Gelsenkirchener Händler lieferte 3,5 Tonnen Putenklein nach Brandenburg

Zu altes Fleisch landete am Döner-Spieß

Jürgen Schwenkenbecher Tomas Morgenstern
4 Min

MITTENWALDE. Imbissbuden in Brandenburg haben in diesem Herbst möglicherweise erhebliche Mengen an verdorbenem Fleisch verkauft. Ein Großhändler aus Gelsenkirchen hat mehr als dreieinhalb Tonnen Putenhackfleisch an zwei Verarbeitungsbetriebe in den Landkreisen Havelland und Dahme-Spreewald geliefert. Der Fleischhändler aus Nordrhein-Westfalen steht in Verdacht, seit längerer Zeit verdorbenes oder überlagertes Fleisch in mehrere Bundesländer verkauft zu haben. Putenhackfleisch wird vor allem zu Döner-Spießen und Hamburgern verarbeitet.Am Montag meldete sich ein Mitarbeiter eines Fleischverarbeitungsbetriebes aus Rathenow (Havelland) beim Verbraucherschutzministerium in Potsdam. Er informierte die Behörde über zwei Lieferungen aus Gelsenkirchen im Sommer. "Am 27. Juni wurden dem Betrieb 810 Kilogramm Putenhackfleisch angeliefert, am 22. August weitere 1 944 Kilogramm", sagte Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade. Welche Mengen davon bereits verarbeitet und verkauft wurden, ist unklar.Nach Angaben Schades konnte jedoch ein Teil noch am Montag sichergestellt werden. "Wir konnten Proben entnehmen, die nun vom Landeslabor Brandenburg untersucht werden." Mit Ergebnissen rechnet Schade in drei bis vier Tagen. Erst dann stehe fest, ob es sich bei den Lieferungen tatsächlich um verdorbene Ware gehandelt habe.Charge restlos verkauftBereits seit Freitag ist den Behörden bekannt, dass der Gelsenkirchener Fleischlieferant auch nach Mittenwalde im Landkreis Dahme-Spreewald geliefert hatte. 815 Kilogramm Putenhackfleisch erhielt der Betrieb am 7. September. In welchem Zustand sich dieses Geflügelfleisch befand, wird sich aber nie feststellen lassen. "Offensichtlich ist alles bereits in den Handel gelangt", sagte Amtstierarzt Clemens Müller am Montag. Die Ware wurde an Imbissbesitzer in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verkauft. Proben für Untersuchungen in Labors konnten aus der verdächtigen Charge nicht mehr entnommen werden.Die Lieferadresse in Mittenwalde hatten Kontrolleure in Unterlagen des Gelsenkirchener Fleischhändlers entdeckt. In seinen Kühlhallen waren die Kontrolleure am Freitag auf knapp 60 Tonnen überlagerten Fleisches gestoßen. Dass zunächst immer wieder der Spreewald als ein Zielort genannt wurde, erwies sich inzwischen als Übermittlungsfehler. "Gemeint war der Landkreis Dahme-Spreewald", sagte Ministeriumssprecher Schade."Als wir am Freitag früh von der Fleischlieferung nach Mittenwalde informiert wurden, haben wir sofort die Überprüfung des Mittenwalder Betriebes veranlasst", so der Amtstierarzt von Dahme-Spreewald, Clemens Müller. "Aber unser Mitarbeiter konnte in keinem der Kühlräume mehr etwas von dieser Lieferung auffinden." Bei der Kontrolle der Lieferunterlagen am Montag wurde Müller vertröstet. Die Papiere ließen sich nicht auffinden, hieß es. Heute will der Amtstierarzt einen zweiten Versuch unternehmen.Längere Haltbarkeit möglichUnklar ist, ob die Betriebe, die überlagertes Fleisch verarbeiteten, von dem Betrug, der in Gelsenkirchen seinen Anfang nahm, wussten. "Ein guter Fleischer merkt schon, in welchem Zustand das Fleisch ist", sagte der Amtstierarzt. Farbe, Geruch und Konsistenz veränderten sich durch das Alter und Lagerung des Fleisches erheblich. Experten gehen davon aus, dass der Verzehr überlagerten Fleisches allerdings keine gravierenden Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Anzeigen, die auf Lebensmittelvergiftungen durch Döner hindeuteten, sind in Brandenburg nicht bekannt geworden. Ministeriumssprecher Schade sagte, es habe auch keinerlei Signale aus den Gesundheitsämtern über eine Häufung von Darmerkrankungen in der Bevölkerung gegeben.Er verwies auf die Bestimmungen für die Lagerung von Fleisch. "Grundsätzlich ist eine Umetikettierung von Ware durchaus statthaft, wenn die vorgeschriebenen Konservierungs- und Frostbedingungen eingehalten werden. Dann ist auch nichts gegen eine Verlängerung der Haltbarkeitsfrist einzuwenden", sagte Schade.Erst vor knapp zwei Wochen hatte des Landeslabor Brandenburg in Frankfurt (Oder) verdächtige Fleischproben untersucht. Dabei handelte es sich um Putenfleischteile, die aus dem niedersächsischen Lastrup nach Brandenburg geliefert wurden. Strittig waren die Haltbarkeit und der Zustand des Fleisches. Die sensorische, mikrobiologische und chemische Analyse verlief negativ. Krank machende Keime wurden nicht gefunden.------------------------------Neues Etikett2004: Der Geschäftsführer einer Fleischfirma in Stahnsdorf bei Potsdam soll überlagertes Fleisch umetikettiert und mit neuem Haltbarkeitsdatum weiterverkauft haben.März 2005: In Märkten der Kette "real" taucht Hackfleisch auf, das nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums umverpackt worden war.Oktober 2005: Der einstige Chef einer bayerischen Fleischfirma muss in Haft. Er hatte 760 Tonnen Geflügelabfälle in den Handel gebracht.November 2005: Ein Betrieb für Döner-Herstellung in Lastrup (Niedersachsen) soll vergammeltes Geflügelfleisch u.a. nach Berlin und Mecklenburg-Vorpommern geliefert haben. Auch ein Prignitzer Betrieb erhielt rund 230 Kilogramm des Fleisches - es erwies sich als gesundheitlich unbedenklich.Aktueller Fall: Bisher haben Ermittler in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg insgesamt 130 Tonnen Roastbeef und Putenhackfleisch beschlagnahmt, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen und das kurzerhand mit neuem Etikett um ein Jahr länger haltbar gemacht worden war. Das Fleisch stammt von einer Firma in Gelsenkirchen.

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