Gesundheitsversorgung

Gesundheitskommission MV: Die Konzepte stehen – jetzt kommt die Bewährungsprobe

Nach vier Jahren ziehen die Gesundheitsexperten Bilanz und legen Strategien für MV vor. Jetzt entscheidet sich, ob daraus mit Geld und Personal bessere Versorgung wird.

Danilo Vitense
Danilo Vitense
4 Min
Im Mittelpunkt standen vier große Bereiche, darunter die Versorgung von Müttern und Kindern, die Prävention, eine stärker vernetzte Medizin unabhängig vom Wohnort und gesundes Altern.

Im Mittelpunkt standen vier große Bereiche, darunter die Versorgung von Müttern und Kindern, die Prävention, eine stärker vernetzte Medizin unabhängig vom Wohnort und gesundes Altern.

© Hendrik Schmidt

Von der Geburtshilfe bis zur Altersmedizin, von Prävention bis Telemedizin: Nach knapp vier Jahren legte die Gesundheitskommission Mecklenburg-Vorpommern am Dienstag Resultate vor. Auf dem Papier ist viel erreicht, mehrere Strategien und Ziele wurden niedergeschrieben. Ob daraus tatsächlich eine bessere Versorgung im Flächenland wird, entscheidet sich allerdings erst jetzt. Es hängt an Geld, Personal und der Frage, was davon verbindlich umgesetzt wird.

Die 2022 eingesetzte Kommission sollte die Empfehlungen der früheren Landtags-Enquete zur medizinischen Versorgung in konkrete Konzepte übersetzen. Dafür saßen Ärzte, Vertreter von Krankenhäusern, Krankenkassen, Kommunen, Wissenschaft und Patientenvertreter an einem Tisch, ihr Blick dabei bis ins Jahr 2040 gerichtet. Im Mittelpunkt standen vier große Bereiche, darunter die Versorgung von Müttern und Kindern, die Prävention, eine stärker vernetzte Medizin unabhängig vom Wohnort und gesundes Altern.

Geburtshilfe wird vernetzt, Prävention setzt früher an

Für die Geburtshilfe und Kindermedizin verabschiedete die Kommission das Ziel „Geburtshilfe und Pädiatrie 2030“. Vorgesehen sind engere Kooperationen zwischen ambulanten und stationären Angeboten, mehr Telemedizin und eine besser organisierte Notfallversorgung.

Unter anderem sind einheitliche Beratungen für Schwangere bei der Wahl des Geburtsortes und Babylotsen in Kliniken geplant. Perspektivisch soll es zudem eine pädiatrische Telefonberatung geben. Wo Kinderärzte fehlen, entstehen sogenannte Tandempraxen, in denen Haus- und Kinderärzte zusammenarbeiten. Die Umsetzung soll ein Koordinierungsgremium begleiten, flankiert vom Netzwerk „Rund um die Geburt“.

Im Oktober 2025 beschloss die Kommission zudem die Landesstrategie für Gesundheitsförderung und Prävention. Im Fokus stehen Bewegung, psychische Gesundheit, Suchtprävention und Gesundheitskompetenz. Die Idee dahinter ist eine Gesundheitsförderung, die nicht erst in der Arztpraxis beginnt. Angebote setzen stärker dort an, wo Menschen ihren Alltag verbringen, so das Ziel. Das heißt in Kommunen, Kitas, Schulen, Betrieben und sozialen Einrichtungen. Dafür sind im Doppelhaushalt 2026/2027 des Landes vier Millionen Euro vorgesehen.

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Gerade im dünn besiedelten MV soll die Digitalisierung helfen, Entfernungen zu überbrücken. Der Plan ist ein landesweites Netz, über das Krankenhäuser digitale Fallbesprechungen zwischen Ärzten nutzen. Für kleinere Kliniken könnte das bedeuten, schneller einen Spezialisten hinzuziehen, Befunde gemeinsam zu beurteilen und manche Verlegung zu vermeiden. Entsprechende Strukturen werden gemeinsam mit Schleswig-Holstein vorbereitet.

Für Patienten bleibt das Versprechen überschaubar, aber wichtig: weniger Wege und schnellerer Zugang zu spezialisiertem Wissen.

Viel Papier, wenig Beweis und der Handlungsdruck wächst

28 Prozent der Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns waren 2024 mindestens 65 Jahre alt. Insbesondere für ältere Menschen mit mehreren Erkrankungen entscheidet sich die Qualität der Versorgung oft nicht an einer einzelnen Behandlung, sondern an den Übergängen dazwischen. Nach einem Krankenhausaufenthalt darf nicht die nächste Versorgungslücke warten.

Die Schwachstelle der Bilanz liegt aber genau dort, wo Gesundheitspolitik schwierig wird: bei der Umsetzung. Die Kommission hat Ziele und Strategien vorgelegt. Einen flächendeckenden Nachweis, dass dadurch Erreichbarkeit, Wartezeiten oder Behandlungsergebnisse bereits besser geworden sind, gibt es bislang nicht.

Das Papier zur Geburtshilfe versteht sich ausdrücklich als handlungsleitender Rahmen. Die Vorschläge sollen von den Beteiligten in eigener Verantwortung umgesetzt werden. Auch bei Telemedizin und Geriatrie fehlen in der Bilanz konkrete Zeitpläne, messbare Zwischenziele und vollständig ausgewiesene Kosten.

Gute Konzepte sind in der Gesundheitspolitik schnell geschrieben. Schwierig wird es, wenn sie auf dem Land umgesetzt werden sollen. Dort, wo Ärzte fehlen, Kliniken unter finanziellem Druck stehen und die Wege weit sind.

Die nächste Regierung ist am Zug

Wie groß der Reformbedarf weiterhin ist, zeigen die Positionen der wichtigsten Akteure. Nach einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hätten 2024 rund 57 Prozent der Krankenhausfälle in Mecklenburg-Vorpommern ambulant behandelt oder durch eine bessere Versorgung im Vorfeld vermieden werden können. Die AOK Nordost fordert deshalb eine entschlossene Krankenhausreform. Die Krankenhausgesellschaft blickt aus einer anderen Richtung auf das Problem. Sie warnt vor finanziellen Kürzungen und wachsender Planungsunsicherheit für die Kliniken.

Beide Positionen sind keine unmittelbare Reaktion auf die Bilanz der Gesundheitskommission. Sie zeigen aber den Grundkonflikt, der über der Reform liegt. Wie viel Konzentration verträgt ein Flächenland, wie viel wohnortnahe Versorgung kann es sich leisten und wer bezahlt sie?

Die Kommission selbst will weitermachen, im Juni sprachen sich ihre Mitglieder einstimmig dafür aus. Politisch kommt die Bilanz zu einem interessanten Zeitpunkt, weniger als vier Wochen vor der Landtagswahl. Für die nächste Landesregierung liegt damit einiges auf dem Tisch.

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