Ukraine-Krieg

Bericht: Selenskyj wollte Druschba-Pipeline der Ungarn sprengen

Laut Washington Post zeigen bisher unveröffentlichte Leaks, dass Kiew auch in Russland Operationen plante. Die Eroberung russischer Dörfer stand zur Debatte.

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Westlichen Partnern verspricht Selenskyj, Angriffe auf russisches Territorium zu unterlassen, aber Geheimoperationen gibt es.

Westlichen Partnern verspricht Selenskyj, Angriffe auf russisches Territorium zu unterlassen, aber Geheimoperationen gibt es.

© dpa

Bei seinem Besuch in Berlin am Sonntag wurde der ukrainische Präsident gefragt, ob sein Land auch russische Gebiete angreifen würde. „Wir greifen das russische Territorium nicht an. Wir befreien unser gesetzmäßiges Gebiet“, antwortete Wolodymyr Selenskyj. „Wir haben dafür keine Zeit, keine Kräfte und keine überzähligen Waffen.“ Es war nicht das erste Mal, dass Selenskyj auf das heikle Thema angesprochen wurde. Immer wieder hat er öffentlich bestritten, dass es militärische Aktionen der Ukraine auf russischem Staatsgebiet gebe. Doch hinter verschlossenen Türen sieht die Situation offenbar anders aus.

Wie die Washington Post unter Verweis auf bisher unveröffentlichte Dokumente aus den sogenannten Discord-Leaks der vergangenen Wochen berichtet, äußert sich der Präsident inoffiziell sehr wohl zu Operationen in Russland. In den Dokumenten, die aus abgehörter Kommunikation stammen sollen, spricht er davon, russische Dörfer zu besetzen, um ein Druckmittel gegen Moskau zu erlangen, eine Pipeline zu bombardieren, die russisches Öl nach Ungarn transportiert, und er sehnt sich insgeheim nach Langstreckenraketen, um Ziele innerhalb der russischen Grenzen zu treffen. Dies gehe aus geheimen US-Geheimdienstdokumenten hervor, in denen seine interne Kommunikation mit ranghohen Mitarbeitern und militärischen Führern beschrieben wird, wie die Washington Post berichtet.

Außen ruhiger Staatsmann, innen entschiedener Feldherr

Die Dokumente sind Teil eines größeren Lecks von US-Geheimnissen, die auf der Nachrichtenplattform Discord kursierten und von der Washington Post ausgewertet wurden. „Sie offenbaren einen Oberbefehlshaber mit aggressiven Instinkten, die in scharfem Kontrast zu seinem öffentlichen Image als ruhiger und stoischer Staatsmann stehen, der Russlands brutalen Angriffen standhält“, befindet die Post.

Das Pentagon, mit den Inhalten der durchgesickerten Dokumente konfrontiert, habe die Echtheit des Materials nicht bestritten. In einigen Fällen sei auch zu sehen, wie Selenskyj die Ambitionen seiner Untergebenen bremst, in mehreren anderen aber schlägt er selbst riskante Militäraktionen vor.

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Die Journalisten der Washington Post berichten von einer Reihe von Treffen Selenskyjs mit der ukrainischen Führung: Bei einer Unterredung Ende Januar schlug der Präsident der Ukraine offenbar vor, „Angriffe in Russland durchzuführen“ und gleichzeitig ukrainische Bodentruppen in feindliches Gebiet zu verlegen, um „nicht näher bezeichnete russische Grenzstädte zu besetzen“, wie es in einem als „streng geheim“ gekennzeichneten Dokument heißt. Das Ziel wäre, „Kiew ein Druckmittel in den Gesprächen mit Moskau zu geben“.

Viele verschiedene Szenarien für Angriffe erwogen

Bei einem separaten Treffen Ende Februar mit General Valery Zaluzhny, dem obersten Militärkommandanten der Ukraine, äußerte Selenskyj seine „Besorgnis“ darüber, dass „die Ukraine weder über Langstreckenraketen verfügt, die russische Truppenstellungen in Russland erreichen können, noch über irgendetwas, womit sie diese angreifen könnte“. Selenskyj schlug daraufhin vor, dass die Ukraine stattdessen nicht näher bezeichnete Aufmarschgebiete in Rostow, einer Region im Westen Russlands, mit Drohnen angreifen sollte, heißt es in einem anderen geheimen Dokument.

