoyerswerda, Mölln und Solingen.Die Bundesrepublik ist auch dank der hier lebenden Ausländer ein moderner Staat geworden. Sie haben ihr nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch auf die Beine geholfen. Wer sich an die Bilder erinnert, die Kanzler Adenauer und Kardinal Frings zusammen zeigten, dem wird die atemraubende Enge jener Jahre wieder bewusst.Eine solche Nähe von Kirche und Staat - der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat in seinem Schulterschluss mit Kardinal Lehmann die Erinnerung daran gerade erst wieder aufflackern lassen - ist heute nicht mehr durchsetzbar. Der Staat braucht nicht nur die evangelischen und katholischen Bischöfe. Er braucht auch die Islamkonferenz, und bald wird er eine vergleichbare buddhistische Einrichtung konsultieren.Wir sind globalisiert. Wir sind glücklich globalisiert. Auch wenn wir gerne - ein Überrest unserer romantischen Geschichte - Klagelieder anstimmen.Vor dreißig Jahren in Berlin angekommen, hielt ich es damals für ausgeschlossen, dass es noch einmal dreißig Jahre Frieden geben könnte. Inzwischen habe ich keine Katastrophenfantasien mehr. Selbst die Wirtschaftskrise, die uns vor dreißig Jahren so wunderbar in den Kram gepasst hätte, erscheint mir heute irreal. Selbst wenn das Bruttosozialprodukt um zehn Prozent sänke, befänden wir uns doch noch immer mitten im Reichtum der Achtzigerjahre.Die Bundesrepublik hat uns verwöhnt. Sie lässt uns die Gläser halb voll sehen. Die Unkenrufer sind ein Geschäftszweig. Sie befriedigen eine Nachfrage. Aber sie prägen nicht mehr unsere Mentalität.Das liegt auch daran, dass hier Millionen Menschen leben, die hier nicht geboren wurden, sondern die hier leben, weil sie hier leben wollen. Weil sie hier eine Zukunft sehen für sich und ihre Kinder. Deutschland hat eine Geschichte. Es ist gut, sie nicht zu vergessen. Aber wir Kritiker der Vergangenheit müssen auch lernen: Deutschland hat eine Zukunft.------------------------------In Berlin bekam man das Gefühl, Westdeutschland sei Disneyland, eine Scheinwelt, die einem Fantasia als Realität vorspiegele.------------------------------Die Bundesrepublik hat uns verwöhnt. Sie lässt uns die Gläser halb voll sehen. Die Unkenrufer prägen nicht mehr unsere Mentalität.------------------------------Foto: Und es war Sommer: zwei Türken am 5. September 1984 an der Mauer in Berlin-Kreuzberg.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner