Tore waren schon immer das Salz in der Fußballsuppe. Je mehr, desto besser. Die gute Nachricht für alle Anhänger der deutschen Eliteliga: In dieser Saison fallen noch mehr als in den zurückliegenden Spieljahren. Und schon da war die Tendenz steigend. Gut möglich, dass am Ende dieser Spielzeit, der 64. der Bundesliga, mal wieder die 1000-Tore-Marke fällt.
Das wäre insofern bemerkenswert, weil die gesamte Offensive in Deutschlands höchster Spielklasse diesem Wert schon ewig hinterherrennt, 41 Jahre nämlich. Das letzte Mal, als sie geknackt wurde, gewann wie selbstverständlich der FC Bayern München die Meisterschale, der Torschützenkönig aber kam vom 1. FC Köln und hieß Klaus Allofs. Seitdem wird an dieser Marke nur gekratzt. Am dichtesten dran waren die Angreifer im vorigen Jahr. Am Ende fehlten ganze zehn Treffer.
Bundesliga: An fünf Spieltagen mehr als 30 Tore
Diesmal sieht es ganz gut aus. Besser als in der Knapp-daneben-Saison und viel besser als in den vielen Jahren davor. An den ersten fünf Spieltagen lag die Ausbeute stets über 30 Treffern: 35, 36, 33, 33, 35. Würde sich die Trefferzahl auch nur annähernd auf diesem exorbitant hohen Niveau stabilisieren, wäre die Schallmauer bereits am 30. Spieltag erreicht. Die Angreifer würden frohlocken, die Abwehrspieler womöglich Frust schieben und die Schlussleute die Welt nicht mehr verstehen.
Nur ist selbst eine hohe Trefferquote nicht immer ein Zeichen für Qualität. Für Unterhaltung dafür umso mehr. Vor Jahren, als die Bälle noch nicht so flatterten und das Tempo längst nicht so wahnsinnig hoch war wie heute, blickten alle gespannt nach Luxemburg. In der dortigen Liga wurden in Europa pro Spiel die meisten Tore erzielt. Über die seinerzeit limitierten Erfolge des Fußballs im Großherzogtum aber hüllten viele den Mantel des Schweigens.
Luxemburg gewinnt keins von 78 Länderspielen
Von März 1980 bis Februar 1995 gelang in 78 Länderspielen – darunter gegen die DDR in Esch ein 0:5 und in Babelsberg ein 1:3, dem 100. und letzten Länderspiel von Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner – kein Sieg. Und die fünf Unentschieden waren zweimal ein 0:0 und dreimal ein 1:1. Von Torflut wie in der heimischen Liga konnte nicht im Entferntesten die Rede sein. Insgesamt gelangen in diesen 15 Jahren ganze 26 Treffer. Sie ergeben im Schnitt exakt in jedem dritten Spiel ein Tor. Bis der Knoten im Ta’Qali-Stadion auf Malta, auswärts sogar, endlich platzte, als dieser fast schon obligatorische Quotentreffer zu einem 1:0 reichte.
Nur wer bösartig ist, wird die zuletzt sinkende Qualität des deutschen Fußballs bei großen Turnieren mit der momentanen Torflut hierzulande in Verbindung bringen wollen. Da trennen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) von der Fédération Luxembourgeoise de Football doch Welten. In der Rangliste des Weltverbandes Fifa – hier Rang 13, dort 101 – derzeit 88 Plätze. Im Umkehrschluss könnte das nämlich auch heißen, dass der 1. FC Union Berlin zu den besten Teams im Land des viermaligen Welt- und dreimaligen Europameisters gehört. Denn mit Toren auf der Habenseite haben es die Köpenicker nicht so.
1. FC Union Berlin mit eigenem Negativrekord
In den vergangenen drei Jahren ist eher das Gegenteil der Fall. Seit dem Erreichen der europäischen Königsklasse 2023 dümpeln die Rot-Weißen mit ihrer Torausbeute im unteren Mittelfeld herum oder darunter. Auch in ihrem achten Jahr in der Bundesliga lief zumindest die Auftaktphase kaum besser.
