GRUMSIN. Der Großangriff beginnt, kaum dass die Autotür geöffnet ist. Dutzende Mücken - jede so lang wie der Nagel des kleinen Fingers - stürzen sich auf die Besucher. Menschenblut ist selten zu bekommen in dieser verlassenen Ecke der Uckermark in der Nähe des Dörfchens Grumsin. Denn hinter dem gelben Schild "Naturschutzgebiet" beginnt ein Wald, der eigentlich gar nicht betreten werden darf. Er ist so etwas wie ein doppeltes Wunder. Erstens ist es eine Besonderheit, dass im monokulturellen Kiefernland Brandenburg überhaupt ein so großer Buchenwald existiert. Und zweitens ist es auch noch ein Urwald.Besser gesagt: Er ist auf dem besten Weg, wieder ein Urwald zu werden. Seit 1990 darf hier im sogenannten Totalreservat kein Waldarbeiter mehr einen Baum fällen. Seit mehr als 20 Jahren wird die Natur völlig sich selbst überlassen.Entscheidung heute in ParisDieser Umstand könnte dazu führen, dass 560 Hektar des Grumsiner Forstes gemeinsam mit vier anderen deutschen Buchenwäldern heute in Paris von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannt wird - und dann in einer Klasse rangiert mit dem Grand Canyon, den Galapagos-Inseln oder dem Great Barrier Reef in Australien.Weltwelt gibt es 704 anerkannte Kulturdenkmale, aber nur 180 Naturwunder. In der Bundesrepublik ist die Verteilung noch dramatischer. Auf 30 Unesco-Kulturstätten wie den Kölner Dom oder die Schlösser und Gärten in Berlin und Potsdam kommen bislang nur zwei Naturdenkmale: das Wattenmeer der Nordsee und eine Fossiliengrube im hessischen Messel."Als vor Jahren bundesweit nach würdigen Naturdenkmalen gesucht wurde, sagten wir: Hier ist ein hervorragender Kandidat", erzählt Michael-Egidius Luthardt, der Initiator der Unesco-Bewerbung. Der promovierte Forstwissenschaftler arbeitete früher in der Verwaltung des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, zu dem der Wald gehört. Dann arbeitete er im Potsdamer Umweltministerium und trieb die Unesco-Idee voran. Nun sitzt der 53-Jährige für die Linke im Landtag und ist im Verein "Kulturlandschaft Uckermark", der den Wald nahe der Autobahn 1997 aus Treuhandbesitz kaufte - für eine Millionen Mark aus Lotto-Mitteln des Landes.Luthardt steht an einem Tümpel mitten im Wald. Die Erlen im Wasser werfen düstere Schatten auf die dicke grüne Entengrütze. "Wissenschaftler haben hier im Uferbereich 36 Wasserpflanzen gefunden, die sie sonst noch nirgends gesehen haben", sagt er und stapft einen Berg hinauf. Die Uckermark ist eigentlich von sanften Hügeln aus der Eiszeit geprägt, aber hier trafen vor etwa 11000 Jahren zwei gigantische Eisplatten aufeinander und schoben richtige Berge auf. "Hier sieht es nicht aus wie in Brandenburg, sondern wie in Thüringen, von wo ich stamme", sagt er. Im Grumsiner Forst sind mitunter auf 200 Metern 50 Höhenmeter zu überwinden.Deshalb gibt es auch so viele Buchen - jene Bäume, die auf mehr als drei Viertel des heutigen Bundesgebietes stehen würden, wenn der Mensch nicht vor Jahrhunderten so viele Wälder gerodet hätte. "Weil das Gebiet zu steil ist für die Landwirtschaft, wurde der Grumsiner Wald nie gerodet", sagt Luthardt. Die höchsten Bäume recken sich mehr als 25 Meter in die Höhe, überall gibt es kleine Sümpfe und Seen. Tiefe Gräben mit schwarzem Wasser - mit Torfauswaschungen aus den Mooren - durchziehen die Hügellandschaft. Plötzlich steigt mitten im Wald ein Kranich auf und segelt ruhig durch die Bäume. "Ich kenne in ganz Brandenburg keinen Wald, der eine solche Abwechslung bietet."Der Boden ist von Wildschweinen durchwühlt. "80 Prozent der alten Wege sind inzwischen nicht mehr benutzbar." Für die Natur war es von Vorteil, dass der Wald in der DDR ein Teil des recht unberührten Staatsjagdgebietes war - das Lieblingsrevier von Stasi-Chef Mielke."Es ist kein aufgeräumter Wirtschaftswald", sagt Luthardt, er zeigt auf einen Baumstamm, der am Boden zerbröselt. Den würden Förster sonst sofort entfernen, damit die Käfer, Pilze und all die anderen "Schädlinge" nicht die gesunden Bäume befallen. "Der normale Wirtschaftswald ist ein wenig wie unsere Gesellschaft", sagt er. "Die Alten und Kranken kommen raus, nur die jungen und mittelalten Kraftprotze dürfen bleiben." Doch in diesem Urwald gibt es sie alle: Junge, Dicke, Dünne, Alte. "Und die Toten liefern Humus für die Nachfolger."Es kracht laut im Wald. Irgendwo ist ein riesiger Ast von einem Baum gebrochen. Urkraft im Urwald. "Es ist für mich einfach der schönste Wald in Brandenburg", sagt Luthardt. "Selbst wenn wir nicht Weltnaturerbe werden, wollen wir dafür sorgen, dass ein Weg für Besucher um dieses Totalreservat herumführt." Sonst würden die Leute einfach allein durch den Wald stromern. "Das könnten wir nur schwer verhindern. Es gibt Leute, die reisen extra von Land zu Land, nur um die Welterbestätten zu besuchen."------------------------------Karte: Buchenwald Grumsin Bei der Unesco sind außer dem Grumsiner Forst bundesweit vier weitere große Buchenwälder nominiert.Foto: Im Grumsiner Buchenwald steht Michael Luthardt an einem der vielen Sümpfe, in denen auch einige Erlen wachsen.
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