Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Felicidades, Raúl Castro. Am 3. Juni sind Sie 95 Jahre alt geworden und noch immer der eigentliche Chef dieser kleinen Karibikinsel, deren Schicksal seit Monaten die ganze Welt in Atem hält. Welches Geburtstagsgeschenk sich die Regierung der Vereinigten Staaten wohl ausgedacht hat? Einen kleinen Ausflug nach Florida vielleicht? Aber ich will nicht zynisch werden, unsere deutsch-kubanische Familie hat Ihnen immerhin einiges zu verdanken.
Sie waren derjenige, der den Kubanern ihre Reisefreiheit zurückgab, die ihnen Ihr großer Bruder nach der gelungenen Revolution von 1959 entzogen hatte. Aber Sie fanden seinerzeit aus einer Position der momentanen Stärke heraus, dass Weltanschauung von Welt anschauen kommt, und genehmigten fast jedem – ausgenommen Ärzte, Militärs und anderem für die Fortexistenz der Insel wichtigen Personal – die begehrten blauen Pässe.
Das war am 16. Oktober 2012. Und Kuba schien damals auf einem gutem Weg zu sein. Auch Ihre Wirtschaftsreformen griffen. Scheinbar. Wie Millionen Kubaner jubelten auch wir. Wir würden nicht mehr auf die biologische Uhr warten müssen, also dass Sie und Ihr Bruder das Zeitliche segnen mussten, damit sich etwas verändert. Es gab Bewegung. Was innerhalb der Revolution als möglich angesehen wurde, war plötzlich weit und groß und geradezu visionär.
Das Zeitalter des Narzissmus: Wie aus einer Diagnose ein Massenphänomen wurde
Schikanen über Schikanen
Keine behördliche Sondergenehmigung, keine offizielle Einladung mehr, um das Land verlassen zu dürfen. Auch nicht für Minderjährige. Und auch wir sahen zuerst nicht den Fallstrick, dass zur Ausreise auch eine genehmigte Einreise gehört. Wann sollte die Lockerung in Kraft treten? Zum 14. Januar 2013 stand im Gesetzblatt.
Ausreichend Zeit, ein Visum für unseren auf Kuba zurückgebliebenen, damals siebenjährigen Sohn zu beantragen. Was wir nie gedacht hätten: All jene europäischen Regierungen, die gerade noch von den in Havanna regierenden Kommunisten lautstark Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und eben Reisefreiheit eingefordert hatten, zeigten nun ihr wahres Gesicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CDU allen voran.
Keine Willkommensschilder für Zehntausende kubanische Reiselustige, auch wenn die sie Einladenden sich in Erklärungen bei den Ausländerbehörden verpflichteten, alle eventuell entstehenden Kosten bis zur zwangsweisen Rückführung zu übernehmen und sogar Sicherheitsleistungen in vierstelliger Höhe zu hinterlegen.
Ganz zu schweigen von dem, was die Behörden in Deutschland und dann noch einmal die Botschaft sonst zur Einsichtnahme forderten: Mietvertrag, Arbeitsvertrag, Spareinlagennachweis ... Schikanen über Schikanen. Deutsche wie Kubaner hatten sich nackt zu machen, wohlgemerkt vor den deutschen, nicht den kubanischen Behörden. Letzteren war plötzlich alles einerlei.
Raúl Castro zu Besuch bei Leonid Breschnew im Jahr 1979
© Vladimir Musaelyan, Eduard Pesov/Imago
Keine Ahnung, wie unser Sohn das geschafft hat
Ja. lieber Raúl Castro, Sie haben den deutschen Beamtenschimmel kräftig zum Wiehern gebracht. Und mancher Rechtsanwalt dürfte sich eine goldene Nase verdient haben. Und manche auseinandergerissene Familie dürfte schier verzweifelt sein in Folge von Entscheidungen, die selten nachvollziehbar waren. Wir hatten damals Glück, haben der Bürokratie nach den ersten Ablehnungen die Sporen gegeben. Als gelernter DDR-Bürger wusste man Vitamin B einzusetzen.
Letztlich durfte unser Sohn in den großen Sommerferien ins gelobte Land. Und da er brav wieder zurück in die Zukunft flog, durfte er wieder und wieder kommen, am Ende sogar mit einem Multivisum. Und als wir den Halbstarken dann ganz zu uns holen wollten, bereits alle behördlichen Zustimmungen hatten, saß er plötzlich in einer ganz anderen Maschine.
Keine Ahnung, wie er es geschafft hat, aber als Minderjähriger passierte er auch ohne elterliche Einwilligung die kubanische Ausreisekontrolle, die wohl von den zahlreichen Schengen-Visa im Pass etwas geblendet war, flog nach Nicaragua und zog durch mehrere Länder bis ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nicht in Deutschland schaffte er letztlich die Hochschulreife, sondern auf einem College in Texas.
Doch zuvor jubelten wir noch einmal über einen Coup: Als US-Präsident Barack Obama und Sie am 17. Dezember 2014 erklärten, einen Prozess zur Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten eingeleitet zu haben. Plötzlich schien die Eiszeit zu Ende und der Traum von einem wirklichen (sozialistischen) Inselparadies in greifbare Nähe gerückt zu sein.
