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Gegen Einsamkeit – für Hirngesundheit: Was wir von den „Blauen Zonen“ lernen können

Blaue Zonen: Zwei Parkinson-Aktivisten wollen Deutschland bis 2042 zur Region gesunden Alterns machen – und fordern fünf Schritte gegen Einsamkeit.

Uwe Radelof und Jörg Karenfort
10 Min
Ikaria: Die griechische Insel zählt zu den sechs weltweit identifizierten Regionen, in denen Menschen überdurchschnittlich alt werden.

Ikaria: Die griechische Insel zählt zu den sechs weltweit identifizierten Regionen, in denen Menschen überdurchschnittlich alt werden.

© Nicolas Economou/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Schon Arthur Schopenhauer stellte fest: „Ein eigentümlicher Fehler der Deutschen ist, dass sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wolken suchen.“ So starren sie gebannt auf den Fließband-Innovator Elon Musk, der mit Flügen zum Mond und dem Verweis auf die ungenutzten Ressourcen im All die Märkte und Menschen bewegt. Könnte es aber sein, dass die größte ungenutzte Ressource unserer Zeit nicht im All, sondern in uns selbst liegt? Könnte etwa in dem Konzept der „Blauen Zonen“ große Hoffnungen für unser Land liegen, die mit viel Arbeit und etwas Glück die (Un-)Glücksritter der politisch blaubraunen Partei schnell hinfällig machen sollten?

Blaue Zonen (oder: Blue Zones) sind mittlerweile sechs weltweit identifizierte Regionen, in denen Menschen überdurchschnittlich alt werden, oft über 100 Jahre, und dabei zumeist gesund und aktiv bleiben. Spätestens mit dem Eintritt von Singapur in diesen besonderen Kreis sollte der Politik in Deutschland und Europa ein Blau-Licht aufgehen: Geht es hier etwa nicht nur um Tourismus-Werbung und Esoterik, sondern um wissenschaftlich nachvollziehbare Veränderungen der Lebensbedingungen und damit auch um handfeste politische und wirtschaftliche Interessen?

Entscheidend ist der „Long Healthspan“

Wir reihen uns nicht ein in die wachsende Zahl der Langlebigkeits-Sucher. Wir suchen nach einer Lösung für unsere Gesellschaft, in der wir länger gesund leben. Jedes zusätzliche gesunde Lebensjahr besitzt zunächst einen Wert für den Menschen selbst. Darüber hinaus kann es einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen erzeugen.

Dieser mögliche wirtschaftliche Gewinn hat zwei Komponenten. Erstens: Werden chronische Erkrankungen vermieden, abgeschwächt oder zeitlich hinausgeschoben, können Behandlungs- und Pflegebelastungen sinken. Zweitens: Bleiben Menschen länger gesund, können sie zugleich länger beruflich tätig sein, Unternehmen gründen, Angehörige unterstützen, Wissen weitergeben, konsumieren oder sich ehrenamtlich engagieren.

Chronische Krankheiten als Hinweisgeber

Beide Autoren beschäftigen sich aufgrund ihrer persönlichen Betroffenheit mit der Parkinsonforschung und versuchen diese mit konkreten Projekten zu unterstützen. Die hat lange scheinbar auf der Stelle getreten. Sie hat aber mittlerweile erheblich an Durchschlagskraft gewonnen, seitdem begonnen wurde, die Erkrankung als multikausal – also durch verschiedene Ursachen begründet angesehen wird – und die Behandlung und Therapie zunehmend ganzheitlicher durchgeführt wird.

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Auf der National Conference 2025 von Parkinson’s Australia stellte die in den USA tätige Forscherin Laurie Mischley Erkenntnisse aus der langfristigen „Modifiable Variables in Parkinsonism Study“ vor. In einer veröffentlichten Auswertung von 1527 Parkinson-Betroffenen waren unter anderem Einsamkeit und Stress mit einer höheren selbstberichteten Symptomlast verbunden. Patienten mit einer an die Blue Zones erinnernden Lebensführung hatten weniger und schwächere Symptome und einen milderen Verlauf.

