Im Jahre Sieben nach der Entmachtung der Taliban in Afghanistan gibt es gute Nachrichten: Mehrere Millionen Kinder können wieder in die Schule gehen. Mädchen dürfen wieder lernen, Frauen arbeiten. Die Gesundheitsversorgung ist besser geworden, die Kindersterblichkeit gesunken. Das sind Erfolge, zweifellos.Im Jahre Sieben nach der Entmachtung der Taliban in Afghanistan gibt es auch folgende Entwicklungen: Bei Weitem nicht alle Kinder haben die Möglichkeit zum Schulbesuch, die meisten Frauen heiraten sehr jung und bleiben dann zu Hause. Der Anbau von Schlafmohn - unter den Taliban weitgehend gestoppt - hat sich verdoppelt. 90 Prozent des weltweit gehandelten Heroins kommt inzwischen aus Afghanistan.Über zwei Drittel der Bevölkerung sind von Hunger bedroht, nur ein Bruchteil hat Zugang zu Trinkwasser. Ein Student, der einen Text über das Thema Gleichberechtigung verbreitet hat, wurde zum Tode verurteilt und sitzt trotz internationaler Proteste im Gefängnis. Korruption gehört fast zum guten Ton. Der Aufbau von Polizei und Armee geht allenfalls stockend voran. Die Taliban existieren weiter, die Zahl der Entführungen und Anschläge hat deutlich zugenommen. Die Gewalt hat auch auf den bisher als ruhig geltenden Norden übergegriffen. So gesehen steht das Land auf der Kippe.Es ist nicht zu erwarten, dass die Afghanistan-Konferenz, die heute in Paris beginnt, ein so düsteres Bild zeichnet. Es werden die Fortschritte betont, neue Ziele formuliert und die Hilfsgelder erhöht werden. Damit auch ein paar kritische Worte fallen, wird Staatschef Hamid Karsai sich anhören müssen, dass es so nicht weitergeht mit der Korruption. Es wäre wohl sinnvoller, wenn sich der Westen nicht zu sehr auf die Schulter klopfen würde. Nicht allein die Afghanen sind schuld, dass es nicht so richtig läuft in ihrem Heimatland. Die internationale Gemeinschaft hat zwar Soldaten gesandt, sie hat mehrere Milliarden Euro in Entwicklungshilfeprojekte investiert.Vor allem aber hat sie das Thema Afghanistan unterschätzt. Es ist an der Zeit, sich das einzugestehen. Es geht dabei nicht um Buße-Übungen und das Bekennen von Fehlern, sondern um die Anerkennung, dass eine Stabilisierung dieses zerrütteten Landes nicht ein paar Jahre, sondern eher Generationen braucht. Nur wer sich das bewusst macht, kann langfristige Konzepte entwickeln.Stattdessen geht die Entwicklung in eine andere Richtung: Schon wird über Rückzugs-Zeiträume spekuliert. Noch zehn bis 15 Jahre werde die internationale Gemeinschaft in Afghanistan zu tun haben, sagte vor wenigen Tagen etwa Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Auch aus anderen Ländern gibt es Signale, dass es mit der Geduld nicht mehr weit her ist. Wer aber Afghanistan als Herd des internationalen Terrorismus definiert hat, muss genau diese Geduld aufbringen. Nach Jahrzehnten der Gewalt, in denen sich nur die Vorzeichen änderten - mal Bürgerkrieg, mal russische Invasion, mal Taliban-Herrschaft -, ist Entspannung nicht per Dekret zu verordnen. Die traditionellen Stammesstrukturen passen mit den westlichen Demokratie-Vorstellungen nicht zusammen. Macht und Autorität leiten sich stark von Familien- und Clanzugehörigkeit ab oder einfach nur aus der Demonstration von Stärke. Wie schwierig es ist, vor diesem Hintergrund einem abstrakten Konstrukt "Staat" zu Anerkennung zu verhelfen, hat man schlicht ignoriert. Dies würde auch dann der Fall sein, wenn die Regierung frei von Korruptionsvorwürfen wäre.Es kann also nicht um Rückzug gehen, im Gegenteil: Wenn Afghanistan eines Tages ohne internationale Hilfe funktionieren soll, muss diese Hilfe überzeugender werden. Dazu gehört eine Aufstockung der Finanzhilfen, aber auch ein Konzept gegen den Drogenanbau - damit das Land wirtschaftlich auf die Beine kommt. Dazu gehört es, endlich ausreichend Ausbilder für Polizei und Militär zur Verfügung zu stellen, statt nur über die "selbst tragende Sicherheit" zu schwadronieren und die jeweils anderen Staaten zu beschuldigen, nicht ausreichend engagiert zu sein. Und weil in der afghanischen Gesellschaft nur zählt, wer Muskeln zeigt - das mag man beklagen, aber es ist nun mal so -, gehören dazu auch mehr internationale Soldaten.Rückzugsstrategien dagegen bewirken das Gegenteil: Sie sind eine Überlebensperspektive für die Taliban. Für die Bevölkerung ist es das Signal, sich lieber schon jetzt mit denen gut zu stellen, die künftig wieder das Sagen haben werden.------------------------------Rückzugsstrategien sind für die Bevölkerung das Signal, sich lieber schon jetzt mit denen gut zu stellen, die künftig wieder das Sagen haben: die Taliban.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]