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Der 17. Juni: Tag des Aufstands und der Hoffnung

Am 17. Juni erinnert Deutschland an den Volksaufstand von 1953 in der DDR, an den Mut der Menschen und an die brutale Niederschlagung durch sowjetische Panzer und das SED-Regime.

Alexander Kulpok
7 Min
Junge tschechische Demonstranten mit einem Schild mit der Aufschrift „Nur autorisiertes Personal – Zutritt strengstens untersagt“ klettern am 21. August 1968 auf einen sowjetischen Panzer auf dem Wenzelsplatz in Prag.

Junge tschechische Demonstranten mit einem Schild mit der Aufschrift „Nur autorisiertes Personal – Zutritt strengstens untersagt“ klettern am 21. August 1968 auf einen sowjetischen Panzer auf dem Wenzelsplatz in Prag.

© CTK Photo/imago

Es ist eine Geschichte des Widerstands gegen Unrecht und Unterdrückung. Rund eine Million Menschen gingen damals in der DDR auf die Straße, viele von ihnen in Ost-Berlin und den großen Städten des Landes, um gegen Bevormundung, politische Willkür und ihre Lebensbedingungen zu protestieren.

Was als Protest gegen Normerhöhungen begann, wurde rasch zu einem landesweiten Aufstand für Freiheit, freie Wahlen und die Einheit Deutschlands. Die Reaktion der Staatsmacht war brutal: Die sowjetische Besatzungsmacht verhängte den Ausnahmezustand, Panzer rollten in die Städte, und der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.

Der 17. Juni blieb deshalb zu Recht ein zentrales Datum der deutschen Freiheitsgeschichte. Er steht für den Mut zum Widerstand und für die Erfahrung, dass Freiheit in der Nachkriegszeit keineswegs selbstverständlich war.

Die letzten Tage im August vor 55 Jahren brachten dagegen das brutale Ende des „Prager Frühlings“. Eine Hoffnung, die Europa und die Welt für Monate faszinierte, wurde von sowjetischen Panzern erstickt – ähnlich wie am 17. Juni 1953 in Berlin oder im Oktober 1956 in Budapest.

Ein Fernsehteam des Senders Freies Berlin (SFB) wurde in der Nacht zum 21. August 1968 in seinem Prager Hotel von dröhnenden Geräuschen aufgeschreckt. Ein Blick aus dem Fenster genügte: Panzer der Roten Armee beherrschten das Stadtbild.

Einschüsse in einem Fenster im Nationalmuseum mit Blick auf den Wenzelsplatz

Einschüsse in einem Fenster im Nationalmuseum mit Blick auf den Wenzelsplatz

© CTK Photo/imago

Ende des „Prager Frühlings“

Der tschechische Kameramann geriet in Panik. „Wegen dieser Leute habe ich mein Heimatland verlassen!“ Nach dem kurzen Gastspiel von Meinungsfreiheit und Menschenrechten kehrte die stalinistische Unterdrückung unübersehbar zurück. Wie entkommen?

Das Problem für das SFB-Team und seinen roten VW-Bus waren, wie sich schnell herausstellte, nicht die Panzer, sondern der plötzliche Mangel an Treibstoff. Mit Tricks und Schläue und mit kräftiger Unterstützung von Einheimischen wurde diese Schwierigkeit jedoch Kilometer für Kilometer überwunden, sodass die bayerische Grenze nach zwei Tagen erreicht war, als Alexander Dubcek und seine Getreuen bereits verhaftet und nach Moskau verschleppt waren.

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Der Abweichler Imre Nagy war in Ungarn hingerichtet worden. Wir befürchteten das Schlimmste für Dubcek. Die Wahl Alexander Dubceks am 5. Januar 1968 zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der CSSR und Nachfolger von Parteichef Antonin Novotny galt zunächst als Glücksfall für den SFB in seiner Funktion als Frontstadtsender und Stimme der westlichen Welt.

Alexander Dubcek in einem Fernsehstudio im Juli 1968

Alexander Dubcek in einem Fernsehstudio im Juli 1968

© CTK Photo/imago

Freie Berichterstattung aus der CSSR

Mit Jahresbeginn 1968 hatte der SFB sein neues politisches Magazin „Kontraste“ etabliert, das sich auf die Entwicklung in Osteuropa und die Warschauer-Pakt-Staaten konzentrieren sollte. ARD-Fernsehkorrespondent Helmut Clemens konnte frei und ungehindert aus der CSSR berichten. Westliche Korrespondenten durften ein- und ausreisen. Eine Sensation für damalige Verhältnisse.

Der angeschlagene Staatschef Novotny reagierte mit den üblichen Sanktionen. Da die Kritik an Novotny und der bisherigen Parteiführung massiv aus den Kreisen der Intellektuellen und des Schriftstellerverbandes kam, wurden Verwarnungen und Parteiausschlüsse ausgesprochen – darunter gegen so prominente Vertreter wie Pavel Kohout, Ivan Klima und Vaclav Havel.

An den Sympathien für Dubcek und der euphorischen Stimmung im Land konnte das alles wenig ändern. Dubceks erfolgreiches Motto lautete „Seid Ihr mit uns – Wir sind mit Euch!“. Der Funke war schnell übergesprungen, wirksam angefacht von den Medien in der Tschechoslowakei.