Mit einem „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ hätte das der kurz nach dieser Aussage auf dem Müllhaufen gelandete DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker wohl kommentiert. Aber leider gibt es zu oft Rückwärtsrollen, wie bald US-Präsident Donald Trump beweisen sollte. Statt Annährung neue Konfrontation. Und es macht durchaus Sinn, noch einmal nachzulesen, was Obama damals zur Zukunft Kubas schrieb, insbesondere über die Zerrissenheit zwischen den auf der Insel Lebenden und jenen im Exil.
Geburtshaus von Fidel und Raúl Castro in Holguín
© Kako Escalona/Imago
Ein Pragmatiker – im Gegensatz zum großen Bruder
Ja, lieber Towarisch Raúl, so ist das. Ich bin Ihnen übrigens mal ganz nahegekommen. Das war bei der großen Abschiedszeremonie für Ihren Bruder in Santiago de Cuba auf dem nach Antonio Maceo benannten Platz der Revolution. Ich hatte mich durch die versammelten Masse bis zur endgültigen Absperrung durchgedrängelt und sah Sie durch die Linse meines 200er Objektivs klein und traurig neben dem massig wirkenden venezolanischen Revolutionsführer sitzen. Näher sind wir uns nie gekommen.
Was wird aus Ihnen, Raúl Castro? Werden Sie in Frieden sterben dürfen? Werden Sie einmal ein Staatsbegräbnis erhalten wie Ihr großer Bruder? Welche Wahrheiten über Sie werden einmal ans Tageslicht kommen?
Sie werden nicht nur beschuldigt, die Verantwortung für den Abschuss von zwei Zivilflugzeugen einer exilkubanischen Organisation über internationalen Gewässern mit vier Toten zu tragen, sondern haben auch die standrechtliche Erschießung von mindestens 70 Personen durch Ihre Rebellen in Santiago de Cuba im Januar 1959 angeordnet, über die sogar die Zeitungen jener Tage berichteten. Sicher, jede Revolution hat ihren Dreck. Und als Präsident haben Sie so manches versucht, wieder zurechtzurücken. Da waren Sie im Gegensatz zu Fidel ein Pragmatiker.
Ich war zweimal an jenem Monolithen, der auf dem Heldenhain in Mayari Arriba Ihren Namen und den Ihrer bereits verstorbenen Ehefrau trägt. Aus deutscher Sicht kam es mir etwas merkwürdig vor, dass der Name eines noch Lebenden bereits auf einem Grabstein steht. Übrigens hat sich jene Frau, die mich damals führte und mir von Ihren Heldentaten und denen jener, die aus ihrer Verwandtschaft einst an Ihrer Seite kämpfen, erzählte, inzwischen mit Kind und Kegel in die USA abgesetzt. Sie hat für sich und ihre Familie auf Kuba keine Zukunft mehr gesehen. So wie gut eine Million Kubaner insgesamt. Damit haben Sie Trump ganz schön verärgert.
Eine Abstimmung mit den Füßen, die Sie letztlich 2012 mit Ihrem Dekret ermöglichten. Aber, dass die Flucht diese Größenordnung annimmt, hätten Sie nie gedacht, stimmts? Verzweifeln Sie manchmal an der kubanischen Regierung, an der Führung, an ihrem Nachfolger, an den alltäglichen Schlampereien und dem Desinteresse in den kubanischen Betrieben? Spielen Sie manchmal durch, wie es wäre, wenn das ganze Land nach ihrer Pfeife tanzen würde, wenn alles so hervorragend gemanagt wäre, wie in jenem gewaltigen, während der „Sonderperiode in Friedenszeiten“ 1990 von Ihnen gegründeten Wirtschaftskomplex mit dem unscheinbaren Namen Unternehmensgruppe der Verwaltung (GAE), den Sie als Armeegeneral noch immer führen und der richtig Devisen erwirtschaftet?
Warum man beim „Tatort“ und anderen Produktionen im TV kaum etwas versteht
„Wir waren die Undermodels“: Von stetem Hunger, Knebelverträgen und mächtigen Männern
Videos und Fotos als Würdigung
Raúl Castro sei „der feste Patriot, der uns lehrt, die Revolution zu verteidigen, mit Zärtlichkeit und mit Gewehr, mit Studium und mit Intelligenz“, heißt es in einer Resolution des kommunistischen Jugendverbandes. Der hat nun nicht nur seine Mitglieder, sondern die Kubaner insgesamt aufgerufen, kurze Videos aufzunehmen oder Fotos hochzuladen, in denen sie erzählen sollen, „welche Bedeutung Raúl“ in ihrem täglichen Leben hat. Als Würdigung und Geburtstagsgeschenk zu Ihrem 95.
Damit konfrontiert hat uns unser großer Sohn ein Foto geschickt. Es zeigt drei junge Männer, breitbeinig in Arbeitsklamotten in eine ferne Zukunft blickend. Drei Wahl-Texaner mit ungewissem Aufenthaltsstatus, die noch immer von ihrer Heimat träumen und ihre Flucht in keiner Sekunde bedauern. Werden sie einmal auf die Insel zurückkehren? Sie sagen nein, ich denke ja. In diesem Sinne: Patria y vida.
Peter Chemnitz, Jahrgang 1962, reist seit 2000 nach Kuba, ist seit 2007 mit einer Kubanerin aus dem Oriente verheiratet. Er lebt mit seiner Familie in Dresden.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Ostdeutschen Allgemeinen bzw. Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]