Gemeindekirchenrat in Brandenburg (Havel) will Gläubige nicht länger mit Figur verärgern

Künstlerin muß "Engel" aus Kirche entfernen

Susanne Rost
4 Min

Der Engel muß weg aus der St. Gotthard-Kirche. Das hat der Gemeindekirchenrat der Stadt Brandenburg am Montag abend beschlossen. Von 14 Mitgliedern stimmten nur vier dafür, daß die Engel-Skulptur der Berliner Künstlerin "Nänzi" bleiben darf. "Gemeindeglieder und Besucher dieser Kirche sollen nicht geärgert, provoziert werden durch diese Figur", heißt die offizielle Begründung, die im Protokollbuch der größten Kirchengemeinde der Stadt nachzulesen ist.Ursprünglich sollte die 3,30 Meter große Plastik namens "Apokalyptischer Engel" bis zum 31. Oktober im nördlichen Seitenschiff der spätgotischen Kirche stehen. Das Werk ist Teil der Ausstellung "geistlich textil" des Kunstdienstes der Evangelischen Kirche, an dem sich sieben Kirchen in Berlin und Brandenburg beteiligt haben. Dem traditionellen Bild vom lieblichen Engel entspricht die Plastik in keiner Weise: Dem überdimensionalen, nackten Frauenkörper fehlen Kopf, Hände und Fußzehen. Die schwarzen, stämmigen Beine scheinen verkohlt, die üppigen Brüste sind mit rosa Farbe betont. Aus dem Hals sprießen Zweige, über dem Arm hängen ein "Skalp" aus schwarzen Kunsthaaren und eine Art Tasche mit der Aufschrift "Offenbarung 10". Das ist ein Verweis auf die Bibel. In eben jenem Kapitel wird die Apokalypse die letzten Tage der Erde geschildert, in der Engel der Welt Angst und Tod bringen. Dort ist auch von "einem anderen, starken Engel" die Rede. Diesen wollte Sybille Reichert, wie die Künstlerin aus Berlin-Neukölln richtig heißt, mit ihrer Figur darstellen.Doch für dieses Engelsbild der Absolventin der Hochschule der Künste haben viele der rund 3 000 Gläubigen der St. Gotthard-Gemeinde kein Verständnis: "Die Figur wirkt abstoßend", hat einer anonym in das Gästebuch geschrieben, das im Altarraum ausliegt. Ein anderer hinterließ dort: "Ihr habt doch alle einen Vogel."Aufgrund des großen Widerstandes berief Bettina Damus, die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, für Montag abend eine außerplanmäßige, nichtöffentliche Sitzung des Gremiums ein. Dort wurde die Skulptur als "pornografisch" angeprangert und als "weiblicher Elefant" tituliert, sagt die 36jährige Künstlerin. Keiner habe sie um eine Erklärung gebeten. "Ich kam gar nicht zu Wort", sagt die Meisterschülerin von Joachim Schmettau, der den Weltkugelbrunnen auf dem Berliner Breitscheidplatz und das Tanzpärchen auf dem Hermannplatz geschaffen hat. Zur Abstimmung sei sie nach draußen geschickt worden. Anschließend habe man ihr das Ergebnis mitgeteilt: Bis zum Sonntag soll der "apokalyptische Engel" abtransportiert sein. "Wir wollen den Gottesdienstbesuchern nicht noch einmal den Anblick zumuten", sagt Bettina Damus. Die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates bedauert, daß man das Kunstwerk vorher nicht habe betrachten können. "Ich bin enttäuscht, daß meine Figur nicht noch zwei Wochen geduldet wird. Es wäre ein Jammer, wenn ich den Engel jetzt in meinen Keller packen müßte", sagt die Künstlerin. Schließlich habe sie die Skulptur, an der sie über zwei Monate gearbeitet habe, eigens für die St. Gotthard-Kirche und die Ausstellung geschaffen. Aber vom ersten Tag an gab es Ärger. Ursprünglich sollte der "Engel" unter dem großen Triumphkreuz stehen, das in der Kirchenmitte vor dem Altarraum von der Decke hängt. Aber das lehnte die Kirchengemeindeleitung ab. Die überlebensgroße Plastik hätte dann den Blick auf den Altar versperrt. Deshalb wurde der "Engel" an die Seite gerutscht.Manfred Richter, der Leiter des Kunstdienstes der Evangelischen Kirche, bedauert die Entscheidung der St. Gotthard-Gemeinde: "Ich finde es sehr schade, daß die Gemeinde nicht die Toleranz aufbringt, den fremden, starken Engel in ihrer Mitte gewähren zu lassen." Selbst Christian Löhr, einer der drei Pfarrer der Gemeinde, hatte im Gottesdienst am vergangenen Sonntag um Offenheit geworben. Er lud die Gläubigen ein, "sich selbst von der modernen Kunst in Frage stellen zu lassen". Doch seine Fürsprache für "Nänzi" überzeugte den Gemeindekirchenrat nicht. Daß die Skulptur im Keller landet, will der Kunstdienst der Kirche verhindern. Dessen Leiter Manfred Richter will für die Skulptur eine neue Heimat in einer Kirche in Berlin oder Brandenburg suchen. "Der Engel soll jetzt fliegen von Kirche zu Kirche."

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