Interview

Geopolitik-Experte: „Indien ist gleichgültig, was in der Ukraine passiert“

Indien wird zur globalen Macht. Der Indien-Experte Haack über den Wandel des Landes von Indien zu Bharat, Chinas Einfluss und eine Außenpolitik des Eigeninteresses.

6 Min
Pragmatismus: Um den wirtschaftlichen Aufstieg seines Landes zu ermöglichen, setzt Indiens Premier Modi auf russische Energie.

Pragmatismus: Um den wirtschaftlichen Aufstieg seines Landes zu ermöglichen, setzt Indiens Premier Modi auf russische Energie.

© ANI/imago

Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt und gewinnt wirtschaftlich und geopolitisch an Gewicht. Trotzdem ist die Indien-Expertise in Deutschland vergleichsweise klein. Im Gespräch erklärt der Indien-Experte und Buchautor Adrian Haack, wie sich Indien verändert, was hinter dem Begriff „Bharat“ steckt und warum das Land seine Außenpolitik konsequent am eigenen Interesse ausrichtet.

Warum Deutschland Indien stärker in den Blick nehmen muss

Herr Haack, Indien wird wirtschaftlich und geopolitisch immer wichtiger. Warum ist das Land in Deutschland trotzdem noch vergleichsweise wenig präsent?

Das ändert sich gerade. Deutschland hatte zuletzt ein Vakuum bei der Indien-Expertise, das zunächst nicht gefüllt wurde. Jetzt zieht das Interesse an. Die SWP hat ihren Indien-Desk nachbesetzt, die DGAP baut ein Indien-Zentrum auf.

Im Vergleich zu anderen Weltregionen gibt es aber weiterhin relativ wenig Expertise. Auch in den Medien sitzen nur wenige Korrespondenten tatsächlich in Indien. Über Indien wird vielfach aus Bangkok, Singapur, Dubai oder Deutschland berichtet.

Die Welt wird sowieso indischer. Indien hat nicht nur die größte Bevölkerung der Welt, sondern auch eine sehr junge Bevölkerung. Gleichzeitig integriert sich das Land wirtschaftlich und politisch zunehmend in die Welt. Auch wirtschaftlich gewinnt es weiter an Gewicht.

Zur Person
Adrian Haack

Zur Person

Adrian Haack ist Politikwissenschaftler und war von 2022 bis 2026 Leiter des Auslandsbüros Indien der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er beschäftigt sich im Schwerpunkt mit der Außen- und Sicherheitspolitik auf dem Subkontinent sowie mit der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens. Sein Buch „Von Indien zu Bharat“ erschien 2026 im Verlag Herder.

Vom alten Indien zum neuen Indien

Ihr Buch heißt „Von Indien zu Bharat“. Was beschreibt dieser Begriff?

Bharat ist in Indien ein ganz normaler Begriff und wird im Alltag, in der Werbung und auch von der Politik verwendet. Auch die Verfassung verwendet Indien und Bharat im Grunde gleichrangig. Dass die Präsidentin zum G20-Gipfel mit „President of Bharat“ unterschrieb, hat deshalb vor allem gezeigt, wie wenig wir die indische Binnenperspektive kennen.

Bharat steht zugleich für ein bestimmtes Selbstverständnis. Der alte Name soll für ein neues Kapitel stehen. Indien befindet sich aus meiner Sicht in einem Übergangsprozess vom alten zum neuen Indien. Das alte Indien hatte auf der Weltbühne keinen nennenswerten Platz, das neue will mit am Tisch sitzen. Bharat ist dafür eine Chiffre.

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Mondmission und Kinder mit Mangelernährung: Die Gleichzeitigkeit von Hochtechnologie und absoluter Armut in Indien ist gerade im Westen schwer greifbar.

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© stock&people/imago

Wie Indien mit seinen Gegensätzen lebt

Indien verbindet enorme technologische Fortschritte mit großer Armut: Mondmission und Mangelernährung. Wie lässt sich diese Gleichzeitigkeit verstehen?

