Cyberkriminalität

Gewalt in Scam-Zentren: Myanmar droht Betreibern mit der Todesstrafe

Ein neues Gesetz sieht die Höchststrafe vor, wenn Opfer infolge von Misshandlungen sterben. Parallel meldet Malaysia eine Großrazzia gegen ein Scam-Netzwerk.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
5 Min
Ein Innenraum im Betrugskomplex KK Park bei Myawaddy, dessen Gebäude Myanmars Militärregierung Ende 2025 sprengen ließ.

Ein Innenraum im Betrugskomplex KK Park bei Myawaddy, dessen Gebäude Myanmars Militärregierung Ende 2025 sprengen ließ.

© eyepress/imago

Das militärgestützte Parlament in Myanmar hat am Dienstag ein Gesetz gegen organisierten Online-Betrug beschlossen. Erstmals ist darin für Betreiber solcher Zentren die Todesstrafe vorgesehen. Nach dem Anti-Online-Scam-Gesetz drohen zehn Jahre bis lebenslange Haft, wenn Menschen mit Gewalt, Folter oder rechtswidriger Freiheitsentziehung zu Internetbetrug gezwungen werden. Stirbt ein Opfer infolge solcher Misshandlungen, dann sei die Todesstrafe zu verhängen, heißt es im Gesetzestext, wie AFP berichtete.

Parlamentspräsident Aung Lin Dwe verkündete den Beschluss im Staatsfernsehen. Es ist das erste Gesetz der Regierung von Min Aung Hlaing, der nach dem Militärputsch von 2021 im April dieses Jahres nach gelenkten Wahlen das Präsidentenamt übernommen hatte.

Nach Angaben der Behörden wurden im Zusammenhang mit dem organisierten Online-Betrug bis Ende Juni 14.730 Ausländer festgenommen, die illegal ins Land eingereist waren. Zudem seien alle 77 Gebäude in dafür bekannten Gebäudekomplexen an der Grenze zu Thailand wie Shwe Kokko und KK Park in Myawaddy abgerissen worden.

Was sind Scam-Zentren und wie funktionieren sie?

Scam-Zentren sind bewachte Gebäudekomplexe, in denen Hunderte bis Tausende Menschen Online-Betrug im industriellen Maßstab betreiben. Von außen gleichen sie oft Büroparks oder Hotels. Im Inneren sitzen Arbeiter vor Computern und kontaktieren über soziale Medien und Messenger potenzielle Opfer weltweit.

Die Abläufe sind organisiert: Schichtpläne, tägliche Umsatzquoten, Bestrafungen bei zu geringem Ertrag. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Schläge, Elektroschocks und Nahrungsentzug als Druckmittel.

Eine verbreitete Masche heißt „Pig Butchering“ – auf Chinesisch „Sha Zhu Pan“, wörtlich: das Schwein schlachten. Betrüger bauen über Wochen eine scheinbare Liebesbeziehung auf, meist über Dating-Apps. Ist das Vertrauen da, lenken sie das Gespräch auf angeblich lukrative Investments in Kryptowährungen.

Die Opfer zahlen auf gefälschten Handelsplattformen ein, sehen scheinbare Gewinne und investieren immer mehr – bis die Plattform verschwindet und das Geld weg ist. Der Name kommt daher, dass das Opfer erst „gemästet“ und dann „geschlachtet“ wird.

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Warum ist Myanmar das Epizentrum der Betrugsindustrie?

Seit dem Militärputsch vom Februar 2021 kontrolliert die Zentralregierung weite Teile Myanmars nicht mehr. Die Grenzregionen – etwa der Bundesstaat Karen nahe Thailand oder die Region Kokang an der chinesischen Grenze – kontrollieren bewaffnete Milizen.

In Sonderwirtschaftszonen wie Shwe Kokko bei der Grenzstadt Myawaddy entstanden Siedlungen für die Betrugsindustrie. Die Corona-Pandemie beschleunigte den Ausbau: Casinos und andere Einnahmequellen der Milizen fielen weg, Online-Betrug füllte die Lücke. Auch Kambodscha, Laos, die Philippinen und Malaysia beherbergen solche Zentren.

Menschenhandel in industriellem Ausmaß

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen warnte am selben Tag vor einem starken Anstieg des Menschenhandels in südostasiatische Betrugszentren. In Anlagen in Myanmar, Kambodscha und Laos arbeiteten bis zu 300.000 Menschen, sagte IOM-Generaldirektorin Amy Pope in Genf.

Die meisten Arbeiter dort sind solche Opfer von Menschenhandel: Kriminelle locken sie über soziale Medien mit gut bezahlten Stellenangeboten, etwa als Übersetzer oder IT-Fachkraft. Nach der Ankunft werden die Pässe eingezogen, unter Gewaltandrohung müssen sie Betrugsanrufe führen. Einige Betroffene berichteten laut IOM von sexueller Gewalt und Isolationshaft.

Laut einem Bericht des Büros des UN-Hochkommissars für Menschenrechte von 2023 stammen die in solchen Anlagen tätigen Menschen aus mehr als 80 Ländern, überwiegend aus China, Vietnam, Indien und den Philippinen, aber auch aus afrikanischen Ländern.

Wer verdient an den Scam-Zentren?

An der Spitze stehen organisierte kriminelle Netzwerke, häufig mit Verbindungen zu chinesischen Syndikaten. Sie betreiben die Zentren, stellen die Technik und waschen die Beute über Kryptowährungen und Briefkastenfirmen. In Myanmar profitieren lokale Milizen und Grenzschutztruppen, die Betreibern gegen Gebühren Schutz und Territorium bieten. Korrupte Beamte und Mittelsmänner, die den Menschenhandel organisieren, verdienen ebenfalls mit.

Laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) beliefen sich die Schäden durch solche Betrugsmaschen im ostasiatisch-pazifischen Raum 2025 auf 88 bis 114 Milliarden US-Dollar. In einem früheren UNODC-Bericht von 2024 waren die jährlichen Verluste durch Cyberbetrug in Ost- und Südostasien noch auf 18 bis 37 Milliarden US-Dollar beziffert worden.

Großrazzia in Malaysia

Parallel gab am Dienstag die Polizei im malaysischen Bundesstaat Johor Einzelheiten zu zwei Razzien in der Investorenstadt Forest City bekannt. Polizeichef Ab Rahaman Arsad teilte mit, bei den Einsätzen am 15. Juli seien 335 Verdächtige festgenommen worden, darunter 309 chinesische, 19 indonesische und vier myanmarische Staatsangehörige sowie mehrere Malaysier.

Sichergestellt wurden demnach rund 1.900 elektronische Geräte, darunter 313 Computer und 1.557 Mobiltelefone. Die Netzwerke arbeiteten aus 32 Wohnungen und Villen und zielten auf Opfer in China, Japan, den USA und Europa. Mindestens 194 der festgenommenen Ausländer sollen laut Ab Rahaman angeklagt werden. Die Polizei sucht nach dem mutmaßlichen Drahtzieher und will Interpol einschalten.

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