Dass die Männer aus dem Berliner Südosten dafür auf der Minusseite klotzten – 17 Gegentore aus den ersten vier Runden hatte es in der Bundesliga bis hierhin nicht gegeben –, ließ manche am neuen Weg, den der neue Trainer Mauro Lustrinelli dem Team vorgegeben hatte, zweifeln. Der Kurs ging kurzzeitig gen Schießbude. Als Verdienst an der hohen Trefferausbeute der Liga insgesamt hin zum Knacken der 1000-Tore-Marke werteten das nur diejenigen, denen der 1. FC Union Berlin schnuppe ist. Die anderen machte es verlegen, wenn nicht ratlos.
Mauro Lustrinelli hat Union stabilisiert
Nach der Länderspielpause allerdings haben sich die Eisernen in der Bundesliga anders gezeigt. Erst einmal vor allem in Heimspielen. Ihre Defensive wirkte wie verwandelt: kompakt, engmaschig, zugreifend, größtenteils im Verbund agierend. Mancher erkannte ein Zurück zu alten Tugenden, was nicht immer verkehrt sein muss. Jedenfalls stand im Stadion An der Alten Försterei zweimal innerhalb von acht Tagen hinten die Null. Erst beim 1:0 gegen Elversberg, dann beim 0:0 gegen Dortmund. Das ist insofern bemerkenswert, weil das die absolute Ausnahme ist.
Dass die Männer um Kapitän Christopher Trimmel in zwei Heimspielen in Folge hinten dicht hielten, passierte davor im Januar/Februar 2024, als der Trainer Nenad Bjelica hieß, Robin Knoche und Kevin Vogt die Haudegen in der Abwehr waren und Tim Skarke leihweise bei einem der Gegner spielte. Erst hieß es 1:0 gegen Darmstadt (mit Skarke) dank eines Tores von Benedict Hollerbach, zwei Wochen später 1:0 gegen Wolfsburg dank eines Kopfballtreffers von Danilho Doekhi. Was bleibt, ist Erinnerung.
Eins von wenigen torlosen Unentschieden in der Bundesliga gab es in dieser Saison zwischen dem 1. FC Union Berlin und Borussia Dortmund im Stadion An der Alten Försterei zu sehen.
© Matthias Koch/Imago
Auf der Jagd nach einem neuen Liga-Torrekord erweisen sich Nullnummern allerdings als Hemmschuh. Trotzdem haben sie ihren Wert. Vor allem für ein Team wie den 1. FC Union, das um Stabilität ringt und einem vermeintlich überlegenen Gegner – der BVB war nach vier Siegen und einem Remis als Tabellenzweiter ins Stadion An der Alten Försterei gekommen und hatte bis dahin in jedem der fünf Punktspiele getroffen – auf seine Art Paroli bieten möchte.
Während manche torlosen Spiele auf den Rängen zumeist nur Gähnen hervorrufen, war das zuletzt in Köpenick ganz anders. „Es war ein schönes 0:0“, sagte Lustrinelli, „die Zuschauer zeigten dabei Emotion, weil sie zu schätzen wussten, was wir geboten haben.“ Mancher fühlte sich gar an ein anderes Spiel ohne Treffer erinnert, das als ein „goldenes 0:0“ in den Vereinsannalen auftaucht: das in der Aufstiegsrelegation 2019 gegen den VfB Stuttgart.