Für viele Europäer ist dieser Widerspruch schwer auszuhalten, weil wir anders sozialisiert sind. Der Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse ist aber kein universeller Anspruch, sondern ein genuin europäischer. Die indische Gesellschaft hat diesen Anspruch nicht in derselben Form. Deshalb ist diese Gleichzeitigkeit für viele Inder auch kein Widerspruch.

Die Welt ist nicht so wie Europa. Andere Gesellschaften haben andere Denktraditionen und Wertekanons. Das sollte man sich bewusst machen, bevor man Indien mit europäischen Maßstäben beurteilt.

Warum Indien außenpolitisch auf mehreren Seiten steht

Sie schreiben, Indiens Außenpolitik sei zu einem großen Teil eine Reaktion auf China. Wie erklären Sie die außenpolitische Strategie des Landes?

Indien hat eine sehr schwierige außenpolitische Umgebung. China spielt dabei eine zentrale Rolle – nicht nur wegen des direkten Konflikts, sondern auch wegen seines Einflusses auf Pakistan, Nepal, Bangladesch oder Sri Lanka.

Gleichzeitig hat Indien ein starkes Handelsdefizit mit China, obwohl das politische Verhältnis schwierig ist. Deshalb verfolgt Indien eine Politik des Multi-alignment: Das Land versucht, sich möglichst aus Konflikten herauszuhalten und gute Beziehungen zu möglichst vielen Teilen der Welt zu unterhalten – immer unter der Prämisse, dass es dem eigenen Nutzen dient.

Indien nimmt aus den Beziehungen immer das Beste heraus. Deutschland, Japan und Korea sind wichtige Partner beim Ausbau der Industrie, die USA, Israel und Frankreich unter anderem im Verteidigungsbereich. Gleichzeitig hält Indien die Beziehungen zu Russland aufrecht. Der Drahtseilakt funktioniert bisher.

Russland, der Westen und das indische Eigeninteresse

Warum hält Indien trotz des Krieges in der Ukraine an seiner Beziehung zu Russland fest?

Die Inder wissen, dass sie sicherheitspolitisch im Großen und Ganzen auf sich selbst gestellt sind. Deshalb schauen sie bei jeder Beziehung: Was brauche ich daraus? Brics kann aus institutioneller Sicht eine antiwestliche Dimension haben, gleichzeitig ist Indien aber eng mit westlichen Staaten verbunden. Das zeigt, dass die Beziehungen nicht nach einem einfachen Freund-Feind-Schema funktionieren.

Auch bei Russland steht das eigene Interesse im Vordergrund. Der Rabatt, den die Russen auf ihr Öl geben, ist eine Querfinanzierung der indischen Wirtschaft. Gerade in diesem Krieg, der aus europäischer Sicht emotional ist, wird man mit Indien nicht auf einen Nenner kommen. Indien ist – der Außenminister hat es ja ganz offen kommuniziert– gleichgültig, was in der Ukraine passiert. Solange Russland mit seinem Öl-Rabatt die indische Volkswirtschaft querfinanziert, wird man aus Delhi keine grundlegende Kritik hören. Obwohl Indien selbst ja bereits Opfer in diesem Krieg zu beklagen hatte.

Das ist eine stark interessengeleitete Außenpolitik.

Neu-Delhi oder Berlin?

Sie haben viele Jahre in Indien gelebt. Was vermissen Sie heute in Berlin besonders?

Den positiven Trend. Das Indien, das ich 2026 verlassen habe, war ein besseres als das, in dem ich 2022 angekommen bin. Viele Menschen dort sagen: Heute ist es besser als vor zehn Jahren – und in zehn Jahren wird es besser sein als heute.

Was ich außerdem vermisse, ist die unglaubliche Kommunikationsfreude der Inder. Das kann auch anstrengend sein. Andererseits ist es etwas, das in Deutschland manchmal zu kurz kommt. Ich habe das Gefühl, in Deutschland reden wir zu wenig miteinander, während in Indien jeder jedem seine Gedanken ausschüttet. Man trifft in Indien viele freundlich gesinnte Menschen.

Dr. Adrian Haack: Von Indien zu Bharat. Aufstieg und Ambitionen der neuen Weltmacht. Verlag Herder, Freiburg 2026. 288 Seiten, 22 Euro

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