Pflege

Gemeinsam alt werden: Was passiert, wenn ein Partner plötzlich zur Pflegekraft wird?

Wenn ein Partner pflegebedürftig wird, verändert sich oft die gesamte Beziehung. Wie Entlastung helfen kann, Pflege zu organisieren, ohne das gemeinsame Leben aus den Augen zu verlieren.

Thomas Kuhle
6 Min
Wenn Pflegebedürftigkeit zum Teil einer Partnerschaft wird, ändert sich nicht nur der gemeinsame Alltag.

Wenn Pflegebedürftigkeit zum Teil einer Partnerschaft wird, ändert sich nicht nur der gemeinsame Alltag.

© Flux 2 Pro

Gemeinsam alt werden – dieser Wunsch gehört für die meisten Paare ganz selbstverständlich zur Vorstellung von einer langen Beziehung. Zu diesen Plänen gehört oft auch der Ruhestand, der mehr Zeit füreinander bereithält, vielleicht gemeinsame Reisen oder eine aktive Freizeitgestaltung.

Woran dagegen kaum jemand denkt: Was geschieht, wenn einer der Partner irgendwann nicht mehr allein zurechtkommt? Wenn aus gegenseitiger Unterstützung im Alltag nach und nach Pflege wird und der Mensch, mit dem man einen schönen Lebensabend gestalten wollte, plötzlich auch intensiv versorgt werden muss?

Dieser Wandel vollzieht sich in den meisten Fällen langsam und zunächst unbemerkt. Aus gelegentlicher Hilfe beim Anziehen wird Unterstützung bei der Körperpflege. Arzttermine müssen organisiert, Mahlzeiten zubereitet oder Medikamente im Blick behalten werden.

Wenn aus Alltag plötzlich Pflegealltag wird

Wie viele Familien vor dieser Situation stehen, zeigen <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/12/PD24_478_224.html"><strong>die Zahlen des Statistischen Bundesamtes</strong></a>. Ende 2023 waren in Deutschland knapp 5,7 Millionen Menschen im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes pflegebedürftig. Rund 4,9 Millionen und damit 86 Prozent wurden zu Hause versorgt. Bei 3,1 Millionen Menschen erfolgte die Versorgung allein durch Angehörige.

Wie viele Familien vor dieser Situation stehen, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Ende 2023 waren in Deutschland knapp 5,7 Millionen Menschen im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes pflegebedürftig. Rund 4,9 Millionen und damit 86 Prozent wurden zu Hause versorgt. Bei 3,1 Millionen Menschen erfolgte die Versorgung allein durch Angehörige.

Hinter diesen Zahlen stehen Millionen private Lebenssituationen. Gerade bei älteren Menschen ist die wichtigste Pflegeperson häufig die eigene Partnerin oder der eigene Partner. Das staatliche Gesundheitsportal gesund.bund.de weist darauf hin, dass ältere pflegende Angehörige sich meist um ihren Ehe- oder Lebenspartner kümmern – und das teilweise selbst bis ins hohe Alter. Viele Pflegepersonen im privaten Bereich sind 80 Jahre und älter.

Damit kommen zu den vertrauten Rollen neue Aufgaben hinzu, die schnell zu einer körperlichen und seelischen Dauerbelastung werden können. Was früher selbstverständlich geteilt wurde, liegt plötzlich überwiegend in der Verantwortung eines Partners.

Das kann einen inneren Konflikt auslösen: Einerseits erscheint es selbstverständlich, für den Menschen da zu sein, mit dem man sich für ein gemeinsames Leben entschieden hat. Andererseits werden Kraft, Zeit und eigene Freiräume zunehmend knapper.

Hilfe anzunehmen kann sich dann zunächst so anfühlen, als gebe man die Verantwortung für den geliebten Menschen ab. Doch gerade diese Vorstellung kann dazu führen, dass Unterstützung erst sehr spät in Anspruch genommen wird.

Kinder können nicht immer einspringen

Auch erwachsene Kinder können die entstehende Lücke nicht automatisch schließen. Berufliche Verpflichtungen, Verantwortung für eine eigene Familie und räumliche Entfernung setzen praktische Grenzen. Bei einem kurzfristigen Termin oder dem Einkauf ist Unterstützung vielleicht noch möglich. Eine kontinuierliche Versorgung über Tage, Wochen und Jahre lässt sich auf diese Weise jedoch nicht selbstverständlich organisieren.

Trotzdem versuchen viele Angehörige zunächst, möglichst viel selbst aufzufangen. Das ist nachvollziehbar. Das vertraute Umfeld und der Lebensalltag sollen erhalten bleiben, fremde Menschen in privaten Bereichen können anfangs ungewohnt sein, und auch finanzielle Überlegungen spielen eine Rolle.

Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, ob eine Familie grundsätzlich helfen möchte. Wichtiger ist: Wer trägt die Hauptverantwortung, wenn dauerhaft Unterstützung erforderlich wird? Bleibt diese fast vollständig bei einem Partner, verändert das nicht nur dessen Tagesablauf, sondern möglicherweise auch die Beziehung grundlegend.

