Man hat ja keine Vorstellung davon, wie viele Menschen in Deutschland auf die Kabarettbühnen drängen. Allein im Frühjahrsprogramm der Wühlmäuse sind dreißig Kabarettisten annonciert. Das sind dreißig - übrigens ausschließlich männliche - Menschen, die sich im Winter Witze über die Abwrackprämie ausgedacht haben. Männer, die "Hintersinniges" über Ulla Schmidt, die Konsumgesellschaft und die Menopause zu erzählen haben. Dabei möchten viele Zeitgenossen eigentlich nicht dabei sein, wenn "Querdenker" ihnen etwas über die Gesellschaft vorsezieren. Sezieren und querdenken kann man ja auch alleine für sich, zuhause im Sessel, ohne dass einem jemand vor der Nase herumturnt.Jedoch: Am Montag gastierte Gerhard Polt in den Wühlmäusen. Für seine Anhänger ist Polt der König von Bayern. Mit den Filmsatiren "Kehraus" und "Man spricht deutsch" erlangte er bundesweit Bekanntheit. Außerhalb von Bayern ist vielleicht nicht so bekannt, dass Polt in vielfältiger Weise kreativ ist. Mit den Toten Hosen absolvierte er mal ein weihnachtliches Spaßprogramm, doch er zieht auch herum in der bayerischen Provinz und liest aus den Werken des Arbeiterdichters Oskar Maria Graf. Polt als Kabarettisten zu bezeichnen, trifft es eigentlich nicht. Alles, was an Kabarettisten so stört, meidet dieser Mann. Brüllt er wie besessen von einer Bühne herunter, dann aus gutem Grund. Hat er eine geistreiche Pointe losgelassen, wird er nie diese eitle kleine, vorgeblich bescheidene Pause einlegen, in die planmäßig der Beifall branden soll.In Berlin präsentierte sich Polt als der große Menschendarsteller. Er ist jetzt 67 und reift zu immer größerer Großartigkeit heran. Seine Gabe besteht darin, Blödigkeit und Genie des sogenannten kleinen Mannes in einer einzigen Darstellung zu vereinen. Polt braucht dabei nicht viel Text, er kommt auch mit Lauten aus, um die totale Verschmelzung mit einer Person zu erreichen. So etwa in der Darstellung einer bayerischen Mutti, die mit dem "Vati" einen Gourmet-Trip zu den Aborigines gebucht hat. Alle großen Künstler sind im Kern Zwitter, wie mal jemand über Tolstoi sagte, das trifft auch auf Gerhard Polt zu. Die makellose Darstellung dieser Mutti, diese kleinen, niemals überzeichneten Quiekser und Seufzer, das ist sozusagen große Transgender-Kunst. "Der Vati hätte so gerne einmal etwas Ausgestorbenes gegessen" beanstandet die Frau im Nachhinein, und: "Ein Irrsinnsflug ist das nach Australien, da hast du einen Tag Jetlag - und das ist ein Tag, den musst du voll bezahlen!"Schlaumeiertum und irrwitzige Logik, das ist das kleinbürgerliche Selbstbehauptungsprinzip, das Polt in vielerlei Darbietungen variiert. Über die gesellschaftliche Aktualität hinaus zielt er weit ins menschlich-typologische. Als Gemeinderatsvertreter etwa, als Bürgermeister oder auch als Wirtshausgast, der sich Gedanken zu Europa macht: "Des gibt's ja nicht mehr, das Nationale. Wenn man konsequent europäisch denkt, haben wir Deutschen in der Normandie mit den Engländern die Nazis besiegt". Dann bedankt sich Polt für das "schöne Geräusch", den Beifall, und wünscht leise einen schönen Abend.Noch bis Freitag täglich um 20 Uhr bei den Wühlmäusen. Tel.: 30 67 30 10------------------------------Foto: Gerhard Polt, König von Bayern
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