Nur noch wenige torlose Spiele in der Bundesliga
Wie selten derweil eine Nullnummer in der Bundesliga geworden ist, zeigen die Resultate vor dem Remis des Lustrinelli-Teams gegen den BVB. Nur bei Mainz gegen Paderborn, Schalke gegen Bayern und im Aufsteiger-Duell der Königsblauen gegen Elversberg bewahrten beide Torhüter ihre weiße Weste. Nach dem siebten Spieltag standen damit erst fünf 0:0-Spiele in der Statistik. Eine Tendenz, die bereits längere Zeit anhält. Es ist nur eines mehr als in den beiden Vorjahren, als die Köpenicker eines in Leipzig und danach eines im Heimspiel gegen den HSV beisteuerten.
Nun steht wieder ein Spiel in der Alten Försterei bevor: am Sonntag, 15.30 Uhr, gegen den 1. FC Köln. Ein schnelles Wiedersehen mit dem Effzeh nur fünf Tage nach dem Pokalmatch vom Dienstag in der Domstadt, das die Köpenicker 0:5 verloren. Da war nix von defensiver Stabilität.
In Liga zwei gab es für den 1. FC Union Berlin während der ersten Amtszeit von Georgi Wassilew als Trainer in Berlin einst ein 0:7 in Müngersdorf. Es ist die höchste Niederlage der Eisernen in dieser Spielklasse, zu der die Anhänger voller Selbstironie den Spruch „Es ist ’ne ganz enge Kiste“ anstimmten. Viel später ein 2:0 bei klirrender Kälte im Januar 2019 – ein Sieg, mit dem der Weg zum Aufstieg Gestalt annahm und bei dem der gebürtige Kölner Marcel Hartel nach 25 Sekunden mit einem blitzsauberen Fallrückzieher für die schnelle Führung und für das spätere Tor des Jahres sorgte.
In jüngerer Zeit verspielte jedes Team einen 2:0-Vorsprung. Erst die Eisernen im Mai 2024 in der Domstadt, als sie in der Schlussphase gar das 2:3 kassierten und im Saisonfinale bis zur letzten Minute um den Klassenerhalt bangen mussten. In der Vorsaison passierte das den Kölnern nicht ganz so arg in Köpenick, als Tom Rothe und Livan Burcu in der Schlussphase ausglichen und somit für einen historischen Moment verantwortlich zeichneten: den ersten Punktgewinn überhaupt in der Bundesliga unter einer Trainerin, unter Baumgart-Nachfolgerin Marie-Louise Eta. Dieser Tag bleibt für die Ewigkeit.
Niederlage in Köpenick kostet Baumgart den Job
Um jedoch beim Thema der wenigen Gegentore zu bleiben: Sogar ein 0:0 hat es zwischen beiden Teams, die 2019 gemeinsam in die Bundesliga aufgestiegen sind (Köln musste in der Folgezeit zwar wieder runter, kam aber postwendend zurück), in der höchsten Spielklasse bereits gegeben. Im März 2023 war es, als die Unioner am 23. Spieltag hinter den Bayern und Dortmund Tabellendritter waren, der Höhenflug kein Ende zu nehmen schien und selbst mit der Nullnummer nur einen winzigen Dämpfer erhielt.
Am Ende ein Übrigens: In der Bundesligahistorie des 1. FC Union Berlin hat es nicht nur zwei Spiele in Folge gegeben, in denen im Stadion An der Alten Försterei hinten die Null stand. Die bereits erwähnten Partien gegen Darmstadt und Wolfsburg hatten einen unmittelbaren Vorläufer. Vor der damaligen Winterpause gab es ein 2:0 gegen – den 1. FC Köln.
Die Niederlage der Gäste kostete Steffen Baumgart ein paar Tage später, aber noch kurz vor Weihnachten den Trainerjob bei den Geißböcken. Damals begann gegen den Effzeh die Serie von drei Heimpartien, in denen Frederik Rönnow kein einziges Mal hinter sich greifen musste. Ziel sollte sein, dass Köln nach Elversberg und Dortmund diesmal der dritte Gast am Stück ist, der an der Wuhle nicht trifft und gegen den die Eisernen hinten die Null halten. Rönnow als Wiederholungstäter – das würde nicht nur die langjährige Nummer eins freuen.
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