Gedenkstätte will mit Berlinern Biographien der Opfer erforschen

Den Maueropfern ein Gesicht geben - nicht nur am 9. November

Thomas Rogalla
4 Min

Wer war Ernst Mundt, der am 4. September 1962 von einem DDR-Grenzer bei der Flucht über die Mauer an der Bernauer Straße tödlich getroffen wurde? Was trieb die damals 18-jährige Marinetta Jirkowsky dazu, am 21. November 1980 bei Hohen Neuendorf über die Mauer zu klettern? Schüsse aus einer MP setzten ihrem Leben ein Ende. Warum starb 1975 im Sperrgebiet bei Sacrow der 21-jährige Lothar Hennig?Viele Schicksale der Mauertoten sind noch ungeklärt. Die Zentrale Gedenkstätte und die Versöhnungsgemeinde in der Bernauer Straße wollen nun auf neue Weise der Maueropfer gedenken, sie aus der Anonymität holen und ihnen auch außerhalb offizieller Gedenktage Namen und Gesicht geben. Denn üblicherweise wird nur zwei Mal im Jahr, am 13. August und am 9. November, des Mauerbaus und der Opfer des DDR-Regimes gedacht.Namen aus dem TotenbuchDas neue Gedenkritual soll immer werktags dienstags bis freitags um 12 Uhr in der Versöhnungskapelle auf dem Mauerstreifen an der Bernauer Straße stattfinden: Dann wird im Rahmen der kurzen mittäglichen Andacht ein Lektor jeweils eines der bereits bekannten Mauerschicksale aus dem in der Kapelle aufbewahrten "Totenbuch" vortragen. 244 Namen von Maueropfern sind in einer Datenbank enthalten, ihr Leben ist jedoch oft nur in Grundzügen bekannt. Zwei Mitarbeiter der Gedenkstätte und Potsdamer Historiker arbeiten an der weiteren Aufklärung einzelner Biografien.In einer mehrmonatigen Probephase nahmen die Funktion des Lektors Mitarbeiter der nahen Lazarus-Gemeinde, der Gedenkstätte, der Evangelischen Kirchenleitung und des Bürgerbüros wahr. Die Initiatoren des neuen Gedenkrituals wünschen sich, dass dieser Kreis durch interessierte Berliner erweitert wird. "Wir rufen alle Interessierten dazu auf, sich für dieses Projekt zu engagieren und mitzuhelfen, dass die Toten der Mauer nicht vergessen werden", sagt Manfred Fischer, Pfarrer der Versöhnungsgemeinde. Auf ihn geht die Idee zurück, angeregt auch von Andreas Nachama, Direktor der Topographie des Terrors. Fischer und die Projektleiterin der Mauer-Gedenkstätte, Maria Nooke, würden sich insbesondere über die Beteiligung von Schülern oder Schulklassen freuen - viele der Maueropfer waren Jugendliche.Das bewusst stille, mit Gebet und Fürbitte umrahmte Gedenkritual in der Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße ist damit unausgesprochen der Gegenentwurf zu der spektakulären, mittlerweile abgerissenen Mauerkreuzinstallation am Checkpoint Charlie. "Wir wollen die Getöteten würdigen, aber eine Heroisierung ist nicht unser Ziel," betont Nooke. Dass der christliche Rahmen des Gedenkens nichtgläubige Berliner oder etwa muslimische Schüler von einer Mitarbeit abhalten könnte, glaubt Pfarrer Fischer eher nicht: "Wir sind für alle offen, die sich ernsthaft für das Gedenken an die Mauertoten engagieren wollen."Am kommenden Mittwoch, dem 16. Jahrestag des Mauerfalls, werden unter anderem Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und die Stasiakten-Beauftragte Marianne Birthler in der Zentralen Gedenkstätte Bernauer Straße der Mauertoten gedenken. Ein Dokumentarfilm zeigt abends den berühmten Sprung des Volkspolizisten Conrad Schumann, der am 15. August 1961, die Kalaschnikow wegwerfend, über den Stacheldraht in die Freiheit rannte. Erinnert wird auch an spätere Fluchtversuche, die hunderte Flüchtlinge mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit bezahlten.------------------------------Auftakt mit PosaunenrufZur Mauergedenkstätte gehört ein 60 Meter langes Stück des Original-Todesstreifens und das Dokumentationszentrum Berliner Mauer. Die Versöhnungskapelle daneben erinnert an die Versöhnungskirche. Der Senat will eine Gedenklandschaft errichten.Die Feierlichkeiten am 9. November beginnen um 10 Uhr mit einem Posaunenruf. Um 12.30 Uhr gibt es eine öffentliche Führung, um 19.30 Uhr zeigt ein Film im Dokumentationszentrum, wie die SED tausende Anwohner aus der Bernauer Straße vertreiben ließ.Für eine Beteiligung an dem täglichen Totengedenken wenden sich Interessierte an die Gedenkstätte, Bernauer Straße 111 in Mitte (Tel.: 464 10 30) oder die Versöhnungsgemeinde (Tel. 463 60 34). Internet: www.berliner-mauer-dokumentationszentrum.de------------------------------Foto: Skulpturen vor der Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße

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