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Warum Entlastung den Partner schützt

Pflege zu Hause kann körperlich und psychisch erheblich fordern. Nach Angaben von gesund.bund.de verbrachte die jeweilige Hauptpflegeperson in einer AOK-Befragung aus dem Jahr 2023 durchschnittlich 49 Stunden pro Woche mit Pflegeaufgaben. Etwa jede vierte pflegende Person fühlte sich hoch belastet und hatte das Gefühl, die Situation eigentlich nicht mehr bewältigen zu können. Als mögliche Folgen länger anhaltender Belastung werden unter anderem körperliche Beschwerden, Schlafprobleme, Stress und soziale Isolation beschrieben.

Entlastung ist deshalb nicht gleichbedeutend mit einem Rückzug aus der Verantwortung für einen geliebten Menschen. Sie kann vielmehr helfen, Aufgaben neu zu verteilen und Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Wenn nicht mehr jede Mahlzeit, jede Hilfe beim Waschen und jeder Handgriff im Haushalt bei der Partnerin oder dem Partner liegt, entstehen wieder Momente, in denen sich beide nicht ausschließlich als pflegebedürftiger Mensch und Pflegeperson begegnen.

Die Seniorenbetreuung bietet die Möglichkeit, den Alltag zwischen zwei Menschen wieder zu entzerren. Die Betreuungskraft lebt dabei mit im Haushalt und übernimmt unter anderem Unterstützung im Alltag, Haushalt und bei der Grundpflege. Was auf den ersten Blick wie eine Notlösung für den pflegebedürftigen Partner wirken kann, ist in Wirklichkeit oft die Rettung für die Beziehung und den Alltag als Paar. Durch die Unterstützung bei Pflegeaufgaben darf der gesunde Partner wieder Lebenspartner sein und bleibt nicht ausschließlich in der Rolle der Pflegekraft.

Der entscheidende Perspektivwechsel liegt darin, diese Form der Unterstützung nicht nur aus Sicht des pflegebedürftigen Menschen zu betrachten. Sie kann ebenso dem pflegenden Partner Freiräume zurückgeben. Statt morgens zuerst für Körperpflege und Frühstück verantwortlich zu sein, bleibt vielleicht wieder Zeit für ein gemeinsames Frühstück. Statt jeden Einkauf und jeden Haushaltsschritt organisieren zu müssen, wird ein Spaziergang möglich. Die Entlastung übernimmt organisatorische und pflegerische Aufgaben und ersetzt nicht die persönliche Verbundenheit.

Trotzdem bleibt der Partner die wichtigste Bezugsperson

Eine Betreuungskraft im Haushalt kann Tätigkeiten übernehmen und die benötigte Pflege sicherstellen, aber keine jahrzehntelang gewachsene Beziehung ersetzen. Für Paare, die pflegerische Unterstützung in Anspruch nehmen, ist es deshalb wichtig, den Unterschied zwischen persönlicher Nähe und pflegerischer Verantwortung wieder bewusst wahrzunehmen.

Auch mit Unterstützung im Pflegealltag bleiben Partner oder Partnerin eine essenzielle Schnittstelle und die wichtigste Bezugsperson. Absprachen mit betreuenden Ärzten, Pflegediensten und der Betreuungskraft bleiben wichtig, damit medizinische Fragen fachlich geklärt sind und Entscheidungen trotzdem im Sinne der pflegebedürftigen Person getroffen werden können. Gleichzeitig müssen auch die Bedürfnisse und Belastungsgrenzen des Partners oder der Partnerin mitgedacht werden.

Denn auch die gesündere Person braucht weiterhin ein eigenes Leben. Kontakte zu Freunden, Hobbys, Bewegung oder schlicht einige Stunden ohne Verantwortung sind keine Nebensache. Für eine konsequente Entlastung stehen unterschiedliche Unterstützungsformen zur Verfügung:

Formen der Unterstützung

  • ambulante Pflegedienste,
  • Tages- und Nachtpflege,
  • Kurzzeit- und Verhinderungspflege

Das Ziel soll dabei nicht sein, sich aus der Pflege des geliebten Menschen zurückzuziehen. Es geht vielmehr darum, die Rollen zwischen der Beziehungsebene und der Pflegeverantwortlichkeit wieder klarer voneinander zu trennen.

Gemeinsam bleiben, auch wenn sich das Leben verändert

Pflegebedürftigkeit betrifft nie ausschließlich den Menschen, der Unterstützung benötigt. Sie verändert den Alltag, die Verantwortlichkeiten und häufig auch die Beziehung zu den Menschen, die ihm am nächsten stehen.

Um einer liebevollen Beziehung gerecht zu werden, sollten Partnerin oder Partner eines pflegebedürftigen Menschen sich nie verpflichtet fühlen, alle Aufgaben und Herausforderungen des gemeinsamen Alltags allein zu bewältigen. Hilfe anzunehmen kann vielmehr dazu beitragen, Nähe zu erhalten. Denn eine Partnerschaft besteht aus mehr als Versorgung. Wo Entlastung greift, entsteht wieder Raum für wesentliche Aspekte wie Gespräche, Vertrautheit, gemeinsame Erinnerungen und das Gefühl, das Leben weiterhin miteinander zu teilen und zu gestalten.

Aus einem Alltag, der von der Pflege bestimmt wird, kann so wieder ein gemeinsamer Alltag werden, der weiterhin als Paar gelebt werden kann.


Die Recherche und Erstellung des Beitrags wurde durch einen externen Redakteur vorgenommen und stammt nicht aus der eigenen Redaktion.

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