Auch aus unserer Arbeit für die Yuvedo Foundation und das Parkinson-Terminator-Projekt kennen wir etliche Fälle, in denen Parkinson-Patienten infolge einer geänderten Lebensführung, Vermeidung von Vereinsamung und Umstellung der Ernährung deutliche Verbesserungen ihrer Symptomatik erreichen konnten.

Wissenschaft und Innovation bilden ihrem Wesen nach einen sich selbst verstärkenden Zyklus, in dem aus Geld Wissen und aus Wissen Geld gemacht wird. Wissenschaft benötigt Geld und schafft Wissen. Innovation benötigt dieses Wissen und schafft u. a. das Geld, das die Wissenschaft benötigt.

Äußerst nützlich wäre es, wenn Deutschland in diesem Bereich der Weltwirtschaft mit hohem Wachstumspotential einen besonderen strategischen Vorteil erreichen könnte. So wäre es möglich, dass wir, die ehemalige „Apotheke der Welt“, hier wieder eine international führende Rolle einnehmen und Deutschland auf diese Weise zukunftssicher machen. Damit schützen wir auch unsere Demokratie ganz konkret.

Eine gesunde Lebensweise hat offenbar Einfluss auf die Hirngesundheit.

Eine gesunde Lebensweise hat offenbar Einfluss auf die Hirngesundheit.

© cover-images/Imago

Blaue Zonen als wiederkehrende Muster

Die Blauen Zonen liefern zwar keine universelle Rezeptur für langes Leben und auch noch keinen Beweis, dass bestimmte Lebensgewohnheiten ein langes Leben verursachen. Dennoch sind die wiederkehrenden Muster bemerkenswert: regelmäßige Bewegung als selbstverständlicher Teil des Alltags, überwiegend wenig verarbeitete, überwiegend pflanzliche Lebensmittel, Erholung, Schlaf, verlässliche soziale Beziehungen, eine Aufgabe im Leben, Natur/Sonnenlicht, kulturelle Einbindung und das Gefühl, zu einer (freien und demokratischen) Gemeinschaft zu gehören.

Besonders interessant ist die Struktur hinter den Lebensgewohnheiten: In diesen Gemeinschaften ist gesundheitsförderliches Verhalten meist keine isolierte Willensleistung. Es ist in den Alltag, die Umgebung und die sozialen Beziehungen regelrecht eingebaut. Gesundes ist leicht, Ungesundes ist schwer zu realisieren.

Mit dem von der Yuvedo Foundation und dem Parkinson-Terminator-Projekt im Lichte der Blauen Zonen entwickelten Konzept der BlueZ Villages, das im Herbst in Berlin vorgestellt wird, sollen neue Wohnrealitäten geschaffen werden, die helfen, länger gesund zu bleiben und Krankheiten besser zu bekämpfen.

Die Zahl der gesunden Lebensjahre ist entscheidend

Was wäre, wenn sich die Aufmerksamkeit der Medizin, der Politik und aller Bürger nicht erst auf eine Krankheit richtet, wenn diese ausgebrochen ist, sondern auf die Lebensbedingungen, die Gesundheit wahrscheinlicher und das Ausbrechen einer Krankheit unwahrscheinlicher machen?

Dass Menschen länger leben, ist eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften. Doch die Zahl der Lebensjahre und die Zahl der gesunden Lebensjahre wachsen nicht automatisch im gleichen Maß. Eine alternde Gesellschaft muss deshalb nicht nur über Lebenserwartung sprechen, sondern über die Gesundheitsspanne („Healthspan“).

