Die Ankündigung, dass der Philosoph und Publizist Michael Andrick ein neues Buch veröffentlichen würde, hat für erhebliches Interesse gesorgt, vermutlich auch bei Lesern, die ansonsten beim Wort „Philosophie“ eher abwinken. Andricks letztes Werk „Im Moralgefängnis“, in dem der Autor die Krise der politischen Diskussionskultur in Deutschland beleuchtet, landete auf der Spiegel-Bestsellerliste. Mittlerweile verfügt der Autor, der auch als Kolumnist für die Berliner Zeitung arbeitet, über eine feste Fan-Base und erfreut sich auch international größter Beliebtheit. Sein erklärtes publizistisches Ziel: einen Beitrag zu leisten zur gesellschaftlichen Verständigung. Das hohe Interesse an Andricks Texten zeigt, dass der Autor mit seinen Analysen einen Nerv trifft. Die großen Streitthemen der letzten Jahre wie Corona, Ukrainekrieg und andere Aufreger haben für tiefe gesellschaftliche Gräben gesorgt – und Andricks Essays versuchen, diese Gräben zu überwinden. Mit Erfolg.
Kein Wunder also, dass Andricks neuestes Werk „Ich bin nicht dabei – Denk-Zettel für einen freien Geist“ große Erwartungen geweckt habt. Und das zu Recht. Schon im kurzen Prolog zeigt sich deutlich, für welche Werte der Autor eintritt. In dem kurzen Kapitel beschäftigt sich Andrick mit der Entstehung des Philosophen an sich, den er als einen Menschen beschreibt, der das „bedenkenlose Mitgehen mit den Anderen“ ablehnt und dabei den Zeitgeist herausfordert. In den fünf folgenden Kapiteln, die jeweils mit sogenannten Denk-Zetteln, also kleinen, manchmal schmerzhaften Gedankenspielen enden, entfaltet Andrick seine Thesen weiter. Jede der Thesen sitzt.
Konformität und Arbeit werden in dem Buch besprochen und kritisch betrachtet
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Konformität als Ordnungsform
Den Auftakt bildet eine Betrachtung von Arbeit und der damit einhergehenden Konformität. Andrick spricht vom Verhängnis der modernen Gesellschaft mit Verweis auf die Entstehung konformer Denkformen. Die Funktionsweise des Konformisten besteht in der Selbstbetrachtung, die im Abgleich mit den erwarteten Normen geschieht. „Wie wirke ich in diesem Moment wohl? Stimmt diese Wirkung mit den vermutlichen Erwartungen der anderen an mich in dieser Situation überein?“ Ein Fehler, sagt Andrick. Anstatt zu fragen, was andere von einem erwarten, sollte eher darüber sinniert werden, wofür es sich lohnt, zu kämpfen, so der Autor.
Über die wichtige Rolle von Philosophen in einer digitalisierten Welt – schließlich müssen KI und Algorithmen ja irgendwie und vor allem von irgendwem mit Werten gefüttert werden – geht es weiter zu einer leicht resignativen Betrachtung der sogenannten „Work-Life-Balance“, die Erwerbsarbeit vom Rest des Lebens trennt. Auch Mut (oder der beklagenswerte Mangel daran) wird thematisiert. Organisationen, so Andrick, scheitern nämlich nicht selten daran, dass niemand mehr den Mumm hat, der Konformität zu trotzen. Nur mit Mut entwickeln sich Organisationen weiter, vermeiden so den Tod.
Ein typischer Denk-Zettel am Ende eines Kapitels lautet dann auch wenig schmeichelhaft: „Einen Menschen, der sich rühmt, optimal die Erwartungen seiner Umgebung vorauszuahnen und zu erfüllen, nennen wir einen Schleimer, einen Konformisten oder Schlimmeres. Das Wirtschaftssystem, dem wir dasselbe zuschreiben, nennen wir effizient, innovativ, kreativ, liberal usw.“ Eine überraschende und auch clevere Analogie.
Herrschen, lachen und philosophieren
So geht es munter weiter durch die folgenden Kapitel, in denen sich Andrick damit beschäftigt, was Angepasstheit für unsere Gesellschaft für Folgen haben kann. Über die Entlarvung politischer Korrektheit, die eines Systems von Privilegierten bedarf, die bestimmen, was korrekt ist (was sodann oligarchische und nicht-demokratische Strukturen fördert), berichtet das zweite Kapitel. Faktenchecker? In Andricks Augen sind das konforme Gesinnungsprüfer mit sehr klar umrissenen Dienstanweisungen, die den Meinungskorridor verengen und der Demokratie auf diese Weise schaden.