Im Hörfunk war der ständige Kontaktmann und Berichterstatter des SFB der Prager Radio-Redakteur Frantisek Cerny, nach der Wende, als Vaclav Havel ab 1989 CSSR-Staatspräsident war, Botschafter seines Landes in Berlin. In Bonn übernahm der liberale Journalist Vilem Fuchs bis zur Niederschlagung der Freiheitsbewegung die Berichterstattung für den CSSR-Rundfunk aus der Bundeshauptstadt.

Menschen umringen abgebrannte Stadtbusse in einer Barrikade gegen sowjetische Panzer in der Nähe der Zentrale des Tschechoslowakischen Rundfunks in Prag am 21. August 1968

Menschen umringen abgebrannte Stadtbusse in einer Barrikade gegen sowjetische Panzer in der Nähe der Zentrale des Tschechoslowakischen Rundfunks in Prag am 21. August 1968

© CTK Photo/imago

Bundesaußenminister Willy Brandt hatte in Abstimmung mit dem Bundeskanzler und den Ministern Karl Schiller (Wirtschaft, SPD) und Franz Josef Strauß (Finanzen, CSU) den Wirtschaftsexperten und Diplomaten Otto E. Heipertz – bis Kriegsende Regierungsrat im Preußischen Staatsministerium in Berlin und nach 1945 in der Abteilung Wirtschaft des Magistrats von Berlin beschäftigt – als Leiter der Bonner Handelsmission nach Prag entsandt.

Heipertz gab uns im Juni 1968 im Gebäude des tschechoslowakischen Rundfunks in Prag bereitwillig ein Interview. Jetzt standen Fragen künftiger Wirtschaftsbeziehungen mit einer vermutlich neuen CSSR im Mittelpunkt.

Doch das war für Moskau, wie sich herausstellte, der Rubikon, der auf keinen Fall überschritten werden durfte. Denn offenkundig drohte hier der Kapitalismus. Als der Bundesbankpräsident Karl Blessing am 16. Juli 1968 im Zusammenhang mit Prager Kreditwünschen in die CSSR reiste, schien bei dem Ukrainer Leonid Breschnew und seiner Entourage im Kreml die rote Linie erreicht.

Ein flammendes Warnzeichen

Zwar hatten zuvor CDU-Politiker sowie Genscher und Scheel und SPD-Eppler den aufmüpfigen Sozialisten um Dubcek Freundschaftsbesuche abgestattet (selbst Rudi Dutschke hatte sich nicht lumpen lassen und war nach Prag gereist), doch der westdeutsche Bundesbankpräsident war ein rotes Tuch und flammendes Warnzeichen.

Neben seinem Generalstab aktivierte der Kreml auch seine Getreuen in der CSSR – allen voran den Nachbarn von Dubcek in Bratislava/Preßburg Gustav Husak. (Die Häuser der beiden stehen noch heute einträchtig nebeneinander im Villenviertel von Bratislava.)

Husak wurde nach dem Sturz Dubceks neuer Generalsekretär und danach – 1975 – sogar als erster und einziger Slowake CSSR-Staatspräsident. Von Alexander Dubcek, der an Leib und Leben verschont blieb, sah man 1969 ein Foto, das ihn mit einer Aktentasche irgendwo an einer Bushaltestelle in Bratislava zeigte. Er wurde gezwungen, die Politik zu verlassen, und landete irgendwo in der Produktion.

Gustav Husak, Nachfolger von Dubcek, hält eine Rede auf einer Sitzung des 24. Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Kongresspalast des Kremls, 1971

Gustav Husak, Nachfolger von Dubcek, hält eine Rede auf einer Sitzung des 24. Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Kongresspalast des Kremls, 1971

© Vladimir Musaelyan/imago

Nach der „Samtenen Revolution“, die Vaclav Havel zum Staatspräsidenten machte, wurde Dubcek zum Parlamentspräsidenten gewählt. 1992 berief ihn die Sozialdemokratische Partei der Slowakei zu ihrem Vorsitzenden.

Sein Tod am 7. November 1992 schuf weitere Unklarheiten. Wieder schienen dunkle Mächte um Dubcek ihre schmutzigen Hände im Spiel zu haben. Denn als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des künftigen Präsidenten der Slowakei starb er an den Folgen eines mysteriösen Autounfalls.

Heute steht sein Denkmal oben auf der Burg von Bratislava. Unweit davon wurden ihm zu Ehren drei Bäume gepflanzt, die für Dubcek nun mächtig in den Himmel wachsen.

Ein Nachspiel hatte das Drama der letzten Augusttage von 1968 aber dennoch. Bei der Eishockey-Weltmeisterschaft im März 1969 in Stockholm nahm das Team der CSSR in den Begegnungen mit der Sowjetunion in auf seine Art Revanche für die Niederschlagung des „Prager Frühlings“, dass es dem sowjetischen Eishockey-Trainer den Angstschweiß ins Gesicht trieb. „Sie trampelten auf unseren Nerven herum“, klagte er unter dem Pfeifkonzert der 10.000 Zuschauer.

Alexander Kulpok ist Journalist und Autor. Er arbeitete im Sender Freies Berlin, zunächst im Jugendfunk, dann als Reporter, Redakteur, Moderator und schließlich lange als Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion.

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