Deutschland und Europa werden älter. Gleichzeitig prägen chronische Erkrankungen, psychische Belastungen, Pflegebedürftigkeit und soziale Isolation das Leben vieler Menschen. Diese Entwicklung ist nicht allein ein medizinisches Problem. Sie berührt Familien, Betriebe, Kommunen, Sozialversicherungen und den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Deutschland als Blaue Zone bis 2042

Hinzu kommt der technologische Wandel. Künstliche Intelligenz und Robotik werden die Arbeitswelt stark verändern. Sie werden eine große Vielfalt von Tätigkeiten übernehmen. Umso wichtiger wird die Frage, was Menschen Sinn, Zugehörigkeit und das Gefühl gibt, gebraucht zu werden.

Gesundheit löst diese Sinnfrage nicht. Aber sie erweitert den Raum, in dem Menschen ihre eigenen Antworten finden und sich in Familie, Beruf, Kultur und Gemeinwesen einbringen können. Die Gesundheitsindustrie könnte der Jobmotor der Zukunft werden. Hier ist der Umgang und der Austausch mit Menschen schwer durch Maschinen zu ersetzen, denn auch wenn die KI in absehbarer Zeit alles besser kann als der Mensch. Eines wird sie niemals besser können als wir – einfach Mensch sein.

Das Jahr 2042 liegt weit genug entfernt, um ehrgeizig zu denken, und nah genug, um die heute Verantwortlichen an den Ergebnissen messen zu können. Die Zahl 42 ist zugleich eine augenzwinkernde Referenz an den Philosophen und Schriftsteller Douglas Adams. In seinem Meisterwerk „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist die 42 die ironische Antwort auf die Frage aller Fragen, „nach dem Leben, dem Universum und allem“ die eher auf die Absurdität der Fragestellung hinweist als die Frage zu beantworten. Eine Frage, die den Schluss zulässt, dass der Fragensteller selbst nicht so recht wusste was eigentlich die Frage ist. Ergo: Die 42 steht sinnbildlich dafür, dass echter Fortschritt das Ergebnis kluger Fragen ist. So gedacht ist die 42 eine ziemlich einprägsame und elegante Mahnung an die Wissenschaft und das Problemlösen. Die eigentliche Kunst besteht darin, das Problem richtig zu formulieren. Wem das gelingt, der hat es schon zur Hälfte gelöst (John Dewey).

Eine deutsche oder europäische Blue Zone verspricht weder Unsterblichkeit noch eine Nation durchtrainierter Hundertjähriger. Sie verfolgt ein realistischeres und zugleich anspruchsvolleres Ziel: dass mehr Menschen ihren 80. oder 90. Geburtstag bei guter körperlicher und seelischer Gesundheit erleben; dass sie möglichst lange in der eigenen Wohnung leben, Freunde treffen, lernen, reisen, arbeiten oder sich ehrenamtlich engagieren können; dass Pflegebedürftigkeit später eintritt und kürzer dauert.

Senioren in Orgosolo auf Sardinien. Auch die italienische Mittelmeerinsel zählt zu den Blauen Zonen dieser Welt.

Senioren in Orgosolo auf Sardinien. Auch die italienische Mittelmeerinsel zählt zu den Blauen Zonen dieser Welt.

© imagebroker/Imago

Gesundheit wäre dabei kein Gebot, dem sich alle unterwerfen müssen. Niemand verliert seine Würde, weil er krank, behindert, pflegebedürftig oder nicht leistungsfähig ist. Im Gegenteil: Eine gesundheitsorientierte Gesellschaft müsste sich gerade daran messen lassen, wie sie Menschen unterstützt, deren Möglichkeiten eingeschränkt sind. Gesundheit ist kein moralischer Verdienst. Sie ist eine Chance, deren Voraussetzungen gesellschaftlich höchst ungleich verteilt sind.

Die Yuvedo Foundation startet im Rahmen eines grenzüberschreitenden BlueZ-Projekts im Herbst ein Projekt gegen die Einsamkeit. Ziel ist es, die in den Blauen Zonen liegende Sehnsucht nach einer umspannenden Vision politisch und künstlerisch umzusetzen und weiterzuentwickeln.