Bei einem Treffen mit der stellvertretenden Ministerpräsidentin Yuliya Svrydenko schlug Selenskyj Mitte Februar der Ukraine vor, die von der Sowjetunion gebaute Druschba-Pipeline zu sprengen, die Öl nach Ungarn liefert. „Selenskyjy betonte, dass (…) die Ukraine einfach die Pipeline in die Luft jagen und damit die Industrie des ungarischen [Ministerpräsidenten] Viktor Orbán zerstören sollte, die stark auf russisches Öl angewiesen ist“, heißt es in dem Dokument.

Bei der Beschreibung des Gesprächs räumen die Geheimdienstmitarbeiter ein, dass Selenskyj „seine Wut gegenüber Ungarn zum Ausdruck brachte und daher übertriebene, bedeutungslose Drohungen aussprechen könnte“ – eine Einschränkung, die in anderen Berichten über Selenskyj, in denen er mutige Militäraktionen vorschlägt, nicht vorkommt. Obwohl Ungarn nominell Teil des westlichen Bündnisses ist, gilt Orbán weithin als der Kreml-freundlichste Führer Europas.

Auf die Frage, ob er vorgeschlagen habe, Teile Russlands zu besetzen, wies Selenskyj in einem Interview mit der Washington Post in Kiew die Behauptungen der US-Geheimdienste als „Fantasien“ zurück, verteidigte aber sein Recht, zur Verteidigung seines Landes unkonventionelle Taktiken anzuwenden.

„Die Ukraine hat jedes Recht, sich selbst zu schützen, und wir tun es auch. Die Ukraine hat niemanden okkupiert, sondern umgekehrt“, sagte Selenskyj. „Da so viele Menschen gestorben sind, es Massengräber gab und unser Volk gefoltert wurde, bin ich mir sicher, dass wir jeden Trick anwenden müssen.“

Entscheidend ist: Mit welchen Waffen greift Kiew Russland an

Tatsächlich scheint die Frage besonders interessant, mit welchen Waffen genau, die Ukrainer in Russland Operationen durchführen. Denn, dass sie dort agieren, steht außer Frage.

Zwei Drohnenangriffe im Dezember auf den russischen Luftwaffenstützpunkt Engels in Saratow, fast 600 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, hätten gezeigt, „dass wir in der Lage sind, viele Kilometer weiterzukommen, als sie erwarten konnten“, erklärte beispielsweise Oleksij Danilow, Sekretär des ukrainischen Ministeriums für nationale Sicherheit und Entwicklung.

Nach internationalem Völkerrecht ist es einem angegriffenen Staat zwar nicht verboten, auch militärische Infrastruktur auf dem Territorium des Aggressors anzugreifen. Doch fürchten die Vereinigten Staaten und andere westliche Verbündete der Ukraine, dass Angriffe auf Russland mit Nato-Waffen zu einer Eskalation des Konflikts führen und die im schlimmsten Falle auf eine direkte Konfrontation zwischen Russland und des USA, den beiden größten Atommächten, hinauslaufen könnte.

Hinter diesen Befürchtungen soll auch die Weigerung der USA stehen, Kiew mit den Langstreckenraketen ATACMS auszurüsten, die Ziele in einer Entfernung von bis zu 300 Kilometern treffen können. Gleichsam verkündete die britische Regierung in der letzten Woche, dass sie der Ukraine Raketen des Systems „Storm Shadow“ übergeben werde, die ähnliche Distanzen überwinden können. Doch auch hier erklärte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace am Freitag, dass die Raketen nur „innerhalb des ukrainischen Hoheitsgebiets“ eingesetzt werden dürften.

Vielleicht erübrigt sich die Frage aber auch, wenn die Langstreckenwaffen des Westens von der Ukraine für die Rückeroberung besetzter Gebiete genutzt werden und so andere Kapazitäten frei werden. Mit eigenen Drohnen und nicht-westlichen Waffen könnte die Ukraine dann Operationen in Russland fortsetzen, ohne ihre Versprechen zu brechen.

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