Zuschauer mit Atemschutzmasken bei einem Handballspiels während der Coronapandemie
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Besonders lesenswert wird es im Kapitel „Herrschen“, wenn Andrick erklärt, warum Cancel Culture und Gendersprache nicht etwa zu mehr Sensibilität führen, sondern eher das Fundament kritischer Kreativität untergraben. Dort heißt es: „Das Gendern muss mit allen anderen ideologischen Sprachmanipulationen sozial geächtet und in öffentlichen Institutionen dienstvorschriftlich verboten werden. Es schadet dem Gemeinwohl, indem es die Grundlage offener Diskussionen freier Menschen untergräbt: die gemeinsam und sicher beherrschte Sprache.“
Wer noch glaubt, dass bei den Corona-Maßnahmen alles mit rechten Dingen zuging, wird sich ebenfalls einer kleinen Realitätsprüfung unterziehen dürfen. Andrick beschreibt Krisenzeiten als „psychologischen Gewinn“ für all jene, die unter Sinnentleerung leiden. In einer saturierten Gesellschaft kann der Mensch, der ein unerfülltes individualistisches Leben führt, plötzlich eine haltgebende Gemeinschaft erfahren. Und das hat Konsequenzen. Unsinnige Corona-Schutzmaßnahmen beispielsweise, bei denen Senioren einsam sterben, weil man sie vor einem Infekt „schützen“ möchte, oder Kinder, die psychische Schäden erleiden, werden für die Masse unsichtbar, weil sich genau diese Masse in einem sinnstiftenden kollektiven Rausch, etwa in einem „Kampf gegen das Virus“, befindet, so Andrick sinngemäß.
„Der alte Westen wird, geht die Kulturkorrektur-Bewegung ungebremst weiter, in Idiotie und moralisch-politischer Erblindung enden“, lautet die alarmierende Formulierung von Andrick, die einem zu denken gibt.
Demokratie und die Sache mit den Brandmauern
Mit brisanten Thesen geht es im Demokratie-Kapitel weiter, wo Andrick die beliebten „Brandmauern“ gegen unliebsame Parteien als demokratietheoretisch fragwürdig einstuft. Dort heißt es, dass Brandmauer-Architekten die von ihnen stigmatisierten Parteien disqualifizieren wollen, um selbst an der Macht bleiben zu können. „Wer das Wort von der ‚Brandmauer‘ gegen erlaubte Parteien im Munde führt, der möchte tatsächlich die demokratische Republik abschaffen und sich selbst dauerhaft die Herrschaft sichern“, schreibt Andrick und argumentiert, dass Brandmauern an sich nichts Neues sind und traditionell irgendwann beginnen zu „bröckeln“. Eine Vorstellung, die selbst eingefleischten Brandmauer-Baumeistern ein leichtes Frösteln einflößen dürfte.
Friedrich Merz und sein Umgang mit der Brandmauer waren in den vergangenen Monaten wiederholt Gegenstand des öffentlichen Diskurses
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Ein Plädoyer für das Philosophieren
„Ich bin nicht dabei“ ist eine Mischung aus bereits veröffentlichten Essays und neuen Texten. Leser der Berliner Zeitung werden sicherlich den ein oder anderen Text wiedererkennen. Das Buch ist gut zugänglich, aber dennoch keine leichte Kost. Man fühlt sich beim Lesen oft ertappt, was schamvolle Gedanken an die eigene Konformität provoziert. Denn wer will schon gern zugeben, dass man sich in Sachen Konformität gelegentlich selbst schuldig bekennen müsste?
Abschließend gibt es noch Werbung für das Philosophieren selbst, das der Autor sogar als staatstragende Aufgabe bezeichnet. Zwar braucht jeder „ein wohlkalibriertes Maß an Konformität“, um in einer modernen Industriegesellschaft das Leben zu meistern. Allerdings darf der Konformismus dabei nicht allzu unkritisch werden. Es ist als Aufruf zu verstehen, die eigenen Komfortzone zu verlassen und servierte Gegebenheiten mehr zu hinterfragen.
Andricks Buch ist ein Plädoyer für den freien Geist – ein Aufruf zum kritischen Denken, das in einer zunehmend hysterischen Gesellschaft immer seltener und umso kostbarer wird. Und man muss keineswegs jeden seiner Gedanken teilen, um hier eine klare Leseempfehlung auszusprechen. Schon allein, um der eigenen Denkfähigkeit gelegentlich wieder auf die Sprünge zu helfen.
Michael Andrick: „Ich bin nicht dabei – Denk-Zettel für einen freien Geist“, Verlag Karl Alber, 203 Seiten, Mai 2025, 22,90 Euro.
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