Einsamkeit ist ein Gesundheitsrisiko

Einsamkeit ist keine private Schwäche. Sie ist ein Gesundheitsrisiko. Sie trifft junge Menschen, alte Menschen, Erkrankte, Pflegebedürftige, Angehörige. Für Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson ist sie besonders gefährlich: Wer allein ist, bewegt sich oft weniger, nimmt Hilfe später an und verliert genau das, was die Krankheit erträglicher macht: Halt, Ansprache, Alltag, Zugehörigkeit. Deshalb darf Einsamkeit nicht länger als persönliches Problem behandelt werden. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Und sie braucht politische Antworten. Zur Bekämpfung der Einsamkeit fordern wir fünf konkrete Schritte.

Erstens: Städte bauen, die Begegnung schaffen. Wo Bänke stehen, setzen sich Menschen. Wo Plätze offen sind, treffen sie sich. Stadtplanung muss Begegnung fördern: durch BlueZ Villages/Quartierszentren, gemeinsame Höfe, Mehrgenerationenwohnen, kurze Wege und öffentliche Räume, die nicht kaputtgespart werden.

Zweitens: Kinder und Jugendliche besser mitnehmen. Einsamkeit und seelische Gesundheit müssen in Schulen ernst genommen werden. Schulsozialarbeit, offene Kinder- und Jugendarbeit und konsumfreie Orte für junge Menschen dürfen nicht gekürzt, sondern müssen ausgebaut werden.

Drittens: Vereine, Kirchen und andere Gemeinschaftsorte stärken. Gemeinschaft ist soziale Grundversorgung. In Vereinen, Kirchen und anderen Gemeinschaftszentren entsteht Zugehörigkeit: beim Sport, beim Singen, im Garten, in der Nachbarschaft. Ehrenamt braucht weniger Bürokratie, bezahlbare Räume und verlässliche Förderung.

Viertens: Einsamkeit in Kliniken und Pflege erkennen. In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen werden Menschen oft versorgt, aber nicht begleitet. Einsamkeit gehört in die Anamnese. Besuchs- und Begleitdienste müssen fester Teil guter Versorgung werden.

Fünftens: Eine nationale Bewegung starten: „Kümmer dich.“ Jeder Mensch kennt jemanden, der durchs Raster fallen könnte. Wir brauchen eine bundesweite Kampagne, die Menschen ermutigt, regelmäßig nach anderen zu sehen. Der Staat kann keine Freundschaft verordnen. Aber er kann Engagement möglich machen. Deutschland hat eine Strategie gegen Einsamkeit. Jetzt braucht sie Verbindlichkeit: ein Budget, klare Zuständigkeiten und messbare Ziele.

Infoveranstaltung: „Deutschland als Blaue Zone bis 2042 – Neues Wohnen gegen Einsamkeit und für Hirngesundheit“, Dienstag, 3. November 2026, 17:30 Uhr Dentons Berlin, Markgrafenstraße 33, 10117 Berlin (Gendarmenmarkt)

Uwe Radelof, Dipl. Chemiker, Doktorarbeit am MPI für mol. Genetik bei Hans Lehrach im Rahmen des Humangenomprojekts. Bis zur Diagnose Parkinson in 2008 führende Funktionen in wissenschaftlich geprägten Biotech-Unternehmen, Geschäftsführender Gesellschafter der Congenial42 GmbH (seit 2010) und Initiator des Parkinson-Terminator-Projekts (2017). Director Innovation der Yuvedo Foundation (2020)

Jörg Karenfort, Rechtsanwalt und Partner der internationalen Anwaltskanzlei Dentons und Leiter der globalen Kartellrechtspraxis. Mitgründer der Yuvedo Foundation für BrainHealth und Parkinson-Forschung, Mitinitiator diverser Startups im Bereich neuer Therapien für Parkinson- und neurodegenerative Erkrankungen – auch unter Einbeziehung von KI.


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